Ecuador

Jugendbanden, Raubüberfälle, Gewalt: Quito gilt für Reisende als eine der gefährlichsten Großstädte Südamerikas. Aber was soll das genau heißen? Eindrücke von einem Ort, an dem Polizisten auf Segways fahren.

Der Mann im Park trägt eine Maske wie ein Bankräuber: ein Kopf in Comic-Optik. Doch der Typ bedroht niemanden, er bringt die Menschen zum Lachen. Mehrere Dutzend sitzen im Gras und hören den Sprüchen des Maskierten zu. Mein Spanisch ist zu schlecht, um die Worte zu verstehen. Ich frage einen Zuschauer, wer hier dargestellt werden soll. Rafael Correa. In Ecuador kann sich ein Kabarettist in einen Park der Hauptstadt stellen und öffentlich den Präsidenten verspotten, ohne unangenehme Folgen fürchten zu müssen.


Komiker im Parque El Ejido.


Quito, das sind schneeweiße Kirchen, museale Gassen und schneebedeckte Vulkane am Horizont. Was für ein Schmuckstück. Der Parque El Ejido, die Bühne unseres Komikers, liegt genau zwischen der Altstadt und dem Backpacker-Viertel Mariscal, also zwischen den zwei Hauptorten, an denen sich Touristen aufhalten. Ich spaziere zwischen den Vierteln hin und her, als wäre es der harmloseste Zeitvertreib der Welt. Doch ich gehe anscheinend ein großes Risiko ein.

CRIME CITY

»Die Gefährdung durch Kriminalität und Gewaltbereitschaft ist in Ecuador hoch«, steht in den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes. Ein erhöhtes Risiko bestehe in Quito. Hoch, höher, Hauptstadt? Nun hat die staatliche Repression Andersdenkender in den meisten Ländern wenig mit der Sicherheitslage für Touristen zu tun. Doch die heiteren Menschen im Park vermitteln mir Sorglosigkeit. Keine bösen Blicke, nicht einmal prüfende. Keiner nimmt mich ins Visier und wägt ab, was bei mir zu holen wäre. Jedenfalls fällt mir niemand auf, und ich habe einen sensiblen Sensor für sowas.

La Mariscal, Plaza Foch. An dem zentralen Platz sitzen Dutzende Rucksackreisende in den Cafés und Restaurants. Eine Live-Band spielt. Die Höhensonne scheint kräftig, Quito liegt auf 2850 Metern. In den Seitenstraßen finden sich viele Hostels, aber auch Agenturen, die Ausflüge in die Anden anbieten, Wandern, Trekking. Mariscal wird Gringolandia genannt, wegen der vielen Touristen. Klingt wie ein Freizeitpark.


Gringolandia: Unterwegs in Mariscal.


Ich laufe nicht nur tagsüber durch Mariscal, sondern auch nachts. Die Straßen sind dann erst recht voll. Musik dringt aus Bars und Clubs, Lady Gaga und 50 Cent, Konsens-Pop. In den Läden mischen sich Ecuadorianer unter die Ausländer, Gringos kippen Shots, Tanz und Temperament, alles harmlos. Draußen, gegen Mitternacht, sehe ich ein paar nicht so eindeutige Blicke in der Dunkelheit, was am Alkoholkonsum liegen dürfte. Die Bürgersteige sind voller Menschen, alles safe. Ich laufe allein zu meinem Hotel, Avenida 6 de Diciembre, wie jeden Abend. Tagsüber, nach dem ersten Kaffee, spaziere ich durch Mariscal. Gringolandia, dies ist ein Ort für mich. Ich bin vergnügt.

In den Reise- und Sicherheitshinweisen heißt es: »In größeren Städten, an touristischen Schwerpunkten (z.B. Ausgehviertel Mariscal Sucre in Quito) und in öffentlichen Verkehrsmitteln kommt es in erheblichem und weiter steigendem Umfang zu Diebstählen, Raubüberfällen und Sexualdelikten.« Die Täter wendeten verschiedenste Tricks an: Ablenkungsmanöver, Bußgeld-Erpressung unter Verwendung falscher Uniformen, Raub oder Vergewaltigung nach Verabreichung von bewusstseinsmindernden Drogen in Speisen, Getränken oder auf Prospekten, Überfälle durch Taxifahrer in nicht registrierten Taxis, die aktiv Kunden ansprechen. Wie passen diese drastischen Warnungen mit meinen Eindrücken zusammen?

IN DER HAND DER GANGS

Es ist Sommer 2016, als ich Quito besuche. Als mein Artikel über Ecuadors Hauptstadt veröffentlicht wird, meldet sich Blogger Florian Blümm zu Wort und fragt skeptisch nach: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass man im Mariscal mittlerweile nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße kann, oder?«

Florian war selbst Ende 2012 in Quito, wie er schreibt. Damals sei Mariscal praktisch »Bandengebiet« gewesen. »Läden wurden demoliert. Das Hostel hatte dicke Gitterstäbe.« Ein Deutscher aus seinem Hostel sei frühmorgens auf dem Weg zum Bus mit dem Messer überfallen worden und habe Kamera, Geld und alles außer den Reisepass abgeben dürfen. Quito sei einer der unsichersten Großstädte Südamerikas.

Florian fragt: Hat sich in den vergangenen vier Jahren wirklich so viel verändert? Ich kann – ohne den Vergleich zu haben – nur mutmaßen. Offenbar schon.


Die Altstadt von Quito ist seit 1978 Unesco-Weltkulturerbe.


VULKANE AM HORIZONT

Die Telefériqo entrückt mich von der Stadt. Die Seilbahn führt zu den oberen Hängen des Rucu Pichincha. Wer die Kabine verlässt, steht auf fast 4000 Metern, doch der Gipfel ist immer noch fern. Gewaltige Anden. Dimensionen, die das Auge ständig täuschen. Von hier oben ist der Blick spektakulär. Unten die Stadt, die sich über 50 Kilometer von Norden nach Süden durch das Hochtal schlängelt. Und in der Ferne die Vulkane. Aber was für welche. Links der Cayambe, Ecuadors dritthöchster Berg, 5796 Meter. Mittig der für Alpinisten anspruchsvolle Antisana. Und rechts der bekannte Cotopaxi, der häufig Asche ausspuckt, ein vergletscherter, symmetrischer Kegel wie gemalt. Ich schaue, staune, schieße Fotos.

Viele Menschen haben sich an den Aussichtspunkten hier oben versammelt. Tagesausflügler, Einheimische. Manche unternehmen Ausflüge zu Pferd, eine Tageswanderung führt auf den Rucu Pichincha. Ich laufe ein paar Hundert Meter bergan. Warten auf die Nacht. Auf die blaue Stunde, wenn die Sonne nur noch die Gletscher anstrahlt. Das Lichtspiel ist in alle Richtungen betörend. Besser als Kino. Irgendwann leuchtet Quito in der Dunkelheit. Ich mache die letzten Fotos, mit Langzeitbelichtung. Rasch wird es kalt, Zeit für mich, die Seilbahn ins Tal zu nehmen.

Das Auswärtige Amt schreibt: »Auf Wanderstrecken zu beliebten Touristenzielen (z.B. Lagune San Pablo und Wasserfall El Peguche bei Otavalo, Vulkan Pichincha via Bergstation Cruz Loma und in der Umgebung von Vilcabamba) kam es in der Vergangenheit mehrfach zu Überfällen bzw. Gewaltverbrechen. Auf lokale Hinweise sollte besonders geachtet werden.« Klingt übel.



Cotopaxi, Rucu Pichincha, Cayambe.


Wie sicher ist ein Ort auf Reisen? Das ist eine häufige und schwer zu beantwortende Frage. Ich glaube, es hängt sehr von der persönlichen Erfahrung ab. Aber vielleicht fühle ich mich in Quito nur sicher, weil mir noch nie etwas Schlimmes passiert ist. Alles halb so wild, bis der Ernstfall eintritt? Alles Glückssache?

EINE FREUNDLICHE WARNUNG

Am Rand der Altstadt, nahe der Jungfrau von Quito auf dem Panecillo, verstoße ich mutwillig gegen eine der wichtigsten Sicherheitsregeln: keine Wertsachen offen zeigen. Ich bleibe immer wieder stehen, hole die Fotokamera aus meinem Rucksack und nehme mir Zeit für die vielen hübschen Motive. Ein Quiteno hält kurz an, kurbelt das Autofenster herunter und ruft »¡Cuidate!« Vorsicht! Ich ignoriere die nächste Regel: auf die Einheimischen hören. Aber ich schaue mich ganz oft um. Beobachtet mich jemand? Nein. Später, am belebten Plaza de la Independencia, halte ich den Mann im Auto endgültig für einen übervorsichtigen Kauz, den das Leben misstrauisch gemacht hat.

Kinder füttern Tauben, Frauen diskutieren den Tag, alte Männer sitzen unergründlich schweigend unter den Bäumen. Springbrunnen plätschern, umringt vom Präsidentenpalast, der blütenweißen Kathedrale und dem Luxushotel »Plaza Grande«. Ältere Touristen in beiger Trekkingkleidung stolpern etwas ungläubig durch die Szenerie. Das Centro Histórico ist Pflichtstopp organisierter Rundreisen. Ich steige auf die Türme der Basilica de Volo Nacional, trinke einen jugo im Café des alten Teatro Bolivar und kaufe mir einen Schal aus Alpakawolle. Viele Menschen machen Selfies in den Straßen. Gelöste Stimmung. Wie gefährlich kann ein Ort sein, an dem die Touristenpolizei auf Segways patrouilliert?


Plaza de la Independencia, Blick von der Basilica de Volo Nacional.


SONNTAGS IM PARK

New York war einmal sehr unsicher. Als Tourist nach Harlem zu fahren, erforderte stabiles Gottvertrauen. Doch die Stadt räumte auf, die Kriminalität nahm ab. Ist etwas Ähnliches in Quito passiert? Die Stadt hat jedenfalls auch eine Art Central Park, den Parque La Carolina. Aus der Vogelperspektive ist die Ähnlichkeit des Grundrisses nicht zu übersehen. La Carolina liegt lang gestreckt mitten in Quito an der Avenida Amazonas mit ihren Bürotürmen. Der Park ist kleiner als das Vorbild am Big Apple, aber die Dichte an Menschen am Wochenende ist ähnlich. Mindestens.

Ich trete ein und stehe quasi auf einem riesigen Volksfest. In einer künstlichen Lagune fahren Tretbötchen im Kreis. Die Menschen spielen Fußball, Basketball, eine ecuadorianische Variante des Volleyballs, sie joggen und turnen – die meisten liegen allerdings einfach in der Sonne, essen Eis und passen auf, dass ihre Kinder nicht ausbüxen. Ich setze mich unter den Schatten eines Baumes und beobachte das Geschehen. Ich stand vor zwei Tagen auf dem Chimborazo, ich kann Entspannung gebrauchen. Der Sonntag ist sonnig und warm. Freundliche Blicke für den Gringo. Das hier sind nicht die Armen und Ärmsten. Die allgegenwärtige Heiterkeit wirkt vollkommen selbstverständlich.


Künstliche Wasserstraße im Parque La Carolina.


Das britische Außenministerium erklärt, Überfälle und Diebstähle seien »very common« – besonders in La Carolina. In der renommierten New York Times heißt es noch im März 2018, die Kriminalität in Quito sei ein erhebliches Problem. Überschrift des Artikels: »Five Destinations That Call for Caution«. Die anderen Risikoziele sind Karatschi, Caracas, Ho-Chi-Minh-City und Rangun. Das kommt mir ziemlich willkürlich vor. Wem hilft diese Information?

Nachdem ich die Stadt allein erkundet habe, kann ich sagen: Ich halte Quito im Vergleich zu anderen südamerikanischen Großstädten nicht für besonders gefährlich. Jedenfalls nicht die Ecken, an denen man sich als Tourist aufhält. Die gängigen Sicherheitstipps sollte man trotzdem beherzigen und sich nur darüber hinwegsetzen, wenn man glaubt zu wissen, was man tut – und dann kann man natürlich immer noch Pech haben, wie überall auf der Welt. Wer aber nur die Sicherheitshinweise liest, bekommt den Eindruck, Quito sei ein bedrohlicher Hexenkessel. Das ist mit der Wirklichkeit vor Ort nur schwer ein Einklang zu bringen.



Quito am Abend.

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Alexander von Humboldt versuchte 1802, den Chimborazo zu besteigen, und machte den höchsten Vulkan Ecuadors zu einem Mythos. Wer den Fußstapfen des berühmten Forschers folgt, kommt dem Himmel ganz nah.

Alexander von Humboldt bluten die Hände, als er sich die Hänge des Chimborazo hinaufkämpft. Es ist der 23. Juni 1802 in den Anden des heutigen Ecuadors, das scharfe Vulkangestein schlitzt dem neugierigen Universalgelehrten bei jedem Fehltritt die Haut auf.

»Unsere Begleiter waren vor Kälte erstarrt und ließen uns im Stich«, wird Humboldt später in seinem Tagebuch notieren. »Sie versicherten, sie würden vor Atemnot sterben, obwohl sie uns wenige Stunden zuvor voller Mitleid betrachtet und behauptet hatten, daß die Weißen es nicht einmal bis zur Schneegrenze schaffen.« Das war eine Fehleinschätzung. Der berühmte deutsche Naturforscher steigt so hoch wie kein Mensch zuvor.

Mit dem Versuch am Chimborazo, der damals als höchster Berg der Erde galt, begründete Humboldt einen Mythos. Er inspirierte Schriftsteller und Maler. Simón Bolivar stilisierte den eigenen Gipfelsturm 1822 gar zum Symbol für die Befreiung Südamerikas von den Spaniern. Heute ziert der 6268 Meter hohe Vulkan das Wappen Ecuadors.


Mythos Chimborazo: der höchste Berg Ecuadors.


Während Humboldt damals noch das Fehlen eines einheimischen Führers beklagte, müssen heutige Trekkingtouristen auf diese Hilfe nicht verzichten. Die Agenturen in Ecuadors Hauptstadt Quito bieten eine kommerzielle Besteigung des technisch leichten Vulkans auch für Reisende an, die noch nie auf Steigeisen gelaufen sind. Der Gipfel ist vermessen und erforscht. Gezähmt und entzaubert, könnte man sagen. Nein, der Aufstieg auf den Chimborazo ist keine Pionierleistung mehr, aber immer noch ein gewagtes Unterfangen. Kein Scheinabenteuer mit Erfolgsgarantie. Viele scheitern, an der Höhe, an der Kondition.

»Todo bien?« Alles in Ordnung? Bergführer Wily Rivera Iza, 29, dreht sich in der milden Gipfelnacht immer wieder zu mir um und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. Es ist gut zwei Stunden nach Mitternacht, jenseits von 5200 Metern. Sterne funkeln am Himmel. Die Route führt bald nur noch über Gletscher, es geht steil bergan. Und die Luft ist schon ziemlich dünn. Das Atmen fällt schwer. Sí sí, todo bien, noch.


Bergführer Wily: Todo bien?


Wer sich unvorbereitet an den Chimborazo wagt, wird scheitern oder riskiert seine Gesundheit. Eine gute Akklimatisierung ist alles, sonst droht soroche, die Höhenkrankheit.

Die Symptome beschrieb Humboldt schon vor mehr als zweihundert Jahren: »Wir fühlten eine Schwäche im Kopf, einen ständigen Schwindel, der in der Situation, in der wir uns befanden, sehr gefährlich war.« Hinzu kamen Übelkeit und Zahnfleischbluten. Der Forscher erfasste den Effekt der Höhe auf den Körper sehr präzise: Der geringe Sauerstoffpartialdruck sorgt dafür, dass die Lunge weniger Sauerstoff aufnehmen kann als auf Seehöhe.

Für den Chimborazo braucht man deshalb eine Woche Zeit. Und wer nur nach Ecuador reist, um möglichst schnell auf den Gipfel zu steigen, macht sowieso etwas falsch. Denn die dreihundert Kilometer lange »Straße der Vulkane« ist in ihrer kargen Schönheit viel zu bestechend, um die Anwesenheit in den ecuadorianischen Anden allein einem sportlichen Ziel zu unterwerfen. Es geht um Anmut und Ästhetik, demütiges Schauen und Staunen. Fast wie nebenbei steigt man da auf die niedrigeren Gipfel, um sich zu akklimatisieren. Der Blick geht so selten wie nötig auf den Wanderweg und so häufig wie möglich in die Ferne.


Vulkanberge Cayambe, Antisana: Riesen in der Ferne.


Fünf Tage vor der Gipfelnacht am Chimborazo sitze ich mit meinem Bergführer Wily auf der Terrasse einer hübschen Hacienda nördlich von Quito. Wir besprechen die Touren: zuerst auf den Fuya Fuya (4263 Meter), dann auf den Imbabura (4630 Meter), zuletzt die obligatorische Technikschulung am Vulkan Cayambe in rund 5000 Metern Höhe.

Wily stand schon mehr als hundert Mal auf dem Gipfel des Chimborazo. Für mich wäre es mein bis dahin höchster Berg, deutlich mehr als 6000 Meter. »Wenn du dich nicht gut angepasst hast, wirst du Probleme bekommen, und wir müssen umkehren«, warnt mich der kleine stämmige Ecuadorianer mit den sanften Augen. In großer Höhe seien sogar Halluzinationen möglich. »Manche Kunden haben dort schon Bären und Füchse gesehen.« Andere, wie man weiß, einen Schneemenschen namens Yeti…

Einstweilen sind das ewige Eis und die halluzinogene Höhenluft noch weit weg. Warm scheint das Abendlicht auf die Berge rund um den Ort Cayambe. Die Hacienda ist prachtvoll gelegen, allerdings nur auf 2800 Metern. Etwas dürftig für die nächtliche Akklimatisierung.


Abendstimmung auf der Hacienda nördlich von Quito.


Die Tour auf den Fuya Fuya beginnt überaus zahm an der Laguna Mojanda auf 3600 Metern. Páramo heißt die tropisch-alpine Landschaft nahe des Äquators in dieser Höhe. Gelb blüht der Romerillo. Vom Kratersee aus verläuft der Trampelpfad durch das typische Ichu-Gras, das hier paya genannt wird. »Die Menschen benutzen es zur Dämmung ihrer Häuser«, klärt Wily auf. Dann zerreibt er einen Strauch, der leicht nach Minze riecht und im Tee angeblich gegen die Höhenkrankheit helfen soll. Doch die ist zu ernst, um auf Placebos zu vertrauen. Also lieber noch ein bisschen höher steigen, Meter machen, den Körper anpassen.


Dimensionen, die das Auge überfordern: Aufstieg auf den Fuya Fuya.


Entspannte zwei Stunden sind es auf den Fuya Fuya. Von oben kann man bis nach Quito schauen, was überrascht, weil die Autofahrt von dort zum Berg zwei Stunden gedauert hat. Die Ausdehnung des Vulkans ist so gewaltig, das sie immer wieder das Auge täuscht. Der Fuß hat einen Durchmesser von mehreren Kilometern. Auch die schiere Höhe der Berge unterschätzt das Gehirn. Die Millionenstadt Quito liegt bereits auf 2850 Metern. Humboldt schrieb wieder erstaunlich treffend: »Berge, die uns durch ihre Höhe in Erstaunen versetzen würden, wenn sie am Meeresufer stünden, sehen aus wie bloße Hügel, wenn sie sich auf dem Rücken der Kordilleren erheben.«

Humboldt hielt die gesamte Gebirgskette der Anden-Westkordillere für unterhöhlt, für einen riesigen Supervulkan – was im Prinzip stimmt. Ecuador hat die höchste Vulkandichte der Welt. Unter dem Land brodelt es quasi ständig. Im Sommer 2015 war der Cotopaxi zuletzt aktiv, bis dato einer der beliebtesten Trekkingberge des Landes. Die Asche flog bis nach Quito, der Präsident verhängte vorsorglich den Ausnahmezustand.

Doch die gefährliche Plattentektonik hat eben auch eine majestätische Landschaft geschaffen. Das Abendlicht streicht die Berge in warmen Farben an, ob rund um Cayambe oder hoch über der Hauptstadt mit Blick auf den Cotopaxi.

Humboldt beschrieb das Hochland von Quito als eine der »wundervollsten und malerischsten Gegenden der Erde«. Der Forschungsreisende war auf seiner zweiten Südamerika-Expedition mehrere Wochen in der Provinz Quito unterwegs, die in kolonialen Zeiten die längste Zeit zum Vizekönigreich Peru gehörte.


Will unbedingt gemalt werden: Hochland von Quito.


Während der Aufstieg zum Fuya Fuya nicht mehr als eine leichte Wanderung ist, hat die Besteigung des Imbabura am Folgetag durchaus hochalpinen Charakter. Die letzte Stunde zum Gipfel führt abschüssig über Felsen, man braucht hin und wieder die Hände. Ja, das bereitet Freude. Am Gletscher des Cayambe wiederum bespricht Wily noch einmal die Ausrüstung und übt das Gehen auf Steigeisen und die Benutzung des Eispickels. Pflichtprogramm. Wer all dies aber nicht bereits in den Alpen erlernt hat, handelt streng genommen fahrlässig und sollte sich nicht unbedingt gleich am Chimborazo versuchen. Doch ein zahlender Kunde ist für die Agenturen in erster Linie ein zahlender Kunde und kein blutiger Anfänger, der sich ohne Not in Gefahr begibt.

Am Tag vor der Gipfelnacht geht es vom Cayambe über Quito nach Süden, eine Autofahrt von mehreren Stunden. Irgendwann rückt der mächtige Chimborazo endlich ins Blickfeld. Stolz thront er über der kargen Ebene. Wilde Vikunjas grasen vor dem Gipfelaufbau, so als hätten sich die Tiere dort eigens für einen Landschaftsmaler postiert.

Das Quartier für die kurze Nacht ist die Carrel-Hütte in 4800 Metern Höhe, eine überraschend bequeme Unterkunft mit Stockbetten. Abends schenkt der Koch eine kräftige charusco aus, eine Kartoffelsuppe. Die untergehende Sonne wirft ihre feuerroten Strahlen über das Wolkenmeer, aus dem der Vulkankegel wie eine Insel herausragt.


Jenseits des Wolkenmeeres: Vikunja, Carrel-Hütte, Chimborazo.


In der Nacht zeigt sich bald, dass die Besteigung des Chimborazo trotz Akklimatisierung und moderner Technik ein beschwerliches Unterfangen ist. Ab 5800 Metern wird die Besteigung für mich zu einem zähen Ringen mit den eigenen Kräften. Die Serpentinen winden sich steiler den Hang hinauf, als es von unten aussieht. Aber wie naiv bin ich auch, in diesen Bergen meinen Augen zu vertrauen.

Schneefall setzt ein. Die Bergstiefel hängen schwer an den Füßen. Kein Höhenmeter kommt mehr locker aus den Oberschenkeln. Stirnlampen anderer Bergsteiger leuchten in der Ferne, doch viele kapitulieren. Lunge und Beine zwingen sie zur Umkehr.

23. Juni 1802: Humboldt hofft, über einen Felsgrat statt über Schnee zum Gipfel aufsteigen zu können. Er hat keine Steigeisen. Die Füße schmerzen, die Kälte beißt unerbittlich. »Unser Aufenthalt in dieser ungeheuren Höhe war äußerst traurig und düster. Wir waren in einen Nebel gehüllt, der uns nur hin und wieder die uns umgebenden Abgründe erblicken ließ.« Dann wieder zaghafter Optimismus, womöglich durch optische Trugbilder hervorgerufen: »In uns kam ein Schimmer von Hoffnung auf, den Gipfel erreichen zu können.«

Am Ende sind alle Mühen vergebens. Eine gewaltige Gletscherspalte versperrt Humboldt den Weg und zwingt ihn zur Umkehr. Er kommt bis auf etwa 5600 Meter. Erst 1880 erreicht der britische Alpinist Edward Whymper als erster Mensch überhaupt den Gipfel des Berges.

Wir haben mehr Glück und laufen nicht arglos vor irgendwelche Spalten. Bergführer Wily macht im eisigen Dunst den Vorgipfel des Chimborazo aus, den Ventimilla. Er bleibt jetzt immer häufiger stehen, um mir etwas Zeit zum Durchatmen zu geben. Kurz vor dem Gipfel flacht das Massiv ab. Wir durchschreiten jetzt Büßereis, auch Zackenfirn genannt: Nadeln aus Schnee und Eis, typisch für die Hochgebirge der Tropen.

Nach einer weiteren quälenden halben Stunde ist der Hauptgipfel erreicht. Atmen, trinken. Das Blut rauscht durch die Schläfen.


Auf dem Gipfel mit Wily: eine moderne Eroberung?


Wir befinden uns an jenem Ort auf der Welt, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt liegt – quasi am nächsten zur Sonne. Das liegt daran, dass der Durchmesser am Äquator größer ist als zum Beispiel am Standort des Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt. Doch von Wärme oder gar himmlischer Erleuchtung ist nichts zu spüren. Menschenfeindlich ist die Eiswelt auf Humboldts Schicksalsberg. Keine Fernsicht, die Kuppe liegt im Dunst.

War unsere Besteigung nun der große Sieg, der dem Forscher einst verwehrt blieb? Die persönliche Landnahme des modernen Entdeckers?

Humboldt selbst verortete die ästhetische Erfahrung in der Schrift Ansichten der Kordilleren nicht auf dem Berg, sondern darunter. Nicht die Aussicht sei erhebend, sondern die Ansicht des Berges. Beides erlebt zu haben, ist aber zweifellos die schönste Kombination, wie ich finde. Aber das konnte Humboldt nicht ahnen.

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