Bolivien

La Paz/Sucre/Uyuni — Bolivien ist für mich das vielseitigste Land Südamerikas (ich habe allerdings noch nicht alle gesehen). Es gibt Wüsten, Regenwald, Vulkane und vergletscherte Sechstausender. Die Städte des Landes sind zwar nicht die größten Sehnsuchtsziele für Reisende, aber doch sehenswert. La Paz ist rau und karg, Sucre angenehm warm und kultiviert, und Uyuni? Nun ja: recht hässlich.

LA PAZ

La Paz


La Paz verlangt dem Reisenden viel ab. Das merkt jeder, der mit dem Flugzeug dort ankommt. Die Schutzhütten der Alpen liegen auf etwa 2500 Metern und damit bereits an der Baumgrenze. Der internationale Flughafen von La Paz-El Alto befindet sich dagegen auf knapp 4000 Metern. Wer die Maschine verlässt, braucht auch für kleine Schritte viel Atemluft, bevor sich der Körper an die Höhe gewöhnt hat. Bergsonne, kalte Nächte, dünne Luft: La Paz ist eine raue Stadt.

Wenn nach zwei bis drei Tagen die Akklimatisierung fortgeschritten ist, wird der Geist aufnahmefähig. Was stellt man fest? La Paz sieht aus wie in das Tal hineingefräst. Die Häuser krallen sich in die Hänge des Chokeyapu-Canyons wie widerspenstige Büsche. In der Downtown wechseln sich moderne Bürotürme, Stadtpaläste im Stil der Belle Époque und viktorianische Villen ab. Eine städtebauliche Ordnung ist schwer zu erkennen.

Oben in El Alto stehen die unverputzten Ziegelhäuser der Indigenen. Je höher die Wohngegend, umso ärmer die Bevölkerung, das ist ein typisches Muster. Der Höhenunterschied innerhalb der Stadt beträgt 1000 Meter. Es geht also meistens bergauf und bergrunter. Wie gesagt: Die Luft ist dünn.

Auf der Hauptstraße El Prado kollabiert am Nachmittag regelmäßig der Verkehr. Die Taxifahrer müssen dann eine besondere Kreativität bei der Wegfindung an den Tag legen. Direkt bei der Iglesia de San Francisco, dem repräsentativsten Bau der Stadt, beginnt die Calle Sagárnaga. Und was hier an Ausflügen angeboten wird, ist ebenfalls nichts für sanfte Gemüter mit dem Bedürfnis nach Entspannung.

Es ist zum Beispiel möglich, eine Tour auf den Gipfel des stark vergletscherten Huayna Potosí zu buchen, immerhin ein Sechstausender. Oder man steigt gleich auf den heiligen Illimani, der La Paz überragt wie eine strenge Frostgottheit. Alternativ kann man auf der Death Road, der camino de la muerte, mit einem Fahrrad über 3000 Höhenmeter hinab in die subtropischen Yungas brettern. Die Stoßrichtung ist klar: Weniger als ein halsbrecherischer Abenteuertrip ist kaum zu bekommen.

Am wenigsten wird die Verfassung des Reisenden in Alto Florida und Los Pinos strapaziert, in den südlichen Stadtteilen. Die Straßen sehen aus wie in amerikanischen Vororten, mit diners und kleinen Boutiquen. Wem das raue Klima der Hauptstadt auf den Körper schlägt, der kann auch mit Bus oder eben Mountainbike nach Coroico in die bereits erwähnten Yungas fahren. Dort ist es durchgehend T-Shirt-warm. Gute Erholung!


La Paz
La Paz
La Paz
La Paz
La Paz
La Paz: Millionenstadt auf 4000 Metern.


UYUNI

Uyuni


Um es kurz zu machen: Uyuni ist nicht schön. Schmucklose Baracken wurden hier in der Hochebene entlang schachbrettartiger Straßen angelegt. Der Wind pfeift frisch aus der Weite der Landschaft herüber. Es ist staubig.

Nach Uyuni kommen nur deshalb so viele Touristen, weil die Stadt neben der weltberühmten Salar de Uyuni liegt und zugleich der Einfallspunkt zur spektakulären Hochebene Südboliviens ist. Dort gibt es Lagunen mit rotem oder grünen Wasser und Flamingos vor schneebeckten Vulkanen.

In Uyuni sitzen all die Agenturen, die Mehrtagesausflüge mit dem Geländewagen in die Wildnis anbieten. Manche arbeiten kompetent, andere fahrlässig. Es ist ein ständiger Kampf um Kunden. Folgerichtig herrscht zwischen Urlaubern und Einwohnern ein zwischenmenschliches Klima, das im besten Fall von professionell-freundlichem Geschäftssinn geprägt ist.

In Uyuni hocken sich natürlich auch die jede Menge Rasta-Europäer in den Straßen zusammen. Die Angewohnheit, sich an öffentlichen Orten sofort im Schneidersitz auf den Boden zu setzen, sorgt bei den hart arbeitenden Bolivianern des Ortes selbstverständlich für skeptisches Stirnrunzeln. Vieles spricht dafür, dass die ebenfalls zahlreich präsenten und manchmal etwas verkrampft wirkenden asiatischen Reisenden viel mehr verstanden haben als die westlichen Backpacker mit ihren blöden Bollerstoffhosen.

Uyuni ist alles in allem eine Durchgangsstation. Was es Schönes zu sehen gibt, liegt außerhalb der Stadt. Man wartet darauf, dass die Tour endlich losgeht. Man gibt etwas zu viel Geld in den auf Touristen zugeschnittenen Restaurants aus. Am besten liest man endlich das »gute Buch«, das schon die ganze Zeit den Rucksack schwer macht. Oder man versucht, in 3571 Metern Höhe eine Runde laufen zu gehen. Sehr anstrengend!


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Uyuni
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Von Uyuni führt die Straße in Niemandsland.


SUCRE

Sucre


Zuerst wieder eine Aussage zum Klima, denn das spürt man als Reisender schließlich sofort: Es ist angenehm warm in Sucre. Die überschaubare Stadt liegt nur noch auf 2800 Metern. Sie ist nicht mehr den kalten Winden der Altiplano ausgesetzt.

Wer nach Sucre kommt, befindet sich an einem geschichtsträchtigen Ort. Bevor Bolivien 1825 unabhängig von Spanien wurde, hieß die Stadt La Plata. Die neue Namensgeber war Antonio José de Sucre, ein enger Vertrauter Simón Bolívars, des größten Helden der südamerikanischen Geschichte. Eine originalgetreue Kopie der Unabhängigkeitserklärung gibt es im Casa de la Libertad zu sehen. Das Original liegt im Safe der Nationalbank.

In Sucre findet man natürlich auch das typisch Bolivianische: die Märkte, die traditionell gekleideten Frauen und Männer, das Essen. Aber es gibt eben auch die ansehnliche Altstadt mit den Herrschaftsbauten aus der Zeit der spanischen Kolonisation, die absolut zurecht zum Unesco-Welterbe zählt. Sucre versprüht ein bürgerlich-heiteres Flair.

Wer durch Bolivien reist, wird in Sucre ein wenig zur Ruhe kommen. Was klug ist: es mit dem Sightseeing nicht übertreiben. Empfehlenswert sind so profane Tätigkeiten wie Spazierengehen und Kaffeetrinken. Eine schöne Aussicht bietet das Franiskanerkloster Convento La Recoleta. Oben angekommen zeigt sich Bolivien von seiner schönsten Seite.


Sucre
Sucre
Sucre
Sucre
Sucre
Sucre
Vielleicht die charmanteste Stadt Boliviens: Sucre.


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La Paz — Die Death Road komprimiert die Klimazonen Südamerikas auf eine vierstündige Abfahrt. Es ist so, als stauchten sich die Vegetationsstufen der Erde zusammen, ebenso wie die tropfenförmigen Serpentinen der Strecke. Die »gefährlichste Straße der Welt« windet sich hinab, von schneebedeckten Bergen bis hinunter in die Tropen, von der kalten Cordillera bis in die feucht-heißen Yungas. Mit dem Mountainbike ist es eine rauschhafte Fahrt, die immer am Abgrund entlangführt.

Den Höhenunterschied, die Gravitationskraft des Gefälles, den physischen Druck des Ortswechsels spürt man erst hinterher. Durch den Schmerz in den Handballen, durch das Knacken im Ohr und die seltsam gedämmten Geräusche. Man kann das Wechselspiel der Landschaft über die fast 3500 Höhenmeter nicht mit allen Sinnen aufnehmen. Dafür fordert die Abfahrt einem zu viel Konzentration ab.

Wir starten am Abra La Cumbre auf 4650 Metern. Der Wind fegt kalt über den Pass. Die Fahrräder werden vom Dach des Minibusses geladen, unsere Gruppe legt die Helme an. Direkt nebenan: schneebedeckte Gipfel, Nebel, ein Bergsee. Wir sind höher noch als La Paz, die Hauptstadt Boliviens, die an der Grenze der Altiplano-Hochebene liegt und deren Häuser an den Hängen eines weit ausgeschnittenen Talkessels festsitzen wie widerspenstige Büsche in einer kargen Felswand.


Death Road, Bolivien
Death Road, Bolivien
Spärliche Vegetation am La Cumbre in 4650 Metern.


Die Death Road, die camino de la muerte, wurde in den 30er-Jahren von paraguayischen Zwangsarbeitern gebaut, um das Hochland mit den Regenwäldern des Amazonasbeckens zu verbinden. 65 Kilometer ist die Strecke lang. Der erste Abschnitt folgt heute der neuen, asphaltierten Straße, die 2006 durch die Berge gelegt wurde. Auf der ursprünglichen Strecke sind bislang einfach zu viele Menschen in den Abgrund gestürzt oder von Schlammlawinen verschüttet worden.

Hochalpine, trockene Luft am La-Cumbre-Pass. Die ersten Meter in die Pedale treten. Kälte durchfährt das zu dünne Gewebe meines Oberteils, die Höhenluft reizt die Augen. Man muss sich überhaupt erst einmal an das Bergabfahren gewöhnen, an die Geschwindigkeit und das Kurvenverhalten. Der Helm sitzt sperrig auf dem Schädel. Immer wieder überholen uns schwere Laster.

Nach kurzer Zeit gibt die Straße den Blick frei auf ein Hochtal. Die Steilhänge des Gebirges verlieren sich in sattgrünen Wiesen, aber hier oben wächst noch kein Baum und kein Strauch. Mein Körper verkrampft auf dem Sattel, durch die Kälte, durch die starre, im Grunde reglose Haltung, denn es geht nur bergab. Strampeln muss man nicht. Die Fahrradhandschuhe können den Wind nicht abhalten.


Death Road, Bolivien
Die Serpentinen führen durch ein alpines Hochtal hinab.


Irgendwann verlässt unsere Gruppe die Hauptstraße und biegt ab auf die alte Yungas-Straße: einspurig, natürlich nicht asphaltiert, sondern erdig, voll Geröll. Immer am Hang und damit an der Schlucht entlang. Seit die neue Route eröffnet wurde, fahren hier nur noch vergnügungssüchtige Touristen hinab, die mutmaßlich niemals in die Not kommen werden, einen Lastwagen zum Broterwerb über eine derart schlecht gesicherte Straße steuern zu müssen.

Das Gefälle ist ganz ordentlich. Man spürt beim stetigen Abbremsen des Mountainbikes die Muskeln in den Unterarmen. Manchmal springt der Reifen über grobes Geröll: Sturzgefahr. Wer zu schnell in eine Kurve fährt, den transportieren die Fliehkräfte erst sanft über den Straßenrand hinaus und dann in den Abgrund. Wenig später ist man mit großer Wahrscheinlichkeit tot. Aber das scheint den bolivianischen Anführer unserer Gruppe nicht zu besorgen. Er fährt heiter vorne weg.

Der Minibus mit der Ausrüstung fährt mit einem gewissen Abstand hinter uns her. Der Fahrer darf sich glücklich schätzen, dass ihm auf dieser Straße keine Fahrzeuge entgegenkommen. Früher sind Laster und Autos in fatalistischer Regelmäßigkeit den Abhang heruntergestürzt. »Puta madre«, riefen dann die Insassen der folgenden Wagen. Doch es gab eben keinen anderen Weg in die Regenwälder.

Die Vegetation ist nun schon sehr üppig. Wir haben den Nebelwald erreicht und sind jetzt vielleicht noch auf 3000 Metern Höhe, eventuell schon niedriger. Kleine Wasserfälle prasseln rechts von uns auf die Straße und begleiten die Fahrt als Bäche am Wegrand. Ich bin seit – ich weiß es gar nicht – zehn Jahren kein Mountainbike mehr gefahren. Nach zwei, drei Stunden werde ich sicherer und teste die Spielräume meines fahrerischen Könnens aus. Die Luft ist warm, das Gefühl der Kälte nur noch vage Erinnerung.


Death Road, BolivienDeath Road, Bolivien
Straße ohne Geländer: Die Death Road hat sich ihren Namen verdient.


Irgendwann wird es richtig heiß. Ich öffne den Reißverschluss meines Hemds so weit es geht und krempele die Ärmel hoch. Die Straße ist jetzt staubig. Dreck hat sich auf der Haut gesammelt. Der Abhang links der Strecke ist nicht mehr so furchterregend tief. Es fühlt sich an, als könne man die erdige Wärme der Vegetation riechen, als würden alle Sinne miteinander vermischt zu einem wohlig-warmen Gefühl der Entspannung. Weite Aussicht über grüne Täler, aber immer nur für ein paar Sekunden.

Das Land ist wieder so fruchtbar, dass es von den Bolivianern bestellt werden kann. Hier wachsen Kaffee, Obstbäume und Coca. Der Anbau ist legal. Die Sträucher werden nicht zu Kokain weiterverarbeitet, sondern wandern als Genussmittel des täglichen Lebens auf die Märkte der Hauptstadt. Wir haben die Tropen erreicht.

Nur noch ein paar hundert Meter sind es bis zur Puente Yolosa auf 1200 Metern. Der Luftdruck im Ohr hat sich noch nicht an die neue Höhe angepasst, die eigene Stimme ist heruntergedimmt und dumpf. Die Sonne brennt auf den Schädel. In der Bauchfalte sammelt sich Schweiß. Wir holen das Trinken nach.

Nach gut vier Stunden ist die Fahrt zu Ende. Ich steige vom Fahrrad und fühle mich ein bisschen wie nach einer wilden Achterbahnfahrt: Die Erschöpfung ist da, obwohl man ja eigentlich die ganze Zeit nur herumsaß. Was bleibt, wenn das Gehör wieder klar ist, sind die schmerzenden Hände, die den Lenker umkrallt und das Gewicht des Körpers beim steten Bremsen aufgefangen haben. In ihnen sammeln sich die Wucht und Gewalt der Bewegung über 3500 Höhenmeter hinweg.

Wer Zeit hat, sollte nun mindestens zwei Nächte in Coroico entspannen.


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Angekommen in den Yungas: Blumen und Schmetterline.


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La Paz — Die Temperatur liegt unter null Grad. Wir sind fast auf 6000 Meter aufgestiegen und sehen nur die Schneeflocken im Lichtkegel unserer Stirnlampen. Rechts von uns, irgendwo tief unten in den Regenwäldern der Yungas, entlädt ein Gewitter Blitze in die Schwärze der Nacht. »Esto no es bueno«, sagt Luis.

Adrian hält sein Gesicht kurz gegen die Böen. In seinem Bart bleibt der Schnee hängen. Die Augen sind Schlitze, der Wind geht immer schärfer über die Haut. Von der kaum ermesslichen Weite des Amazonas-Beckens zieht ein Sturm herauf.

Wir stapfen einen Hang hinauf und sinken mit unseren Expeditionsstiefeln immer wieder tief in den Schnee ein. Oben biegt der Weg offenbar links ab. Adrian und ich haben keine Ahnung. Wir können unsere Augen wirklich kaum mehr offen halten. Nur Luis kennt die Route. Er ist Bergführer und hat den Huayna Potosí schon mehr als hundert Mal bestiegen. Das Wetter gefällt ihm ganz und gar nicht.

Eigentlich sollte es kein schwerer Aufstieg werden auf den 6088 Meter hohen Berg in der bolivianischen Cordillera Real, deren Gipfel der Reisende von der Hochebene der Altiplano und vom Titicacasee aus sehen kann. Von La Paz ist der Berg nur zwei Stunden mit dem Jeep entfernt. Auf 4750 Metern steht eine geräumige Herberge direkt neben einem Stausee auf dem Zongo-Pass, das Refugio Huayna Potosí.

Als wir dort eintrafen, gab es weder Heizung noch offenes Feuer. Die Räume waren kalt, und in der Nacht wärmten wir uns gegenseitig in einem Schlafsack.


Huayna Potosí
Lamas, Huayno Potosí
Refugio Huayna Potosi
Lamas, Huayna Potosí
Huayna Potosí
Alpakas beim Refugio Huayna Potosí, dem Sechstausender liegt ein Stausee zu Füßen.


Auf der Hütte rasteten wir einen Tag und eine Nacht. Wir beobachteten wenig scheue, womöglich domestizierte Alpakas und folgten immer wieder skeptisch dem Wechselspiel der Wolken am Gipfel des zerklüfteten Sechstausenders. Oft lagen die Gletscher im Nebel.

Der zweite Tag am Berg war ebenfalls ziemlich entspannt. Wir stiegen auf zu einem Hochlager auf etwas mehr 5100 Metern und bezogen eine kleine, orange Metallbüchse am Hang des Berges, die eigens der Agentur gehörte, über die wir unsere Besteigung gebucht hatten. Drinnen stand ein Hochbett mit Matratzen, ein kleiner Tisch, es gab eine Küchenzeile und Töpfe. Nudeln mit Soße waren das Abendessen.

Am Abend hofften wir auf gutes Wetter für den Gipfeltag: Adrian, der Franzose, der mit seinem Fahrrad einmal komplett durch Zentralasien gefahren war; Luis, der sehr junge Bergführer; der Dritte war ich. Es war wolkig, aber nicht düster. In der Ferne konnte man den heiligen Berg Illimani sehen, den zweithöchsten Gipfel Boliviens. Ein Sehnsuchtsziel.


Huayna Potosí
Huayna Potosí
Huayna Potosí
Illimani vom Huayna Potosí
Abenddämmerung im Hochlager, in der Ferne der mächtige Illimani.


Nun waren wir also kurz nach Mitternacht aufgebrochen und stehen jetzt rund 50 Meter unterhalb des Gipfels. Adrians Höhenmesser zeigt an, dass wir höher als 6000 Meter sind. Die Morgendämmerung lässt auf sich warten. Der Weg führt über einen ein Meter breiten Firngrat, der zu beiden Seiten ins Schwarz abfällt.

Weil wir die Wegrichtung gewechselt haben, bläst der Eiswind wieder direkt in unser Gesicht. Ohne Skimasken können wir nicht mehr geradeaus schauen. Die Haut im Gesicht ist schon taub. Wir bewegen uns langsam, aber nicht unbedingt wegen der Höhe, obwohl ich erst vor fünf Tagen in La Paz gelandet bin.

Luis dreht sich zu uns um und ihm steht irgendwie ungläubiges Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Wenn wir einfach weitergehen, fürchtet er, bläst uns der Sturm den Berg hinab. Wir beschließen also abzusteigen, kurz vor dem Gipfel.

Nach einer guten halben Stunde müssen wir eine Steilstufe hinabklettern, die mir beim Aufstieg gar nicht so hinderlich erschien. In niedrigerer Höhe klart der Sturm auf. Dämmerlicht kriecht über die Berghänge. Der Gipfel, den wir nicht erreicht haben, färbt sich im Morgenlicht rosa. Neben uns kollabiert eine Japanerin im Schnee.


Am Huayna Potos´
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Erschöpfung und Schrecken in den Gesichtern, düstere Wolken am Morgen.


Zurück im Hochlager stellen wir fest: Der Tag wird nicht sonderlich freundlicher, aber der Sturm am Gipfelgrat hat sich verzogen. Möglicherweise hätten wir den Gipfel erreicht, wenn wir eine halbe Stunde später aufgebrochen wären. Aber solche Überlegungen sind immer müßig und führen zu nichts.

Wir standen auf 6000 Metern in einem wirklich unangenehmen Sturm. Wir kühlten erbärmlich aus. Eisschnee im Gesicht hinderte uns am Sehen und Fortkommen. Natürlich möchte man gerne sagen: Wir standen auf dem Gipfel. Andererseits: Die 50 Meter mehr wären ohne Sturm kein Problem gewesen.

Ich erinnere mich an die Worte meines Bergführers in Peru: »The mountain will be here next year.« But maybe I will be not, denke ich.

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Die Fahrt durch die Hochebene Südboliviens führt zu Lagunen, steinernen Bäumen und Geysiren bis zu einem heißen Bad auf 4000 Metern. Fotos einer der spektakulärsten Landschaften der Welt.

Uyuni — Wer es während eines Aufenthalts in Südbolivien bei einem Besuch der Salar de Uyuni belässt, verpasst etwas. Denn noch viel eindrücklicher sind die Lagunen im Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Abaroa, die sich über das Hochland in der Grenzregion zu Chile verteilen. Reisende ohne zoologisches Vorwissen wundern sich über die Flamingos auf knapp 4000 Metern. Und plötzlich ist das Wasser auch noch bunt.

LAGUNA HONDA

Ein kalter Wind fegt über die Ebene. Ob die Vulkane hinter der Lagune zwei oder zwanzig Kilometer entfernt sind, lässt sich in dieser Landschaft nicht sagen. Das Wasser des Sees schimmert durch Mineralien grün wie ausgeblichene, matte Jade. Es sieht ein bisschen so aus, als befände man sich, ja wirklich, auf einem fremden Planeten.


Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda


ARBOL DE PIEDRA

Wind und Sand haben eigentümliche Monolithe geschliffen, die wie Bauklötze in der Landschaft herum liegen. Vor dem arbol de piedra, dem Steinbaum, halten die Geländewagen, damit die Touristen Fotos machen können. Manche klettern auch auf die haushohen Felsbrocken in der Umgebung hinauf.


Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree


LAGUNA COLORADA

Die Aussicht ist hier noch umfassender, der See noch weitläufiger. Bakterien und Mineralien sorgen dafür, dass das Wasser der Lagune eine rote Farbe annimmt. Die bekannten drei Flamingoarten der Region versammeln sich in dem Hochgebirgssee, aber der Laie kann sie natürlich kaum unterscheiden. Die Berge thronen, wie immer, in nicht abschätzbarer Entfernung über dem Wasser. Auch hier geht der Wind schneidend, man kann sich kaum über eine gewisse Distanz unterhalten.


Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada


NACHTLAGER

Die Pension für die Nacht besteht aus einigen schmucklosen Baracken. Von hier kann man am Nachmittag noch einmal loswandern, bergan für zwei Stunden oder drei, und dann über die Hochebene schauen, den Blick schweifen lassen über die verschiedenen Farben, die sich aufeinander stapeln in der Entfernung.


Laguna Colorada
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GEYSIRE & HEISSE QUELLEN

Der nächste Tag beginnt zwei Stunden vor Sonnenaufgang. Es ist bitterkalt in dieser Höhe. Mit dem ersten Tageslicht erreicht der Geländewagen einen Bergrücken, auf dem Geysire Dampf ins Dämmerlicht entlassen. Mit dem Wagen keine halbe Stunde weiter entfernt befinden sich heiße Quellen, die aus dem Innern der Erde beheizt werden. Das Wasser ist so warm wie in einer Badewanne, es ist wahres Vergnügen. Einige Touristen trauen sich trotzdem nicht, ihre Kleidung bei Temperaturen um den Gefrierpunkt abzulegen und in das Becken einzutauchen. Dampf strahlt in der Morgensonne.


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Die Salar de Uyuni ist der größte Touristenmagnet im Süden Boliviens. Doch weiter im Süden, an der Grenze zu Chile, warten noch schönere Ausblicke – Flamingos vor schneebedeckten Bergen.

Uyuni — Uyuni muss man nicht gesehen haben, darauf habe ich an anderer Stelle bereits hingewiesen. Den »Charme einer sibirischen Arbeiterstadt« (O-Ton Reiseführer) konnten wir zwar nicht erkennen, aber der Ort hat etwas Kärgliches und Verschlossenes, eine unpersönlich-kommerzielle Gastfreundlichkeit. Viele Menschen tragen hier ein Lächeln im Gesicht und Verachtung in den Augen.

Die Augen der Weltgeschichte richteten ihren Blick zuletzt im 19. Jahrhundert auf Uyuni, als der Ort eine strategische Bedeutung während des Salpeterkrieges gegen Chile einnahm. Bolivien verlor bei dieser Auseinandersetzung seinen Anschluss zum Pazifik. Derlei Trauma hat sich tief in das Bewusstsein der oft rührend melancholisch wirkenden Bolivianer eingegraben, zumal die wirtschaftliche Entwicklung der folgenden Nachkriegsjahrzehnte deutlich schleppender verlief als bei den siegreichen chilenischen Nachbarn, die sich mit der Provinz zwischen Antofagasta und Arica umfassende Salpetervorkommen gesichert hatten.

Heute, da die Wogen der Zeit über Uyuni gespült wurden, ist die Stadt eigentlich unbedeutend, wären da nicht die Touristen, die es aus allen Teilen Südamerikas an diesen Ort zieht. Denn von Uyuni aus sind dem Reisenden die menschenleeren Landstriche im Südosten Boliviens zugänglich, hier starten mehrtägige Ausflüge mit dem Geländewagen.

Der Besucher erwartet mehr oder weniger karge Eintönigkeit, aber was er in den folgenden Tagen sehen wird, löst in ihm abwechselnd ungläubige Erregung und ehrfürchtiges Schweigen aus.

SALAR DE UYUNI

Touristen springen leichtfüßig über Jeeps, stemmen mannshohe Getränkeflaschen, die umzufallen drohen wie der Turm von Pisa. Sie tragen anderen Touristen auf der Hand oder stampfen, ebenso riesenhaft, mit den Füßen auf ihnen herum.

Das Panorama der gleißend weißen Salzwüste im Süden Boliviens, der Salar de Uyuni, hebt die Proportionen auf. In allen Himmelsrichtungen sieht das Auge nur Salz und darüber meist wolkenlosen Himmel, die Linie des Horizonts trennt das Weiß vom Blau. Nur ab zu schleppt sich in distanzloser Ferne ein Jeep über die Ebene, scheinbar knapp über dem Boden schwebend wie eine schwarze, klumpige Drohne.

Wenn man bei Google Earth über Bolivien scrollt, scheint es sich bei dem weißen Fleck auf der Karte um einen Fehler zu handeln. Die Salar de Uyuni ist die größte Salzwüste der Welt, aber der Begriff ist irreführend: Eigentlich handelt es sich bei der Wüste um einen Salzsee. Nur vereinzelt gluckst Wasser durch eines der ojos im Salz, es störmt durch eines der »Augen« an die Oberfläche. Die Salzkruste ist bis zu sieben Meter dick.

»Weißes Meer« sagen die Einheimischen zu der salar. Und tatsächlich, im März und April, wenn Überschwemmungen große Teile der Salzpfanne unbefahrbar machen, bildet die Ebene einen natürlichen Spiegel. Die beste Aussicht bietet dann wohl der heilige Berg Tunupa nördlich des Sees, auf dessen Gipfel die gleichnamige Gottheit wohnen soll.

Die bedeutendste Geldquelle der salar ist aber nicht das zu gewinnende Speisesalz, sondern das gigantischen Lithium-Vorkommen, dessen Volumen auf 5,4 Millionen Tonnen taxiert wird. Bolivien, so schätzen manche, könnte in Zukunft den Erbfeind Chile als führenden Produzenten des silberweißen Alkalimetalls ablösen.

Touristen gelangen über den kleinen Ort Colchani auf das Salz. Von dort fährt der Geländewagen noch einige hundert Meter, bis er das berühmte Salzhotel erreicht, in dem – naheliegenderweise – alles aus Salz gefertigt ist: die Mauern, die Stühle, die Tische. Dies ist dann also der Ort, um Fotos zu machen. Besonders lange hält man es auf dem Salz nicht aus, das Sonnenlicht brennt unerbittlich und tut in den Augen weh.


Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni


CEMENTERIO DE TRENES

Auf der Agenda der Touranbieter von Uyuni steht auch der Friedhof der Eisenbahnen. Etwas außerhalb der Stadt verrosten hier alte Züge aus der Zeit des Minenbooms. Die Kessel bekommen jedes Jahr mehr Löcher, Radsätze verschwinden langsam im Boden. Eher wenig begabte Sprayer haben sich an den Metallskeletten ausgetobt, um die Reisenden aus aller Welt mit politischen und allgemeinphilosophischen Aphorismen zu belehren. Wenn der kalte Höhenwind weht, schwingt einsam eine leere Schaukel zwischen den Waggons. Neben den Schienen wächst wildes Gras.


Cementerio de Trenes
Cementerio de Trenes
Cementerio de Trenes


LAGUNA CAÑAPA

Es folgen nun etwa 150 Kilometer unbefestigte Landstraße von Uyuni bis Alota, einem kleinen Dorf mit einer Herberge für die Nacht. Die Landschaft ist baumlos, Braun- und Rottöne dominieren, und immer wieder tauchen schneebedeckte Berge am Horizont auf. Es herrscht kaltes, trockenes Hochgebirgsklima. Alota liegt 3816 Meter hoch.

Von dort geht es am nächsten Tag weiter zu den zahlreichen Lagunen auf der Hochebene Südboliviens. Glaubt man zunächst noch, dass das wiederholte Ansteuern von öden Gebirgsseen ein eintöniges Spektakel werden könnte, wird man gleich an der ersten Lagune eines Besseren belehrt.

Die überraschende Entdeckung: Das sind ja Flamingos im Wasser! Der zoologisch wenig belesene Reisende hat diese Tiere in viel wärmeren Klimazonen, ja regelrecht in den Tropen verortet. Bildungslücke: Flamingos sind extrem anpassungsfähige Tiere, die das Wasser aus vornehmlich alkalischen und salzigen Seen ohne Probleme trinken können und mit ihren Schnäbeln Kleintiere aus dem Wasser filtern. Kaltes Klima scheuen sie nicht: Die Temperaturen auf der Altiplano fallen im Winter oft deutlich unter minus 20 Grad Celsius – ein Umstand, der den in Bolivien beheimateten Arten kaum etwas ausmacht. Dort findet man zum Beispiel den Andenflamingo und seinen kleineren Artverwandten, den seltenen Jamesflamingo, den die Bolivianer chururu nennen.

Die Flamingos der Laguna Cañapa sind eher scheu, sie weichen den kleinschrittigen Bewegungen des Reisendem am Ufer mit großzügigem Vorsprung aus und verlegen ihren Ruheplatz an die andere Seite des Ufers. Dennoch, die gespiegelten Berge im glasklaren Wasser des Sees geben ein feines Panorama ab.


Laguna Cañapa
Laguna Cañapa
Laguna Cañapa
Laguna Cañapa


LAGUNA HEDIONDA

Spätestens an diesem Ort lässt sich die Szenerie kaum noch verarbeiten, ohne in spontane Ausrufe des Staunens zu verfallen.

Die Flamingos stolzieren durch die Lagune, als liefen sie auf einem Spiegel. Wenn der Fotograf weit genug in die Hocke geht, bildet das Ufer auf der anderen Seite durch die Perspektive eine Symmetrieachse. Die Tiere bewegen sich – wenn überhaupt – nur langsam, und das Bild scheint in einem nahezu surrealen Panorama zu verharren. So viel Anmut hat der Reisende in dieser unwirtlichen Landschaft nicht erwartet.

Erst als der Guide zum Aufbruch bittet, können sich die Augen von dem See abwenden. Doch es soll noch schöner werden…


Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda


Salar de Uyuni

Reisezeit: ..Am günstigsten sind Reisen nach Bolivien in der trockenen Jahreszeit zwischen Mai und Oktober. Während der Regenzeit sind manche Straßen womöglich nicht passierbar. Die Salar de Uyuni ist im März und April teils noch überschwemmt, sodass nicht alle Ausflugsziele angesteuert werden können.

Anreise: ..Boliviens Hauptstadt La Paz ist von Europa aus eher mühselig und nur mit Zwischenstopp in Lima zu erreichen. Von dort am besten mit einem Nachtbus weiter nach Uyuni. Die Salzwüste und die Lagunen sind nur per Geländewagen zu erreichen.

Einreise: ..Reisende aus Deutschland bekommen in der Regel eine Aufenthaltsgenehmigung für 90 Tage. Manchmal stellen die Einreisebehörden aber nur eine Genehmigung für 30 Tage aus.

Veranstalter: ..Alle Touranbieter für die Salar de Uyuni und die Lagunen im Süden sitzen in Uyuni. Möglich sind Tagesausflüge auf die Salzpfanne und mehrtägige Touren, die alle touristischen Highlights bis zur Grenze zu Chile abdecken. Eine Tour mit zwei Übernachtungen, Fahrer und Verpflegung kostet umgerechnet etwa 80 Euro. Es lohnt sich, Informationen über die Seriosität der Anbieter einzuholen und die Empfehlungen anderer Reisender zu beachten: Manche Guides setzen sich volltrunken ans Steuer, nicht selten gibt es Unfälle.

Übernachtung: ..In Uyuni gibt es zahlreiche Hostels und kleine Hotels, die sich auf die Touristenscharen vor Ort eingestellt haben. Im Süden des Landes übernachten Reisende während der Tour in der Regel in Gruppenschlafsälen.

Geld:..In Uyuni gibt es ATMs, die gängige Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro sind etwa 9 Bolivianos (Stand Mai 2013).


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