Österreich

Obwohl der Großvenediger noch etwas in den Knochen hing, sind mein Bruder und ich zwei Tage danach vom schönen Ort Kals aufgebrochen, um uns dem Großglockner zu nähern. Es war nicht recht einzusehen, ob eine Besteigung des Berges für uns machbar sein würde. Wir entschlossen uns dazu, einen Bergführer anzuheuern. Allein, um die werte Frau Mutter in der Heimat zu beruhigen. Am ersten Tag führte der Weg aus Kals heraus durch alpinen Nadelwald, über Lucknerhaus und Lucknerhütte, bis zur Stüdlhütte auf 2802 Metern. Die Hütte ist benannt nach einem Pionier des Alpinismus, Johann Stüdl. Das Wetter konnte sich nicht dazu durchringen, etwas Sonnenschein durch die Wolken zu lassen, im Gegenteil: Die meiste Zeit lag Nebel über den Bäumen und zwischen ihren Stämmen. Unterhalb der Stüdlhütte waren ausgedehnte Schneefelder zu queren. Der Aufstieg fiel trotz den 20 Kilo Gepäck – das Gewicht war durch den Verzehr von Teilen des Proviants nur geringfügig verringert worden – etwas leichter als noch am Venediger.


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Großglockner, Aufstieg zur Stüdlhütte.


Die Gastleute auf der Stüdlhütte fuhren ein leckeres Essen auf. Wir hatten ausgemacht, uns am nächsten Tag mit dem Bergführer zu treffen. Weil es an diesem Tag aber fast durchgehend regnete, blieben wir auf der Hütte und verschoben den Gipfeltag. Das war auch ganz gut so, mein Bruder fühlte sich nämlich abgeschlagen und in der Magengegend nicht ganz wohl, was er auf die drei Hefeweizen vom Vorabend zurückführte. Abends kam dann unser Bergführer, der Martin. Meine Befürchtung, es könnte sich womöglich um einen wortkargen Sonderling handeln, zerschlug sich schnell. Der Tag auf der Hütte ging recht unspektakulär zu Ende, ein Bier, ein gutes Essen, ein bisschen Smalltalk. Für die Höhenanpassung war die Rast aber sicher gut.


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Stüdlhütte.


Der Morgen brachte eine ganze Menge Neuschnee, Gipfeleuphorie und ein üppiges Frühstück um 5 Uhr. Unnötiger Ballast aus dem Rucksack landete in einem Spint, die Vorfreude auf den Aufstieg zum Gipfel wuchs minütlich. Als ich das erste Mal aus der Hütte trat, merkte ich vor allem, dass es wirklich schweinekalt war. Die Morgensonne, die unzählige schneebedeckte Gipfel in der Ferne mit ihren Strahlen touchierte und rot leuchten ließ, bot aber eine ganz gute Entschädigung.


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Stüdlhütte, Sonnenaufgang.


Aufbruch: Der Weg führte über viel Neuschnee, das Ködnitzkees und einen anstrengenden Grat zur Adlersruhe. Dort befindet sich die höchstgelegene Hütte Österreichs, die Erzherzog-Johann-Hütte auf 3454 Metern, die wir gegen 8.30 Uhr erreichten. Die Aussicht auf die umliegenden Gebirgsketten war schlichtweg atemberaubend. Die bizarre Wolkenbildung ließ den Finger immer wieder auf den Kameraauslöser wandern. Auf der Hütte tranken wir Tee, aßen Energieriegel und legten die Steigeisen an, sie waren auf dem relativ flachen Gletscher wegen des trittfesten Schnees bisher nicht nötig gewesen.


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Erzherzog-Johann-Hütte.


Nach einer kurzen Pause begann der finale Gipfelaufstieg über das Glocknerleitl, einen bis zu 40 Grad geneigten Eishang, der den Bergsteiger beinahe bis zum Gipfelgrat hinaufführt. Es tat gut, mit wenig Gepäck unterwegs zu sein – jeder Schritt kostet in dieser Höhe schon merklich mehr Kraft. Martin führte uns sicher, und das ziemlich beste Wetter für so eine Tour war die gerechte Entschädigung für unseren nebligen Irrweg am Großvenediger. Oberhalb des Eisfelds folgt auf der Normalroute auf den Großglockner dann ein sehr ausgesetzter, überwechteter Grat, der zu beiden Seiten mehrere hundert Meter abfällt. Man erreicht den Kleinglockner und steigt in die Glocknerscharte ab, von dort geht es über Kletterei im zweiten Schwierigkeitsgrat zum Gipfel.


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Kleinglockner, Glocknerscharte und Großglockner.


Um 10.30 Uhr standen wir schließlich oben, auf dem Großglockner, mit 3798 Metern der höchste Berg Österreichs. Wir aßen, tranken und machten viele Bilder, dort im Schnee, oberhalb einer Grenze, welche die Wolken an diesem Tag nicht erreichten. Von dort oben sahen sie aus wie Watte, die jemand scheinbar zufällig in den tief ausgeschnittenen Alpentälern drapiert hatte. Martin, der immer vorausgestiegen war, um zu sichern, beglückwünschte uns, und das verbrannte Gesicht vom Großvenediger tat in diesem Moment nicht ganz so weh.


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Großglockner, Gipfel.


Ein wenig stolz und überhaupt guter Dinge stiegen wir ab zur Stüdlhütte. Und wie uns der Tag da so herrlich erschien, eben so, wie sich ein guter Tag nur anfühlen kann, beschlossen wir mit dem übrigen Gepäck komplett vom Berg abzusteigen. Das hieß am Ende des Tages also: 1000 Höhenmeter hinauf und 2500 Höhenmeter nach Kals hinab. Es wäre eine glatte Lüge zu behaupten, dass unsere Knie und Waden das am Abend nicht gemerkt hätten.


Großglockner (3798 m)
Anreise: bis Kals am Großglockner (1324 m)
Hüttenzustieg: über Lucknerhaus (1918 m) und Lucknerhütte (2241 m), ca. 3-4 Stunden
Übernachtung: Stüdlhütte (2802 m), +43 4876 8209, 106 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD+ / II, ausgesetzter Grat, ca. 2-3 Stunden

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Es ist noch finster draußen, die Luft mild. Wir stehen auf der Terrasse des Hochjoch-Hospizes, bald wird der Tag heraufziehen. Talabwärts legen sich Lichtstreifen über den schwarzblauen Himmel hinter den Bergketten. Mit dem ersten Dämmerlicht nehmen wir den steinigen Pfad herunter zum Hintereisbach. Auf der anderen Seite erste schweißtreibende Serpentinen hinauf, um das Hochjochfernertal zu erreichen. Dort begleitet der Weg den Fluss, immer am Hang entlang, und dann fällt die Sonne über den Kamm. Auf der Schöne-Aussicht-Hütte, am hinteren Ende des Hochtals, ist es jetzt 8 Uhr. Wir bestellen Espresso und eine heiße Zitrone, wir rasten nur kurz. Der Weg auf die Weißkugel folgt ab hier erst dem Pfad hinab nach Kurzras in Italien, er biegt aber bald nach rechts ab und windet sich den Bergkamm hinauf. Man verliert nur wenig Höhenmeter. Der Boden ist trocken und staubig. Bald lassen wir den letzten Skilift hinter uns, der hier oben im Sommer deplatziert aussieht, fast fremdartig, wie die Gerätschaft einer untergegangenen Zivilisation. Dann endlich das Teufelsjoch, der Blickt fällt auf das Ziel des heutigen Tages.


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Weißkugel vom Teufelsjoch.
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Hintereisferner vom Teufelsjoch.


Wir marschieren und klettern den Gratrücken entlang, manchmal weicht der unmarkierte Steig von der Schneide ab und umrundet ein Steilstück. Rechts fällt der Kamm zum Hintereisferner ab, der sich vom Gipfel der Weißkugel über sieben Kilometer das Tal herunterzieht. Das Blockwerk ist an diesem Augusttag völlig schneefrei, ansonsten dürfte sich die Wegfindung schwierig gestalten. Irgendwann hat das Auf und Ab ein Ende, der Weg erreicht den Gletscher. Fußspuren ziehen hinauf zum Hintereisjoch, einer Einschartung des Südgrats, von dort geht es auf den Gipfel. Der Schnee ist schon etwas sulzig, kurz vor dem Joch sinken die Stiefel tief ein.

Wir erreichen die Scharte und stehen vor einer zehn Meter hohen Firnwand. Sie sieht so aus wie eine Welle, die kurz vor dem Brechen zu Eis erstarrt ist. Der Weg führt schräg links den Aufschwung hinauf, so umgeht er das Steilstück. Unter dem Eis fließt Wasser. Man hofft, dass die nicht allzu dicke Schneeplatte nicht doch irgendwann einmal einbricht. Der Weg zum Gipfel geht über einen breiten Firngrat. Die letzten Meter zum Kreuz erfordern konzentrierte Kletterei über ausgesetztes Blockwerk, das ein Abrutschen angesichts der etwa zweihundert Meter steil abfallenden Westflanke nur sehr bedingt verzeiht. Wir stehen auf dem Gipfel, es ist mittlerweile kurz vor Mittag.


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Weißkugel, Gipfelgrat.
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Hintereisferner (vorne) und Schnalskamm (hinten) von der Weißkugel.
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Wildspitze von der Weißkugel.


Über den Bergen formen sich immer mehr Quellwolken. Wir sind nicht sicher, ob noch ein Gewitter heraufzieht. In jedem Fall schnell absteigen, denken wir uns, denn wir wollen nicht den Normalweg nehmen, sondern den über den Hintereisferner. Die Schneebrücken dürften trotz voran geschrittener Tageszeit noch fest sein, außerdem ersparen wir uns zwei Stunden Wegzeit, die gewaltige Eiszunge wälzt sich durch das Tal direkt zum Hochjoch-Hospiz hinab. Der obere Teil des Gletschers ist zugeschneit, wir folgen älteren Spuren. Eine der Schneebrücken ist einen halben Meter breit offen, beim Überschreiten lassen sich die Ausmaße der tiefen, schwarzen Spalte erahnen. Der Großteil des Ferners ist allerdings aper und erzeugt keine Nervosität.

Wir laufen beinahe drei Stunden über die wuchtige Eisplatte, die überall von kleinen Bächen durchsetzt ist. Finden sie keinen Weg mehr talabwärts, bohren sie sich in den Gletscher hinein. Wir blicken in teichgroße Löcher mit glatten blauschimmernden Wänden, in die das Wasser viele Meter hinabstürzt. Den Grund kann man meist nicht sehen. Wir gehen nicht mehr angeseilt, über die meisten offenen Spalten können wir springen. Der Gletscher neigt sich seinem Ende zu. Unten angekommen kämpfen wir uns mit müden Beinen einen Schutthang hinauf, um den Weg zu finden, der zurück zur Hütte führt. Wir erreichen sie nach etwa elf Stunden, lange Pausen haben wir auf unserer Tour auf die Weißkugel nicht gemacht.


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Weißkugel vom Hintereisferner.


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Nach Harz und Blumen duften die Berghänge, der Tag ist jung, es geht auf den Hochgall, den höchsten Gipfel der Riesenfernergruppe in Osttirol. Wie viel Zuversicht und Zweifel passen in einen Tag?

I. Staller Sattel, 8 Uhr: AUFBRUCH / ZUVERSICHT

Die Sonne ist bereits die Felswände heruntergeklettert, durch Fichtenwälder hinabgestiegen, am Talgrund angekommen. Der Tag hat sich breitgemacht im Gebirge, strahlend, satt. Nur westseitig kleben noch ein paar Schatten an den Hängen.

Doch der Morgen hat eine leichte Kühle, die Luft eine Feuchtigkeit, ich bin spät dran für das, was ich vorhabe. Vor mir der Hochgall, mächtig und schroff. Die Südwand fällt 800 Meter ab, dann Bergweiden, dann Zirben. Ein Grat zeichnet eine schwarze diagonale Linie durch den Fels. Ich muss weiter nach Antholz Obertal, nach unten ins Tal, ich muss erst noch tiefer. Dort beginnt die Reise dieses Tages, aus den Schatten des Waldes hinauf zum kahlen Gipfel und den ganzen Weg wieder zurück.

Das Auto auf einem Parkplatz abgestellt, den Rucksack geschultert. Leicht ist das Gepäck, denn der Anstieg fordernd und lang. Den Einstieg zum Weg gefunden, das Wanderzeichen erspäht, schon geht es aufwärts. Steile Serpentinen, grobes Wurzelwerk, der Geruch von feuchter Erde. Die Fichten schirmen die Sonne ab, noch.

Was für ein Gefühl es ist, wieder hier zu sein, in den Bergen. Die morgendliche Kühle im Gesicht, der Schweiß im Nacken, die leichte Spannung in den Waden. Wie der Wald duftet nach Harz und Blumen! Wie mir leicht wird ums Herz!

Bergan, bergan, immerzu, ich bin so bereit. Die Augen lesen den Weg wie ein Schriftgelehrter das heilige Wort, gierig und sicher und kenntnisreich; die Füße finden Tritte und Stufen, bestimmt und rasch und sanft, sie huschen über Steine und Stöcke wie junge Gämse. Schon lichtet sich der Wald, rauscht der Bergbach in der Sonne, steigt die Hitze aus den Wiesen. So gehen die ersten Stunden dahin, ein heiteres Spiel ohne Mühen.


Antholzer Tal und Hochgall (Mitte rechts) vom Staller Sattel.

Auf dem Weg zur Antholzer Scharte, Blick zurück ins Antholzer Tal.

Unterhalb der Antholzer Scharte, Blick in Richtung Dolomiten.


II. Antholzer Scharte, 11.30 Uhr: RAST / PRÄSENZ

Die Vegetation hat sich zurückgezogen, ist Geröll und Steinen gewichen. Immer aufwärts geht es durch das Hochtal, nun der letzte steile Aufschwung, und ganz oben – Schnee. Ein alter, gräulicher Rest ist noch nicht geschmolzen unter dieser satten Julisonne, Zeuge eines langvergangenen Winters. Ja, hier auf über 2800 Metern kann es kalt werden, doch heute nur Wärme, Milde, liebliche Luft.

Abschüssige letzte Meter bergan, dann die Scharte. Der Blick fällt ins Hochtal auf der anderen Seite des Gebirgskamms, auf Geröllfelder, Moränen und einen Gletscherbach. Darüber ein nahezu wolkenloser Himmel, blasses Mittagsblau. Zeit für Brot, einen Apfel, Trockenfrüchte und etwas Schokolade. Ein einzelner Wanderer grüßt. Man tauscht sich aus, macht Fotos, doch viel Zeit ist nicht, der Weg ist weit.

Rechts des Tals türmt er sich auf, der Hochgall, der »hohe glänzende Berg«, wie es im Althochdeutschen heißt. Höchster Gipfel der Riesenfernergruppe. In einem nahezu perfekten 45-Grad-Winkel fällt der Nordwestgrat seitlich ab, scharf gezeichnet von der Sonne. Der Gipfelaufbau thront als graue Pyramide über den umliegenden Bergen, die Perspektive macht es, ja tatsächlich: ein Mount Everest in Miniatur.

Der stürmische Rausch des morgendlichen Aufstiegs ist aus mir gewichen, Ratio eingekehrt. Ich rechne und kalkuliere, schätze und prüfe, versuche den Weg vor mir mit meinen Augen in Stundeneinheiten aufzuteilen. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Ich muss nun zunächst wieder etwas absteigen. Wann erreiche ich die Furt, ab der es wieder bergan geht, wann das Graue Nöckl, jene Erhebung am Anfang des Gipfelgrats? Heiß brennt die Sonne aufs Gestein, der Tag wartet nicht, wohlan, die Beine sind stark.


Antholzer Scharte.

Hochgall mit Nordwestgrat von der Antholzer Scharte.


III. Hochgall, 15 Uhr: GIPFEL / EUPHORIE

Der Weg hinauf über den Grat zieht sich, erst zum Grauen Nöckl, dann über Drahtseile hinab in eine Senke und fortan wieder nach oben. Links fällt die Wand ab, rechts der steinige Hang. Ein Schneefeld muss gequert werden, abschüssig, auf sorgsamen Sohlen also, die für eine Minute die vergangenen Stunden in Waden und Oberschenkeln vergessen. So muss es sein, sonst wird es gefährlich.

Auf dem Gipfel dann: Erleichterung, Euphorie. Die Sonne hat ihre höchsten Bahnen wieder verlassen. Wolkenflocken über Berggipfeln, das Blau des Himmels. Die Aussicht geht im Norden bis zu den Zillertaler Alpen, weiter rechts zu Venedigergruppe und Glocknergruppe. Im Süden erheben sich die Dolomiten, im Licht und im Schatten, je nach Himmel. Feine Spitzen sind es, wie sorgsam herausgearbeitet mit ruhiger Hand und spitzem Meißel.

Ein Panorama zu allen Seiten; die satten Farben eines Hochsommertages, tannengrün, wiesengrün, felsenbraun, wandgrau, schneeweiß; eine verträumte Collage. Erhebend ist das Gefühl, Grandeur der Berge, Erbauung der Seele über den winzigen Dörfern der Menschen, irgendwo dort unten, wo der Tag schon bald wieder zu schwinden beginnt.


Hochgall-Nordwestgrat vom Grauen Nöckl.

Hochgall-Vorgipfel mit Beginn des Nordwestgrats.


IV. Weggabelung Hochgallhütte, 17.15 Uhr: ABSTIEG/ ZWEIFEL

Der Abstieg vom Grat: mühsam. Ich muss grobe Felsblöcke umklettern, weil ich die genaue Route nicht ausmachen kann, es gibt keine Markierungen. Undurchsichtig scheint mir der Weg nun, ganz anders als zuvor.

Das Gestein ist brüchig. Ein »einziger Schutthaufen« sei der Hochgall, sagt ein Bergführer später. Es ist so. Die Griffe sind vorsichtig, die Augen können das Gelände bergab nicht so gut lesen wie bergauf. So wird die Fortbewegung unendlich langsam. Die Beine müssen die Spannung eines zaghaften Tritts aushalten, vortastend, prüfend. Immer wieder. Es kostet alles ungeheure Kraft, aber es ist der einzig sichere Weg.

Ab dem Grauen Nöckl scheint die Anordnung der Steinmänner, die auf dem Weg zum Gipfel die Route gezeigt haben, unerklärlicherweise seltsam verschoben, gar unsichtbar. Über grobes Blockwerk muss ich hinab, doch welche Richtung einschlagen? Die Tritte sind weit und tief, erschüttern die Gelenke, zermürben die Muskeln.

Nach drei elenden Stunden Abstieg kommt endlich die Furt. Beine wie Säcke voll Mehl, doch voraus bloß der Gegenanstieg zur Scharte. Die Füße lassen sich kaum noch heben, jetzt dringend Schokolade, und Wasser, Wasser, nur immer mehr Wasser, die drei Liter aus dem Rucksack sind längst leer, da ist der Bach.

Ich weiß nicht, ob ich noch weitergehen kann. Rechts führt der Weg zur Hochgallhütte, dort wartet ein Bett für die Nacht, und der Tag verabschiedet sich schon, einsamer Nachmittag im Hochgebirge. Eine Stunde wäre es vielleicht, doch der Pfad zur Hütte führt in ein anderes Tal, weg vom Auto. Keine Ersatzkleidung, keine Zahnbürste. So will ich mich nicht betten, also doch weiter, hinauf zur Scharte, ein Kraftakt.


Dolomiten von der Antholzer Scharte.


V. Antholz Obertal, 21.15 Uhr: ANKOMMEN / RUHE

Rast in der Antholzer Scharte, die Beine haben sich erstaunlich gut angestellt, ja angepasst, als wüssten sie nun, das ist noch nicht das Ende. Es hat sich nun jene Tür aufgetan, hinter der vieles möglich ist, noch eine Stunde, drei Stunden, fünf. Es scheint plötzlich egal. Die Mühsal wird zum steten Begleiter, das ist in Ordnung.

Die Wolken hängen am Himmel wie abstrakte Plastiken, zackige Dolomiten-Gipfel am Horizont. Wie versöhnlich es ist, dieses warme, seichte, liebevolle Abendlicht. Dort unten in Antholz hat die Nacht bereits damit begonnen, die Wiesen einzunehmen, unaufhaltsam rückt sie vor auf die andere Talseite. Die letzten zweieinhalb Stunden des Weges liegen im Schatten.

Hinab geht es nun wieder, zuerst über steinige Pfade, dann hinein in die Wiesen und schließlich in die immer noch duftenden Zirben. Es sind 1300 Höhenmeter von der Scharte zum Parkplatz, und jeder von ihnen foltert die Beine. Stumpf fühlen sie sich an, seltsam angespannt und doch labil, wie kurz vor dem Wegknicken. Verzweiflung bei jedem Schritt, Unwille, Resignation. Doch kein Obdach gibt es hier.

Als es den Muskeln schließlich widerstrebt, die Schritte des müden Wanderers abzufedern, bleibt nur noch der Trab, ja tatsächlich, ich komme ins Laufen. Es ist so viel angenehmer für die Beine als das Gehen. Die Fichten sind zurück, doch der Atem schwächelt, obschon es bergab geht. Die Anstrengung sitzt jetzt auch in den Lungen. Trockener kalter Schweiß unter der Kleidung, trotz der fünf Liter.

Fast schon finster ist der Wald kurz vor dem Parkplatz, tückisch sind nun die Wurzeln, doch die Füße fliegen, noch ein letztes Mal, in dem Wissen, dass es alsbald vorbei ist. Erschöpfung und Euphorie, die Erinnerung an einen fernen Morgen, letzte Meter. Die Bäume lichten sich, Abendstille im Tal, die nackten Füße im Gras. Ich bin wieder zurück. Tiefe Ruhe.



Hochgall (3436 m)

Anreise: vom Defereggental über den Staller Sattel bis Antholz Obertal (1550 m)
Gipfel: über Antholzer Scharte (2811 m), Weggabelung in Richtung Kasseler Hütte (ca. 2700 m), Furt (ca. 2580 m), Graues Nöckl (3084 m) und den Nordwestgrat
Schwierigkeit und Gehzeit: AD- / II, ca. 7-9 Stunden ab Antholz Obertal


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