Peru

Die Besteigung des Chopicalqui scheitert bereits auf dem Weg zum Hochlager. Eine sagenhaft breite Gletscherspalte versperrt den Weg. Die Enttäuschung ist groß. »That’s the mountains«, sagt Bergführer Carlos.

Huaraz — Der Mensch will immer höher hinaus, das ist vielleicht Teil seiner Natur, möglicherweise auch nur meiner Natur, in jedem Fall wollte ich nach dem stattlichen Gletscherberg Pisco und dem eher als Geröllhaufen zu klassifiziernden Chachani auf einen richtig alpinen Eisriesen der Cordillera Blanca aufsteigen: den Chopicalqui, 6354 Meter, weitläufige Vergletscherungen, steile Firngrate.

Vor allem die luftige Schlusspassage ließ mich zuhause, in Deutschland, immer wieder zwischen Begeisterung und Ehrfurcht schwanken. Doch der Gipfel soll mir am Ende verwehrt bleiben, wir können keinen Weg durch den Gletscherbruch finden.

Immerhin: Am Chopicalqui gibt es dramatische Formationen aus Fels und Eis zu bestaunen. Das ist ein kleiner Trost. Aber wirklich nur ein kleiner.


Chopicalqui


MORÄNENLAGER

Wir sind vom Basislager aufgestiegen und bauen auf etwa 4600 Metern unsere Zelte auf. Bergführer Carlos tanzt sportlich über die Steine, unser schweigsamer Koch Marcus macht Essen – alles wie immer.

Leider bereitet das Wetter große Sorgen: Nachmittags geht ein ordentlicher Hagel über dem Lager nieder, der Gipfel des Chopicalqui und seine vergletscherten Hänge verschwinden regelmäßig im Nebel. Überhaupt: Wie das Eis wirr und gezackt am Berg zu kleben scheint. Zur Stunde erscheint es einigermaßen unrealistisch, überhaupt je die höheren Sphären des Berges erreichen zu können.

Der Laie verspürt Unsicherheit, er will am liebsten ganz klar wissen, ob ein Aufstieg zum Hochlager morgen möglich sein wird. Man muss an die Profibergsteiger denken, die oft mehrere Wochen im Basislager vor irgendeinem Wandfuß im Karakorum ausharren, bevor es überhaupt ein Wetterfenster für den Aufstieg gibt. Diese Zeit haben wir: nicht.

Der Hagel hat – psychologisch wichtig – aufgehört. Immer wieder gehen Teile des Gletschers vor uns als Eislawinen ab, das Echo wird von der Felswand hinter dem Zelt zurückgeworfen. Gletscher bewegen sich, das merkt man hier.

Der vorausahnende Carlos: »We have to wait for tommorrow.« Völlig klar.


Chopicalqui
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Chopicalqui
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Chopicalqui


IM GLETSCHERBRUCH

Der nächste Morgen ist dann doch »heiter bis wolkig«, so würde man das im Radio sagen. Wir machen uns auf den Weg ins Hochlager auf über 5000 Metern.

Leider gibt es keine Spur durch den Gletscherbruch, weil wir relativ spät in der Saison unterwegs ist: Es ist Anfang Oktober. Die letzten Bergsteiger, zwei Spanier, seien vor zwei Wochen am Berg gewesen, berichtet Carlos – sie seien aber nicht bis auf den Gipfel gegangen. Das heißt an diesem Tag: selbst einen Weg finden.

Der immer kundige Carlos geht souverän voraus, ich sichere ihn mit einem Seil. Wir laufen über Türme und Blöcke aus Eis, die in nicht absehbarer Anordnung durcheinandergewürfelt zu sein scheinen wie Häuser nach einem Erdbeben. Bis zu 80 Meter tiefe Spalten ziehen sich durch das Eis, oft liegen sie unter Schnee verborgen. Man sieht dann nur eine leichte Delle im Boden.

Das Eis reflektiert die Sonne so stark, dass meine Isomatte außen am Rucksack schmilzt.

Irgendwann bleibt Carlos stehen und sagt: »We cannot go this way.« Carlos steht auf einer Schneebrücke, das hat er gemerkt, weil sein Eispickel durch den Boden bis in einen Hohlraum gehackt hat. Die Spalte sei beim letzten Mal noch nicht so breit gewesen, hier könne man nicht weitergehen.

Der Kunde schaut ungläubig und denkt: Gut, der Carlos kennt den Berg, er wird sicher einen alternativen Weg finden. Wir folgen einer anderen Spalte, doch irgendwann klafft wieder nur ein riesiger Abgrund auf. Viele Optionen gibt es nicht, und wir haben natürlich keine Aluminiumleiter dabei.

Nach einer halben Stunde ist klar: Wir finden keinen Weg durch den Gletscherbruch.

Langsam sackt die Enttäuschung ins Bewusstsein. An dieser Stelle ist offensichtlich Schluss. Letzter Widerwille, Frage an Carlos: Gibt es überhaupt einen Weg auf den Gipfel? Antwort Carlos: Nein, vorerst gibt es auf dieser Route keinen sicheren Weg auf den Gipfel. Er werde das der Agentur in Huaraz melden.


Chopicalqui
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ABSTIEG

Totale Resignation im Moränenlager. Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein. Die Expedition ist ja kaum richtig losgegangen.

Ist es frustrierender, 50 Meter unterhalb des Gipfels in einem Schneesturm umkehren zu müssen oder bereits auf dem Weg zum Hochlager wegen einer einzelnen Gletscherspalte? Schwer zu sagen.

Der erfahrene Bergführer Carlos sieht natürlich die Enttäuschung seines Klienten und versucht ihn etwas aufzuheitern. Er selbst habe auch schon oft umkehren müssen, zum Beispiel bei einer Aconcagua-Speedbesteigung vor drei Jahren. Da habe er natürlich die 800 US-Dollar Eintritt für den Nationalpark schon gezahlt gehabt und dann: schlechtes Wetter, Abbruch 400 Meter unterhalb des Gipfels.

Dann lächelt Carlos und sagt den ultimativ weisen Satz: »That’s the mountains.«


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Nevado Pisco
Chopicalqui
Huascarán


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Vier Wochen Peru: Titicacasee, Machu Picchu, die weißen Berge der Anden! Doch vor allem: Freiheit, Euphorie, die Erwartung, dass alles anders wird. Die Ernüchterung, dass es nicht so kommt. Eine Erzählung vom Reisen.

Lima — Abflug nach Peru, 23 Stunden über den Globus, es geht zum ersten Mal nach Südamerika. Das wird eine große Reise.

Zwischenlandung in Atlanta. Der Beamte von der Einwanderungsbehörde hebt die Hand und legt mir nahe zu schweigen, als ich erzählen will, was ich in Peru mache: »Holidays, Sir«. Es interessiert ihn nicht.

Im Flughafen kaufe ich das Time Magazine und The Atlantic. Der Blick des Journalisten auf ein journalistisches Produkt: Aufmachung, Teaser, der Aufbau der Storys. Ich trinke einen Kaffee und fühle mich sehr sophisticated. Ich denke daran, dass Reisen überhaupt nicht mehr mondän ist.

Boarding für den Flug nach Lima. Die Frage, was man sich davon verspricht.

Reisen ist diese feine Gratwanderung: zwischen Einsamkeit und Alleinsein, zwischen banaler und anregender Gesellschaft, Überdruss und Genügsamkeit, stressigem Aktionismus und Tatendrang.

Die Freundlichkeit der Stewardessen: ein Zwangsoptimismus, den man irgendwie schätzt. Diese euphorische Erwartungshaltung auf einem Interkontinentalflug, obwohl eigentlich alles stressig ist. »Welcome on bord, Sir.« Ja! Genau! Recht herzlichen Dank.

Über den Wolken wird das Verhältnis zu den Bezugspunkten des Lebens neu verhandelt: zu Orten und Plätzen, Bars und Cafés, Strecken und Wegen durch die Stadt, aber auch inneren Abläufen, Mustern im Kopf, der Einteilung des Tages in bestimmte Sinnabschnitte. Zeit zum Ausspannen, Arbeiten, Essen, Telefonieren, daraus setzt sich der Tag ja meist schon zusammen.

Die Sehnsucht des Reisenden: sich der Periodik des Alltags entziehen.

Als der Flieger abhebt, letzte Gedanken an zuhause: Macht mal, schuftet mal, ihr Bürostuhlsklaven, ihr Kleingeister. Ihr seid zufrieden mit euren zwei Wochen Sommerurlaub in der Pfalz oder auf Gran Canaria.

Ich trinke einen Rotwein. Das Gefühl, leicht betrunken in die Ferne zu fliegen, weil das irgendwie ein großer Moment ist.

Die Überheblichkeit des Reisenden: Man stellt es – jetzt endlich, nach langer Mühe, der Routinearbeit den Rücken kehrend – alles besser an.

Der Aeropuerto Internacional Jorge Chávez in Lima ist eher klein, sehr überschaubar, irgendwie friedlich. Mit dem Taxi durch die nächtlichen Vororte. Spärliches Licht, Gesichter im Schatten. Mein dummes Vorurteil: alles gang land hier.

– Lima Miraflores –

Wohlstand kommt ohne Ästhetik aus, das sieht man hier ganz deutlich. Stacheldraht auf den Mauern der Häuser, teure Sushi-Restaurants, die ausländischen Botschaften stehen wie Kasernen auf kleinstem Raum. Der Himmel hängt grau über Lima, das ist normal um diese Jahreszeit, im September. Nur ein paar Surfer mit Neoprenanzügen stürzen sich in den Ozean, die Küste fällt steil zum Wasser hin ab.


Lima


Umherschlendern und wissen, dass man Zeit hat, dass man sich an nichts orientieren muss, dass man frei ist in seinen Entscheidungen.
Die Haut der Bewohner von Miraflores ist sehr hell, hier leben viele Nachfahren der spanischen Besatzer, reiche Leute, die criollos oder – etwas abfälliger – chollos. Es sieht alles so europäisch aus.

Ich habe viereinhalb Wochen in Peru, mehr als einen ganzen Monat, der keine geregelten Abläufe kennt. Vier Wochen, die sich anfühlen wie ein ganzes Jahr.

Meine zwei Reisebegleiter sind aus Düsseldorf und Miami angereist. Wir essen Sandwiches am Parque Central.

Ich habe endlich Zeit, nach zwei Jahren geregeltem Arbeitsleben.

– Arequipa –

Der Bus hat 18 Stunden gebraucht, wir haben geschlafen und Filme auf einem kleinen Fernseher geguckt. In 3 Meters above the sky kämpft ein harter Typ um eine Frau aus gutem Haus, sie verlieben sich, aber er kann seinem Wesen letztlich nicht entkommen, er prügelt sich, er versaut es, das Ganze nimmt kein gutes Ende.

Wir waren dann wieder eingeschlafen und als wir aufwachten, war draußen plötzlich Wüste, die costa lag da, trocken und karg.


Arequipa
Arequipa
Arequipa


Wir waren losgefahren ohne eine große Idee von etwas, was diese Reise nun bedeuten könnte, von etwas, das stattfinden müsste: Frauen aufreißen, Wagemutiges tun, möglichst den Touristen-Touristen hinter sich lassen, ins individualisierte Extrem gehen.
Just having a good time.

Der Tag hat schon zwei oder drei Stunde Farbe, als wir uns der weißen Stadt Perus nähern. Schneebedeckte Vulkane am Horizont. Der Himmel ist diesig, Schneekuppen ragen aus den Wolken. Wir suchen ein kleines Hostel und schlendern durch die Gassen. Sehr weiße Haut unter sehr weißer Sonne.

Triviales Gefühl, aber: Arequipa fühlt sich gut an.

Die Lust auf einen Kaffee am Nachmittag. Der weite Raum über den schneebedeckten Vulkanen der Stadt. Blauer Himmel.

In der Santa Catalina bieten die Geschäfte feine Alpaka-Wolle an. Handschuhe, Schals, Pullover. McDonalds und Starbucks in der Haupteinkaufsstraße. Alles sehr vertraut und doch ganz weit weg. Man sitzt jetzt mitten in Peru und war vor zwei Tagen noch in Deutschland.

Warmes Abendlicht am Plaza Principal de la Virgen de la Asunción, die mächtige Kathedrale aus Sillargestein überragt den Platz, Kinder scheuchen Tauben auf, das Sonnenlicht bricht sich im Wasser des Springbrunnens, überall sind Menschen. Gelbstichige Stadt, alles retro und doch Gegenwart.

Die angenehme Anonymität des Reisenden.

Irgendwann leuchtet die Sonne nur noch die schneebedeckten Gipfel an. Wir essen Hühnchen mit Reis und Kartoffeln, klassischerweise.

Der Wunsch: auf einer Bank sitzen und glücklich sein.


Arequipa
Arequipa
Arequipa
Arequipa


– Abends in Cabanaconde 

Das Kärgliche, Ärmliche fordert den ignoranten Touristen heraus, der überall einfach nur rumsitzen und sich toll fühlen möchte.

Einsamkeit, Beklemmung. Was willst du hier, Fremder?

Frauen in bunten Gewändern, tiefe Falten, große Hütte. Scham, dass man die isolierte und ländliche Armut pittoresk findet. Der privilegierte weiße Mann fotografiert die armen Bauern.

Wir wandern einen Tag hinab in die Schlucht des Colca-Canyons und wieder herauf, denn wir wollen schnell weiter, zum großen Titicacasee im Süden des Landes.

Was lässt sich in welcher Zeit sehen?

Die Oase am Fuß der Schlucht ist verlassen und leblos. Die Sonne brennt glutheiß, man kann kaum richtig sehen, so grell blenden die Berghänge.

Reisen als Konsumoptimierung: Orte ablaufen, Fotos schießen, abhaken. Das, wofür man die Pauschaltouristen spöttisch bemitleidet und verachtet.

Rückweg nach oben in der Mittagshitze, wir wollen morgen weiter.

Das Unvermögen, sich davon freizumachen.


Colca-Canyon
Colca-Canyon
Colca-Canyon

– Auf der Fahrt nach Puno –

Wir fahren mit dem Bus hinauf auf die Hochebene der Altiplano, vorbei am Misti und Chachani, immer höher schraubt sich die Straße. Man erwartet jetzt eigentlich einen Pass, einen Scheitelpunkt, hinter dem es gleich wieder bergab geht. Doch dann tut sich das Hochland auf, mehr als 3500 Meter hoch, bis weit an den Horizont. Nichts außer weitem Gras durchzogen von Tümpeln. Wasservögel und Alpakas.

Der Misti aus der Entfernung: eine Schneekuppe am Himmel, mehr nicht, weil das dörre Land darunter sich kaum gegen den Himmel abzeichnet.

Hineinfahren in die Nacht, Menschenleere. Dieses seltsame Gefühl, tief im Hochgebirge unterwegs zu sein und dennoch gleich das Meer zu erreichen.

Gefällt man sich eigentlich in dem, was man macht?

Wir wissen nicht, ob sich die Landschaft gleich verändert. Wie sich das Tal immer weiter auftut, als habe es jemand mit einem Messer aufgeschnitten, wo man eigentlich glaubte, gleich ginge es überhaupt nicht mehr weiter. Wie man im Bus dasitzt und durch das peruanische Hochland fährt.

Ist das wichtig, dass man sich dabei gefällt? Oder gerade nicht?

Diese Frage ließe sich ja jedem ultraproletenhaften Partyurlauber stellen, der am Samstagabend in El Arenal in so eine verheißungsvolle Nacht zieht, frisch rasiert, gestylet, braun gebrannt, in dieser selbstgewissen Vorfreude auf die Ereignisse der Nacht. Der gefällt sich sicher auch, in dem ganzen Ding, das er da durchzieht.

Draußen ist es komplett dunkel, wir sehen nichts mehr.

Reisen als ein sehr selbstbestätigender Akt, also als ein komplett sozialer Akt, der diesen Spiegel braucht.

Been there, done that.


Altiplano
Altiplano
Altiplano


– Abends in Puno –

Die Lichter der Stadt, weiß und orange.

Unheimlich ist das Wissen, dass hinter dem See, noch viel tiefer auf diesem Kontinent, nur noch Urwald kommt, tausende Kilometer weit. Die Abwesenheit von Zivilisation, die Abwesenheit des Menschen. Wir müssen ein Zimmer für die Nacht finden.

Wie stark der Ablauf des Tages Maß und Orientierung auf Reisen gibt. Busfahrtzeiten, eine offene Grenze, die Dunkelheit.

Ein Coca-Tee an der Rezeption, die Besitzerin des Hostels ist eine gute Gastgeberin, das Zimmer ist einfach und ruhig.

Man sitzt ja nicht den ganzen Tag bei irgendwelchen Urvölkern, wandert auf einsamen Bergpfaden, liegt pirschend im Busch. Man fährt Bus, man geht »kurz ins Internet« und liest die Nachmittagszusammenfassungen der einschlägigen Nachrichten-Websites, man sucht etwas Vernünftiges zu essen und will gelegentlich einfach einen guten Kaffee trinken (ganz oft schwierig).

Draußen auf den Straßen läuft eine Parade durch die Stadt, wir wissen nicht, welches Fest gefeiert wird, aber die Bürgersteige sind voll, Männer trinken Alkohol, spielen Instrumente. Die Verkleideten tanzen über die Fahrbahn. Lautes, lebensfrohes Puno.

Immer wieder die Frage, warum man reist, warum an einen bestimmten Ort? Etwas Schönes sehen, etwas Erbauendes?

Wir suchen ein passables Restaurant. Das ceviche wird mit einer roten Schote serviert, ich beiße herzhaft hinein, weil ich denke, dass es sich um Paprika handelt. Schmerz und Tränen. Die lachenden Kellner. Die Verlassenheit von Puno, die wir wahrnehmen. Das laute Leben, das draußen vor uns an der Tür vorbeizieht. Der Widerspruch in diesem Moment.

Ich bestelle Milch, um die Schärfe zu beruhigen, damit ich weiter essen kann. Zum Abschluss gibt es einen papaya con leche und einen Kaffee (mäßig gut, viel Milch).

Mein Verloren-Sein in der Ferne.

– Auf der Fahrt nach Copacabana –

Im Bus zur Grenze: Hippies mit Schal und dieser Nagetierfrisur, die Seiten kurz, im Nacken ganz lang. Die Einladung zu einem Rave auf der Isla del Sol. Leute mit komischen Flecken im Gesicht, lächelnd und drauf.

Mein Zorn auf die Backpacker. Wie sie dasitzen in ihren lumpigen Klamotten und Armut zelebrieren. Ihre Langweile im Gesicht, ihre gespielte Abgeklärtheit. Wie sie sich an nichts mehr begeistern können und trotzdem alles awesome finden.

An der Grenze zu Bolivien müssen wir aussteigen und die Pässe stempeln lassen. Souvenirs im Nirgendwo. Die Soldaten sehen müde aus.

Diese Anmaßung der Traveller-Kaste, die behauptet, das Land und die Leute kennenlernen zu wollen, die sogenannte Kultur, und dann diese dämliche Frage, in welcher Zeit das denn überhaupt zu machen wäre: zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre? Dabei ist es ja – wie immer wieder deutlich wird – schon schwer genug, nur einen einzelnen Menschen gut einschätzen zu können, den man sogar schon länger und ganz gut kennt, der unter den gleichen soziokulturellen Bedingungen aufgewachsen ist wie man selbst. Die Traveller wollen gleich wissen, wie »die Menschen in Peru so sind.«

Mein Eingeständnis, dass ich nur für mich reise, dass das eine ganz egoistische Komponente hat.


Copacabana
Copacabana


– Am Chachani 

In 5000 Metern Höhe geht die Sonne unter über der Altiplano-Hochebene. Die Gratlinien sind fein angeschnitten von den letzten Sonnenstrahlen des Tages, dazwischen scheint die Farbe in der Luft etwas Stoffliches zu haben. So als könne man zugreifen und etwas herauslösen wie Knetmasse.

Absolute Stille. Meine Rührung über das, was ich gerade sehe.

Die Fotos sind geschossen, die Erinnerungen gibt es schon, aber ich stehe immer noch an diesem Ort und kann nicht glauben, was ich sehe. Jetzt nur noch zuschauen. In zehn Minuten ist es hier oben komplett dunkel. Drüben am Hang spült Bergführer Jésus die Töpfe vom Abendessen, die Zelte liegen schon im Schatten.

Ich weine.


Chachani
Chachani
Chachani


– Cusco 

Wieder liegt eine lange Nachtfahrt hinter uns. Wir laufen herum und wissen nichts mit dem Tag anzufangen, außer herumzulaufen. Wir sind nur noch zu zweit. Cusco ist sonnig und klar an diesem Tag.

Was ich glaube: Das Zuhause reist mit, es verändert die Reise, die Sicht auf die Reise, die Herangehensweise.

Wir sind in der Hauptstadt des alten Inka-Reiches, Cusco ist das kulturelle Zentrum Südamerikas. Artesanías an jeder Ecke, die Stoffe kommen oft aus der Fabrik, aber viele Omis stricken die Socken noch am Straßenrand. Am Plaza del Armas vor den wuchtigen Iglesia de Compañía gibt es einen großen Straßenumzug. Die Kinder aus den Kindergärten der Stadt haben sich verkleidet. Kostüme und Comedy, Folklore und Batman.


Cusco
Cusco
Cusco
Cusco
Cusco

Müsste man nicht eigentlich komplett alleine reisen?

Die Mütter laufen neben den Kindern, sie bringen ihre Töchter und Söhne wieder in Reih und Glied, wenn diese einfach stehen bleiben und sich umschauen. Wir sitzen auf der Treppe nahe den Arkadengängen und essen – gegen jedes ungeschriebene Backpacker-Gesetz – einen Cheeseburger von McDonalds. Es wird Abend in Cusco, am nächsten Tag wollen wir Machu Picchu sehen.

Ist Reisen nun Weltentzug oder nicht? Wie altmodisch dieser Gedanke ist, letztlich dumm. Meine Sehnsucht nach einer größeren Welt.

Vielleicht muss man die Grenzen von Heimat und Ferne aufheben, das Internet immer dabei haben, Mails checken, an Artikeln feilen, Online-Banking machen, all diese Dinge. Oder genau das Gegenteil tun.

Mach die Welt zu deinem zuhause. Wie ich es nicht mehr hören kann.

Am Morgen der schlimme Kater. Wir sind in so einem Sauftouristen-Hostel abgestiegen, bestimmt 400 Schlafplätze, Happy Hour jeden Abend. Die Drinks sind groß und stark gemischt. An der Bar nur crazy dudes, die den ganzen Tag gute Laune haben, dabei hat man ja fast nie den ganzen Tag gute Laune.

Was ich nicht sagen kann: dass sich der Mensch allein durch das Reisen in seinen Gewohnheiten verändert, ob ihm das Reisen eine Veränderung aufzwingt.

Wir raffen uns auf zu einem Frühstück, der Bus fährt bald los. Großes Machu Picchu. Wir sehen hier wirklich großartige Orte in Peru, die absoluten Highlights. Ich denke an die Momente dazwischen.

Meine Gewissheiten und wie sie schwinden.


Cusco
Cusco
Cusco


– Iquitos –

Peru sieht hier ganz anders aus als im Rest des Landes, irgendwie karibischer, denke ich mir, obwohl ich noch nie in der Karibik war.

Wie lässig es ist, durch Iquitos zu fahren in einem offenen Dreirad, das eigentlich nichts kostet. Einfach herumfahren. Wir brechen auf in den Dschungel, zwei Tage sind wir fort im Amazonas-Regenwald.

Der Wunsch, dass die Planung entgleitet. Die Angst, dass es wirklich so kommt.

Wir besuchen noch eine butterfly farm, eine junge Amerikanerin macht einen Rundgang mit uns. Sie ist Volunteer und drei Monate in Iquitos, in dieser Farm am Rande der Stadt.

Am Hafen essen wir fangfrischen Fisch, der wieder fast nichts kostet. Wie freundlich die Menschen sind, und sei es nur, weil sie etwas verkaufen wollen. Wie egal mir das ist.

Immer wieder einen Kaffee trinken (warum eigentlich?) – Herumsitzen unter der tropischen Sonne. Die Frage, was nun anzufangen wäre mit dieser Reise, was sie bedeuten kann, was sie ausgelöst hat, warum das nun gut war, hierhin oder dorthin zu fahren.

Wie ich nicht rauskomme aus meinem dummen Kopf.


Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos


– Auf dem Weg nach Huaraz –

Fahrt durch den Elendsgürtel nach Norden. Knapp ein Drittel aller Peruaner wohnen in Lima. An jeder Ecke: Händler, Schmuggler, Checker, die informellen Arbeiter der informellen Siedlungen, primitiv zusammengebastelt aus Schilfrohr, Wellblech und Abfall. Die barriadas erobern die trockenen Hänge der Küstenwüste.

Ich will etwas Sinnvolles zu Papier bringen, aber es gelingt nicht.

Der Humboldtstrom treibt den Nebel an Land, den grauen garúa, der alles etwas depressiv aussehen lässt. Endlose trübe Küste entlang der Panamericana.

Busfahrten sind ganz wichtig, weil einem dann erst diese Gedanken kommen, weil man dann erst Zeit hat, alles zu reflektieren und zu sinnvoll scheinenden Schlüssen zu verbinden, obwohl man ja weiß, dass das alles wieder nur temporäre Einsichten sind, aber anders geht es gar nicht. Man kann nicht immer versuchen, zeitlose Wahrheiten aufzuschreiben, bei denen jeder in zwanzig Jahren zustimmend nickt, damit braucht man gar nicht anfangen, das gelingt vielleicht einmal in drei Texten. Also: die Erwartungen zurückschrauben und das Temporäre zulassen.

Wieder: Hineinfahren in die Nacht, dieses Mal bin ich allein, endlich allein. Mein Reisegefährte ist von Lima zurückgeflogen. Das Land faltet sich auf, als der Bus die Küste verlässt. Meine Sehnsucht nach dem Gebirge.

Der Bus gestern Abend hatte keinen Platz mehr für mich, ich musste eine Nacht warten, dadurch kann ich den Bergführer in Huaraz erst morgen treffen. Die Sonne geht langsam unter. Die kurvige Straße, meine Gedanken, die sich winden und wenden.

Meine Unzufriedenheit mit mir selbst.

– Im Nationalpark Huascarán –

Ich liege im Zelt auf 3900 Metern, draußen die vergletscherten Sechstausender der Cordillera Blanca. Queñua-Bäume wachsen entlang des kleinen Flusses an unserem Lagerplatz im Llanganuco-Tal.

Meine Überlegung: wie viel Zeit es braucht, sich von den Strukturen und Zwängen der Heimat zu lösen, und ob dazu nicht Abgeschiedenheit, Einsamkeit und ein klarer Bruch nötig sind.

Draußen macht Marcus, unser Koch, das Abendessen fertig. Stille im Tal. Mein Wunsch, eine Zeitung zu lesen.

Die Vermutung: Es ist eine unglaublich wichtige Erfahrung, einmal mit sich selbst allein in der Fremde zu sein, damit man seinen Platz in der Welt findet, ein Verhältnis, ein Arrangement treffen kann mit all dem Unbekannten, das einem im Leben begegnet, ganz grundsätzlich.

Am nächsten Morgen: Aufbruch zum Basislager des Nevado Pisco. Große Euphorie.


Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán


– Huaraz 

Nach einer Woche in der Wildnis: erst mal wieder duschen und dann ein nettes Restaurant suchen. Wie gut es tat, wirklich raus zu sein. Plötzlich scheinen Dinge wieder möglich zu sein.

Meine Freude über das, was war.

2012. What a year. Januar: Totalabstinenz, Klarkommen, Ruhigstellen, kein Alkohol und keine Musik, bitte überhaupt keine Emotionen, lieber Nichtempfinden als mieses Empfinden. Februar: wieder Rantasten, mit Tendenz zur Rückfälligkeit, aber alles schon okay, der Weg stimmt.

Ich rufe meine Eltern an, die sich schon Sorgen gemacht haben, und laufe abends einfach die Straßen bergan, ich weiß nicht, wohin ich gehe.

März: Reise, Bruch, Reflexion, zum letzten Mal. April: so ein offener, weiter, breiter Sommer kündigt sich an, der viel verheißt, erahnen lässt. Mai: Umzug, eine Änderung der allgemeinen Umstände. Und auch: raus aus dem eigenen Hirn, irgendwie der Selbstverfolgung entkommen.

Oberhalb von Huaraz haben sich rund 400 Menschen versammelt. Bierkästen, ganze Schweine auf dem Grill, Volksfeststimmung. Was ich erst langsam begreife: Es soll hier einen Stierkampf geben. Die Leute suchen sich die besten Plätze am Hang. Trunkenheit und Handgemenge. Die Leute lachen mich an und sagen »gringo«.

Juni: Der Reisemoment, ein Monat entwurzelt, aber überall glücklich, viel Arbeit auch, ungewohnte Arbeit. Eine Zeit, die man erst im Rückblick als Wendepunkt erkennt. Brüssel, diese Sommernacht, Tanzen bei Madame Mustache, Morgensommerlicht, Herzklopfen, natürlich auch wieder eine Verklärung, aber doch: die Möglichkeit der Liebe. Da steht man wieder auf der Bühne des Lebens und sitzt nicht mehr in der Grübelkammer.

So irre, so vieles, dieses Jahr, das noch nicht einmal zu Ende ist. Blick auf die Berge hinter Huaraz nach einer Woche im Gebirge, nur mit dem Bergführer und mir selbst: fast schon zu gut dieser Sommer.

Bevor der Stierkampf richtig losgeht und die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, laufe ich wieder runter in die Stadt.

Mein Optimismus in dieser Stunde.


Huaraz
Huaraz
Huaraz


– Zurück in Lima –

In der Hitze des Mittags laufe ich nach Barranco. Ich bin allein und trinke Wein in einem kleinen Restaurant. Wie ich einfach ziellos umherlaufe und mich frage, was das soll.

Mein Versuch, durch das Verschwinden in der Ferne in der Heimat alle Teile noch mal neu zu ordnen, sie anders zusammenzusetzen, ein neuer Mensch zu werden.

Das Verschwinden gelingt besonders gut im Stadtverkehr. Junge Paare, die knutschen: Das ist immer ein schönes und gleichzeitig melancholisches Bild, weil es einen an Zeiten erinnert, wo nicht so viel ausgehandelt werden musste, weil es mehr gab, dass die Richtung, den Rahmen vorgab.

Der Gedanke: Die globale Urbanität als Sieg des Humanismus? Oder des Konsumismus? Der Sieg des Westens? Vielleicht fühlt man sich deshalb so wohl dabei, weil man nichts anderes mehr kennt. Aber vielleicht wollen sich junge Menschen einfach schicke Anziehsachen kaufen, mit ihren Freunden in der Mall abhängen und die neusten Lieder auf ihrem Smartphone haben. Und vielleicht ist das überhaupt nicht verkehrt.

Meine Erkenntnis: Die Reise an sich, also die Bewegung von einem Ort zu einem anderen, die man eher als Fortbewegung bezeichnen muss, ist erst einmal überhaupt nichts wert.

Wie kann das Reisen eine gänzliche andere Erfahrung sein als das Leben zuhause, wenn man sich den gleichen Mechanismen unterwirft?

Meine Verwirrung in dieser Frage.

Der letzte Abend am Plaza Mayor. Ich setze mich auf die Stufen der Kathedrale von Lima. Ich wälze die grundsätzlichen Fragen des Lebens. Vier Wochen sind vorbei, aber es kommt mir vor, als sei ich erst gestern angereist. Meine Rastlosigkeit.

Das Taxi Richtung Flughafen ist pünktlich.

Die Illusion, dass zu Hause alles anders wird.


Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco


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Scharf gezeichnete Grate und Couloirs, Gletscherbrüche: Die mächtigen Gipfel der Cordillera Blanca bilden das weiße Dach Perus. Ein Aufstieg auf den Nevado Pisco in Schwarz-Weiß-Fotografien.

Huaraz — Wer es liebt, in den Bergen zu sein, kann nicht nach Peru reisen, ohne sich in die schneebedeckten Anden aufzumachen.

Cordillera Blanca, weißes Gebirge: ein Name wie eine Verheißung.

Was man dort findet: ewiges Eis, von Gletschern behangene Felswände, unnahbare Giganten. Firntürme, deren Gipfel aussehen wie Sahnehäubchen, die ein unsichtbarer Konditormeister in Richtung Himmel gezupft hat.

Im Nationalpark Huascarán stehen viele der schönsten Berge der Welt: der Artesonraju (6025 m), Vorbild für das Logo der Filmproduktionsfirma Paramount Pictures, der trapezförmige Alpamayo (5947 m), und der Doppelgipfel des mächtigen Huascarán (6768 m) selbst.

Der Nevado Pisco wiederum ist derjenige Gipfel, der für den konditionell erprobten und gut akklimatisierten Bergsteiger mit einem kundigen Führer vergleichsweise leicht zu ersteigen ist und dennoch das Gefühl von hochalpiner Ausgesetztheit erzeugt, der die Gegenwärtigkeit urgewaltiger Natur greifbar macht, der mit seinen 5752 Metern zwar nicht zu den höchsten Gipfeln der Region gehört, aber das Matterhorn immer noch um mehr als tausend Meter überragt.

Eine Besteigung in Bildern, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Schatten und Eis.

LAGUNA 69

Die Laguna 69 ist ein beliebtes Ausflugsziel für Tagestouristen im Llanganuco-Tal. Der Begriff Lagune suggeriert einen Überfluss an Vegetation, aber der Gebirgssee liegt auf 4600 Metern, es ist kalt und karg an diesem Ort.

Der Bergsteiger, der den Ausflug zum See für die Akklimatisierung nutzt, kommt den brüchigen Eismassen des weißen Gebirges hier schon sehr nahe. Die vereiste Südwand des Chacraraju fällt fast senkrecht mehr als tausend Meter in langgezogenen Falten und Verwerfungen hinab bis zu den Schuttmoränen oberhalb der Lagune. Die Gratwechten des Bergkamms sehen aus wie Baiser, die Hängegletscher wie eine zerfallene Quarkspeise, der Eissaum wie zerbröselter Kuchen.


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BASISLAGER

Das Basislager ist am Nevado Pisco – anders als an anderen Expeditionsbergen – gleichzeitig das letzte Lager vor dem Gipfel, es ist also ein Ort des Zweifels: Hält sich das Wetter? Gibt es Schnee? Zieht ein Sturm herauf?

Wer die fast lotrechte Südflanke des Pisco sehen will, muss vom Basislager noch einmal ein paar Höhenmeter bis auf den Kamm einer Geröllmoräne steigen. Der Bergsteiger sieht die überhängende Eispanzerung des Gipfelgrats, die langen Schatten auf der weißen Wand, und weiter unten: haushohe Bruchkanten im Eis, immer dort, wo die Architektur des Berghangs eine Felsstufe vorgesehen hat.

Man kann sich nur schwer vorstellen, wie es sein muss, wenn sich ein Serac aus der Gletschermasse löst und in tausend granitharte Eisbrocken zerfällt, ein Geräusch wie der Donner am Himmel.


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


GIPFEL

Aufstieg in der Nacht, am frühen Morgen streifen die ersten Sonnenstrahlen das weiße Gebirge. Das Spiel von Licht und Schatten beginnt aufs Neue, aber hier oben, auf dem Gipfel des Nevado Pisco, ist es noch eindrucksvoller, die Linien im Eis sind noch schärfer gezeichnet in dieser Sonne, die noch nicht vermag, die nachtkalten Hände richtig aufzuwärmen.

Der Blick wandert zu den Bergriesen der Cordillera Blanca: Artesonraju, Alpamayo, Chopicalqui, Huascarán, Huandoy, Chacraraju – was für ein Ausblick! Was für eine surreale Formation aus Eis und Schnee!

Die eigene Gegenwart auf dem Gipfel zu spüren inmitten dieser monochromen Gratlinien, Eisbrüche und Couloirs, erzeugt im Herz des Bergsteigers ein kaum vergleichbares Gefühl von Lebendigkeit, von unmittelbarer Welterfahrung, von irdischer, aber in gleichen Teilen überirdischer, nicht mehr rationaler Präsenz des Menschen auf der Erde: Das Stoffliche kann nicht alles sein, denkt man.

Wie kann der Mensch einfach nur Staub werden im Angesicht dieser Bergwelt?


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


ABSTIEG

Der Tag wird sehr schnell heiß unter der Höhensonne, schon bald kann der Bergsteiger seinen dicken Pullover ausziehen. Der Schweiß löst die Sonnencrème von der Haut.

Die Schatten der Gletscherspalten gewinnen im Licht des Tages erst richtig an Kontur, schwarze Risse im Eis, bis zu 60 Meter tief, kalt und dunkel: die Menschenfresser des Hochgebirges.

Doch der Bergführer manövriert kundig durch den Gletscherbruch, der Schnee wird sulzig, das Gehen etwas beschwerlicher. Der Tag ist noch nicht allzu alt, als der Boden unter den Füßen wieder aus Felsen besteht. Das Licht ist jetzt schon sehr gleißend und leuchtet die Eiswände gänzlich aus.

Nach zehn Stunden ist der Bergsteiger wieder im Basislager.


Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca


Nevado Pisco (5752 m)

Reisezeit: ..Die größten Erfolgsaussichten für den Gipfel bestehen in den trockenen Sommermonaten zwischen Juni und September. Es gibt aber auch viele Seilschaften, die den Pisco bereits im Mai oder erst Ende Oktober besteigen.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Von dort in 8 Stunden mit dem Bus nach Huaraz. Mit einem Geländewagen geht es in den Nationalpark Huascarán.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Anforderungen: ..Der Nevado Pisco ist ein ernstzunehmener, hochalpiner Gipfel mit weitläufiger Vergletscherung. Neben guter Kondition und ausreichender Akklimatisierung ist solide Bergerfahrung nötig. Das sichere Gehen mit Steigeisen auch in steilerem Gelände sollte ebenso beherrscht werden wie richtiges Seilhandling und alpine Sicherungstechnik. Ein steilen Hang muss der Bergsteiger mithilfe der Frontalzackentechnik überwinden, im Abstieg wird dort abgeseilt. Schwierigkeit: PD. Für die Besteigung wird Expeditionsausrüstung benötigt.

Veranstalter: ..Verschiedene Agenturen in Huaraz bieten geführte, mehrtägige Touren auf den Nevado Pisco an. Nicht alle Anbieter sind seriös: Viele Bergführer beherrschen keine ausreichende Sicherungstechnik, die Verpflegung ist dürftig, und die fehlende Akklimatisierung der Kunden wird oft ignoriert. Eine professionelle Tour mit einem zertifizierten UIAGM-Bergführer kostet ab 500 US-Dollar.

Übernachtung: ..In Huaraz gibt es viele Herbergen und Hostels, die Stadt ist Zentrum des Trekkingtourismus in der Region. Im Nationalpark Huascarán wird in Zelten übernachtet. Im Basislager des Pisco gibt es auch eine einfache Hütte, das Refugio Perú.

Geld:..In Huaraz gibt es Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Februar 2013).



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Pacaya-Samiria im Amazonasbecken ist das größte Naturschutzgebiet Perus. Es führt den Reisenden tief in den Dschungel: Enigma Regenwald, Sinnbild für die letzten Geheimnisse dieser Welt. Der Mensch endet hier.

Iquitos — Raul Enrique Isuiza Naro ist zufrieden. Zwanzig Meter vom Boot entfernt tauchen Rückenflossen an der Wasseroberfläche auf, sie gehören Amazonasdelphinen. Raul lächelt triumphierend, die Tiere wollte er uns unbedingt zeigen.

Die Sonne fällt schräg durch die Wolken, es ist später Nachmittag, der Ort Nauta liegt eine Stunde hinter uns. Das Boot umfährt eine Sandbank, der Rio Marañón ist an dieser Stelle mehr als zweihundert Meter breit. Der Fluss schiebt sich langsam vorwärts, ein schwerfälliger Strom, zähflüssiges Braun, am Ufer wachsen die Bäume dicht und hoch.

Unser Ziel ist das Dorf 20 de Enero, noch eine Stunde werden wir unterwegs sein, hinein in das Naturschutzgebiet Pacaya-Samiria, in dem man zwanzig Tage den Fluss hinunter fahren kann und keinen Menschen zu Gesicht bekommt.

Nur vier Dörfer gibt es in dem Reservat, das so groß ist wie Hessen, aber diese Abmessung ist rein fiktiv, es gibt keine Grenzen, der Wald erstreckt sich im Norden bis nach Kolumbien, nach Westen bis zur Andenkordillere, nach Osten bis ins Zentrum des südamerikanischen Kontinents.


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Das Boot gleitet über den Fluss, wir haben Wasser und Ausrüstung in Rucksäcken dabei, für uns gibt hier nichts zu jagen oder zu fangen. Man spürt sehr deutlich die Allgewalt der Tropen. Die Augen folgen der Monotonie der Uferlinie, im Gepäck liegt Joseph Conrads Herz der Finsternis, der Reiseliteraturklassiker über eine Irrfahrt auf dem Kongofluss, an die Grenze der eigenen Psyche.

Unser Boot hat zwei Sitzbretter und ein niedriges Dach, es trägt uns weg von den Orten der Menschen, wir sind auf dem Weg in den Dschungel, den Regenwald, wir fahren hinein in die unermessliche Distanzlosigkeit des Amazonasbeckens.

Raul haben wir in der Tropenstadt Iquitos getroffen, die nur mit Flugzeug und Schiff zu erreichen ist. Beim Verlassen des Fliegers bläst der Wind auf der Gangway ins Gesicht wie ein heißer Fön, das Hemd am Rücken ist sofort durchgeschwitzt. Raul gehört zur indigenen Bevölkerung Perus, eine gedrungene Gestalt mit breitem Grinsen, in manchen Momenten erinnert er an den aufgedunsenen Diego Maradona, bloß ohne Bart und lange Haare.

Iquitos liegt im peruanischen Amazonasdschungel, die Stadt ist abgeschnitten vom übrigen Teil des Landes. Zusammen mit den Indigenen der Region drehte Werner Herzog hier 1982 den Film Fitzcarraldo, in der Hauptrolle der Exzentriker Klaus Kinski, der im Dschungel ein Opernhaus bauen wollte und während der Dreharbeiten immer wieder schreckliche Wutanfälle bekam. Die Ureinwohner baten dem Regisseur an, den offenbar verrückt gewordenen Kinski zu töten.

Der Urwald, so scheint es, führt den Menschen an den Rand des Wahnsinns, er treibt ihn in die totale Kapitulation.


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Der Rio Marañón fließt nördlich von Nauta mit dem Rio Ucayali zum Amazonas zusammen, aber wir fahren in die entgegengesetzte Richtung, nach Südwesten, ins immergrüne Niemandsland. Das Licht ist fast verschwunden, als wir den Kontrollposten am Ufer erreichen, an dem wir die Passierscheine für das Naturschutzgebiet bekommen. Das Holzhaus ist auf Stelzen gebaut, denn die Uferlinie hebt und senkt sich mit den Jahreszeiten.

In der Dunkelheit des frühen tropischen Abends erreichen wir 20 de Enero. Das Dorf besteht nur aus ein paar Holzhütten, die um eine grüne Freifläche am Ufer herum angelegt sind. Die Wiese ist einer der wenigen Orte, an denen nichts wächst, das sofort die Sicht nimmt. Es gibt kein Gästehaus, aber Raul sagt, wir könnten bei seinem Freund Tito übernachten, der unterwegs sei, eine Woche tiefer im Dschungel, um mit einem Speer in der Nacht Fische zu jagen; seine Hütte stehe frei.

Die Dorfbewohner scheinen kaum Notiz von uns zu nehmen. Sie tragen westliche Kleidung, es brennen ein paar Laternen. In einer größeren Hütte, die als Schule dient, steht ein Fernseher, Kinder haben sich um den Bildschirm versammelt, das Licht flackert in die Dunkelheit.

Titos Hütte hat keine Wände, in der Mitte steht ein Bett mit einem Moskitonetz, eine Matratze gibt es nicht. Ein weißes Laken liegt auf einem Holzbrett, im Halbdunkel können wir nicht erkennen, ob es sauber ist. In einer Ecke des Raums gluckert eine Henne in einem Pappkarton und brütet Eier aus.

Carlos, einer der Dorfbewohner, zeigt uns eine Pflanze vor unserer Hütte, auf deren Blättern drei Vogelspinnen unterschiedlicher Größe und zwei dünne Schlangen regungslos verharren. Die Spinnen mögen die Pflanzen besonders, erklärt Carlos. Unsere Herberge für die Nacht hat, wie gesagt, keine Wände, aber Raul sagt, die Tiere kämen nicht von sich aus herein, er warnt uns nur vor den Ameisen. Ihr Biss macht 24 Stunden Fieber.

Wir liegen mit dem Rücken auf unserer Pritsche, nur in Unterhose, das Bett ist schmal, die Nacht schwül-warm. Die Haut klebt vom Schweiß, eine Dusche gibt es nicht an diesem Abend. Die Geräusche des Regenwalds liegen wie ein Tinnitus im Ohr. Gleich hinter der Hütte beginnt der Dschungel.

Liefe man von hier aus in den Wald hinein, stieße man auf den nächsten hundert Kilometern nur auf die grüne Vegetation der Wildnis, auf Schwüle, auf Hitze, es wäre ein Marsch in die komplette Orientierungslosigkeit. Unser Schlafplatz liegt auf der Grenze zu einem Teil der Erde, in dem die Abwesenheit der Zivilisation so erdrückend ist, dass sie die eigene Existenz in Frage stellt. Ein paar Schritte von unserem Bett entfernt beginnt das Nichts.


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Am nächsten Morgen weckt uns Raul vor Morgengrauen, wir wollen mit dem Boot ein bisschen weiter in den Dschungel fahren und dann irgendwo an Land gehen und Wildtiere suchen. Wir stoßen auf eine flache Stelle am Ufer und legen an, Raul hält eine Machete in der rechten Hand und zerteilt, wenn nötig, die Lianen und Sträucher.

Raul bewegt sich fast geräuschlos über den Waldboden. Schien uns sein untersetzter Körperbau in Iquitos, in der Stadt, noch etwas Tollpatschiges an sich zu haben, erscheint er hier, im Urwald, als geradezu prädestiniert für die Fortbewegung.

Wir folgen einem zugewachsenen Wasserlauf hinein in den Wald. Raul kneift die Augen zusammen, er sucht Anakondas, die sich mit Vorliebe in flachen, stehenden Gewässern aufhalten. Aber wir haben kein Glück an diesem Morgen. Immerhin: In den obersten Wipfeln eines mindestens fünfzig Meter hohen Tropenbaums sitzt ein Faultier. Wir können es nur erkennen, weil es sich für einen Moment bewegt.


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Zurück in der Kommune machen uns zwei Dorfbewohner Frühstück: Coca-Tee, Toast, Marmelade und Mandarinen. Der Himmel ist grau und fast nuancenlos, die Luft feucht. Es beginnt zu regnen. Trotzdem wollen wir noch einmal zu Fuß einen Ausflug in den Dschungel unternehmen.

Hinter dem Dorf führt ein kleiner Pfad in den Wald hinein, der Verlauf des Weges ist anfangs noch gut zu erkennen. Oben in den Bäumen springen Affen von Ast zu Ast. Carlos und Raul gehen voraus, beide tragen Macheten. Alle hundert Meter hat jemand ein dünnes rosafarbenes Bändchen an eine Pflanze geknotet, zur Orientierung. Wir laufen eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, der Pfad ist jetzt sehr schmal und inmitten der Vegetation kaum sichtbar. Sträucher und Blätter streifen unsere Knie und Oberschenkel, unser Becken.

Carlos und Raul finden die Spuren eines Tapirs auf dem feuchten Waldboden und sogar die Spuren eines Jaguars. »Ein besonders großes Tier«, sagt Raul. Man sehe das an der Größe und Tiefe des Tatzenabdrucks in der Erde. Es regnet ohne Unterlass. Wir haben vergessen, die rosa Bändchen zu zählen, wir sind nun zwei Stunden unterwegs und scheinen uns immer in die gleiche Richtung zu bewegen, weg vom Dorf. Unsere Hosenbeine sind komplett durchnässt. Der Regen wäscht die feuchte Erde in den beigen Stoff.

Als wir schließlich fragen, wohin der Pfad führe und ob es sich um einen Rundweg handele, sagt Raul, dass er das auch nicht genau wisse, er gehe diesen Weg zum ersten Mal entlang. Carlos findet wieder einen Tatzenabdruck des Jaguars. »Ungefähr 24 Stunden alt«, sagt Raul.

Wir haben vollkommen die Orientierung verloren. Führte uns jemand auch nur fünfzig Meter vom Pfad weg und drehte uns dreimal mit verbundenen Augen im Kreis – wir fänden niemals wieder das Dorf. Irgendwann würde es Nacht werden, wir hätten kein Zelt, keine Ausrüstung, wir kämen nicht einmal einen Kilometer in der Stunde voran in irgendeine Richtung, so dicht wächst der Wald überall.


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Carlos und Raul wollen noch weiter gehen. Wir müssen uns eingestehen, dass von der Erkundung dieser Wildnis ein schwer zu erklärender Reiz ausgeht. Es zieht einen immer tiefer in den Dschungel, eine Stunde, einen Tagesmarsch, eine Woche, als ob die Erkenntnisse dort noch weitreichender sein könnten, als ob sich irgendwann unter einer Baumwurzel am entlegensten Punkt des Waldes ein elementares Geheimnis finden ließe, das die metaphysischen Rätsel des menschlichen Daseins auflöst, die »ersten Gründe« der Existenz, den letzten Sinn der Wirklichkeit, das Verhältnis zwischen Geist und Körper, die Frage nach einem Gott. Aber natürlich ist dort nichts, nur der Tod.

Nach zweieinhalb Stunden drehen wir um und laufen zurück in Richtung Dorf. Carlos findet den Weg, ohne zwischendurch an einer Stelle zu zögern. Wir haben keine fremden Zivilisationen getroffen, die noch vollkommen von der Moderne abgeschnitten sind, von denen es im Dschungel Perus noch mehr als ein Dutzend gibt. Wir sind auf eine gewisse Weise erleichtert, als wieder die erste Hütte im Sichtfeld auftaucht.

Die Stiefel und die Hose sind tiefbraun, der Schlamm hat sich in das Gewebe gesetzt, es regnet noch immer. Dass die Kleidung bei dieser Luftfeuchtigkeit trocknet, ist relativ ausgeschlossen, also verstauen wir alles in zwei großen Plastiktüten. Die Dorfbewohner bieten jetzt, da wir im Begriff sind aufzubrechen, noch etwas Kunsthandwerk an. Raul macht das Boot fertig.

Am späten Nachmittag liegt Melancholie über dem Fluss, das Wasser fließt schleppend. Die Monotonie der Uferlinie: unzählbare Bäume, hunderte Kilometer weit. Unsere Euphorie ist gewichen, die Wolken liegen grau über dem undurchdringlichen Grün.

Dieser Ort ist zu groß, zu weit, er birgt die äußere und innere Auflösung in sich. Während sich der Mensch im Gebirge, das ja ein ebenso unwirtlicher Ort sein kann, erhaben und mächtig fühlt, wird er im Dschungel ganz klein und bedeutungslos, ein Fremdkörper in einem abgeschlossenen Ökosystem. Der Urwald frisst den Menschen irgendwann auf, er verschlingt seine Seele, weil alle Referenzpunkte der eigenen Existenz abhandenkommen.

Auf der Rückfahrt nach Nauta sind wir schweigsam. Nach zwei Stunden schieben sich am Ufer die Lichter der Häuser ins Blickfeld, ab hier gibt es wieder eine Straße. Bis wir Iquitos erreichen, wird die Nacht hereingebrochen sein.


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Das Naturreservat Pacaya-Samiria

Reisezeit: ..Das Klima des peruanischen Amazonastieflands ist ganzjährig tropisch, feucht und warm. Am trockensten ist es zwischen Juni und September.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Weiter nach Iquitos mit dem Flugzeug, von dort mit Bus oder Taxi nach Nauta am Rand des Reservats. Das Naturschutzgebiet selbst lässt sich nur über seine Wasserwege erkunden.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Veranstalter: ..Organisierte Touren in den Dschungel lassen sich in Iquitos buchen. Möglich sind Kurztrips mit nur einer Übernachtung, Mehrtagesausflüge, aber auch ausgedehnte Expeditionen.

Übernachtung: ..In Iquitos gibt es viele Hotels und Herbergen unterschiedlicher Preisklassen. Am Rand des Naturschutzreservats bei Nauta finden Touristen mehrere Eco-Lodges. Im Schutzgebiet selbst gibt es keine kommerziellen Übernachtungsmöglichkeiten.

Geld:..In Iquitos gibt es mehrere Banken, die gängige Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Februar 2013).



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Machu Picchu muss man gesehen haben, heißt es. Von den Ruinen gibt es schon eine Million Bilder. Die Inkastadt liegt abgeschieden im peruanischen Hochland und ist doch maximal zugänglich. Lohnt der Besuch?

Cusco — Machu Picchu ist ein Ort der Verheißung: eine verborgene Inka-Stadt in den peruanischen Anden, die berühmteste Sehenswürdigkeit Südamerikas, eines der neuen sieben Weltwunder. Sinnbild für die untergegangenen Kulturen dieser Welt, Sehnsuchtsort für den Entdecker im jedem Reisenden, Symbol für das Fernweh selbst. Ewiges Machu Picchu.

Der Ausblick über die Ruinenstadt in den Bergen nordöstlich von Cusco ist weltberühmt, es gibt kaum einen, der ihn nicht irgendwo schon einmal gesehen hat. Man wird nie ermitteln können, wie viele Millionen Fotos bisher diese eine Perspektive eingefangen haben: den Blick vom Haus des Wächters über die Stadt bis zum Huanya Picchu. Auf Youtube kann man sich eine ganze Menge Videos von Machu Picchu anschauen. Es ist ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingeprägt hat.


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Die große Frage lautet: Muss man sich Machu Picchu überhaupt »in echt« angucken?

Im Vorwort zu 1000 Places to See Before You Die steht das angeblich asiatische Sprichwort: »Es ist besser, etwas einmal selbst zu sehen als tausendmal davon zu hören.« Das ist eine streitbare These, und ihr Wahrheitsgehalt hängt sicherlich davon ab, um welches Objekt der Begierde es sich handelt. Nun also Machu Picchu, die Mega-Sehenswürdigkeit.

Auch andere Reisende diskutieren im Internet : Peru mit oder ohne Machu Picchu? Offensichtlich sind wir nicht die einzigen Südamerika-Neulinge, die sich gefragt haben, ob es überhaupt noch nötig ist, sich die Ruinen mit eigenen Augen anzuschauen, wo man sie doch scheinbar schon eine Million Mal gesehen hat. Die Suche nach der Antwort berührt eine grundsätzliche Frage unserer Zeit: Welchen Wert hat die unmittelbare Welterfahrung, wenn jeder Ort prinzipiell schon von überall aus für jeden zugänglich ist?

Ein weiterer Grund zur Sorge: Natürlich geht es bei jedem allzu bekannten Ausflugsziel furchtbar kommerziell zu. Das Gelände ist weitgehend unzugänglich, der Zugang strikt geregelt, die Tickets ziemlich teuer, und Busladungen von trägen Bauchspeck-Touristen lassen sich jeden Tag bis zu den Eingangstoren fahren und müssen dann nur noch, prustend und schwitzend, die letzten Meter bis zur berühmten Aussichtsstelle selbst laufen. Es ist also komplett überfüllt. Jeder macht die obligatorischen Fotos.

Es ist ein schwieriges Unterfangen geworden, einen Ausflug nach Machu Picchu selbstständig zu organisieren, weil zum Beispiel die günstigen Tickets für den Zug nach Aguas Caliente begrenzt sind und oft im Vorhinein von den Tour-Anbietern restlos aufgekauft werden. Machu Picchu ist Perus große Tourismusmaschine, etwa 90 Prozent aller Fremdenverkehrseinnahmen des Landes entfallen allein auf diese Sehenswürdigkeit. Ein Besuch ist in diesem Licht ein reichlich abstoßendes Szenario, da will man erst einmal überhaupt nicht mitmachen, bei diesem Ausverkauf, auch wenn alle Welt dahin pilgert, na von mir aus bitte. Andererseits: Machu Picchu.


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Die Abwägung in dieser Sache dreht sich vor allem um die Frage, ob man das Auslassen der durchaus kostspieligen Attraktion nicht bis an sein Lebensende bereuen würde. Verwandte werden ungläubig fragen: »Wie, du warst in Peru, aber hast nicht Machu Picchu gesehen?« Es fällt leicht, den Big Ben, das Kolosseum oder den Eiffelturm zu ignorieren, denn London, Rom und Paris liegen heutzutage quasi um die Ecke. Ein Flug nach Südamerika ist immer noch einigermaßen teuer, und in Cusco, dem Ausgangspunkt für eine Tour nach Machu Picchu, ist der Reisende üblicherweise nur einmal im Leben. Also wird er am Ende natürlich doch Machu Picchu besuchen.

Als wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutendsten historischen Stadt Südamerikas eintreffen, buchen wir in unserem Hostel gleich für den kommenden Tag für 180 US-Dollar pro Person einen zweitägigen Ausflug nach Machu Picchu.

Die große Frage des Reisenden: Wie wird es nun sein, die Ruinen selbst zu sehen, über die verfallene Stadt zu schauen, das weltbekannte Abziehbild mit der eigenen, wahrgenommen Wirklichkeit abzugleichen? Wird das jede Huldigung wert sein? Alles nur irgendwie ganz nett? Oder eine Enttäuschung?

Wer sich in Cusco aufhält, findet genug Gelegenheiten, eine organisierte Tour zu buchen. Üblicherweise fährt ein Bus die Touristen bis nach Ollantaytambo, in der Stadt besteigt man die alte, nostalgisch erscheinende Prachteisenbahn bis nach Aguas Caliente, und von dort fahren am nächsten Morgen Shuttlebusse durch den Bergnebelwald bis direkt hinauf zur Ruinenanlage. Von Aguas Caliente aus, so haben wir gehört, kann man aber auch bequem laufen: immerhin etwas Eigenleistung.


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Es ist für Kurzentschlossene wirklich kaum noch möglich, sich alle Bausteine für die Tour nach Machu Picchu kurzfristig selbst zu organisieren. Wir vertrauen also auf unser Komplettpaket, das noch eine einstündige Führung durch die Ruinen enthält, damit wir eben nicht nur wie blöd Fotos von Machu Picchu schießen, sondern auch etwas über die Geschichte dieses Ortes erfahren.

Auf der Fahrt nach Ollantaytambo sieht man durch das Busfenster die schneebedeckten Berge der Cordillera Vilcabamba. Die Straße ist kurvig, es geht Hänge hinauf und Täler hinab, irgendwann erreicht man die Stadt. Dort kann man in einem Restaurant gemütlich einen café con leche und einen Papaya-Saft trinken, um danach ausgeruht zum kleinen Bahnhof herüberzuschlendern.

Die Fahrt mit dem Zug ist dann so eine Pseudoattraktion, alles ist auf alt und teuer und herrschaftlich gemacht, dient aber von der Aufmachung her wohl nur dazu, allen Touristen, die das Urubamba-Tal gleichsam eines Nadelöhrs irgendwie passieren müssen, ein wenig Dollars aus der Tasche zu ziehen. Die Eisenbahn folgt immer dem Fluss.


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Aguas Caliente liegt eingezwängt zwischen bewaldeten, oft vernebelten Berghängen. Die Luft ist feucht. Hier übernachten die meisten Touristen, die Machu Picchu sehen wollen, einmal, was gleichzeitig Segen und Verhängnis von Aguas Caliente ist: Das Geld spaziert hier durch die Straßen, die Peruaner müssen es nur noch einsammeln.

Der Weg vom Bahnhof in den Ort ist nicht weit und führt natürlich gleich über einen großen Markt. Menschen schieben sich zwischen den Ständen entlang, es dauert alles wahnsinnig lange. Die Hauptstraße von Aguas Caliente führt steil bergan. Ein Restaurant reiht sich hier an das nächste, in den oberen Stockwerken gibt es Gästezimmer. Kellner winken die Touristen herein, sprechen die Leute an, machen Scherze. »Hello my friend«, »Take a look at the menu«, »Please come in«.

Wer in einem Restaurant ein Sandwich mit chorizo für 15 Soles bestellt, bekommt manchmal nur ein aufgetautes Burgerbrötchen mit zwei Scheiben Presswurst ohne Salat und Soßen. Wir stellen fest: Aguas Caliente ist eine Zumutung.


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Abends im Hotel packen wir für den kommenden Morgen. Die Frage: Lohnt sich Machu Picchu oder ist das nicht eigentlich die totale Abzocke?

Wir beschließen, mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang zu Fuß aufzubrechen, um so wie früh wie möglich am Eingang des Parks zu sein, am besten noch vor der ersten Busladung fußfauler Komforttouristen.Die Laternen beleuchten die Straße entlang des Rio Urubamba nur spärlich, es regnet kräftig. Irgendwann kreuzt der Weg den Fluss, ein Mann in Uniform taucht aus der Dunkelheit auf, um hier, an diesem checkpoint, unsere Tickets zu kontrollieren. Wir steigen durch den feuchten Wald in Serpentinen den matschigen Pfad zu den Ruinen hinauf.

Machu Picchu liegt auf 2300 Metern im Gebirge, die Wälder sind in Wolken gehüllt, bald bricht der Tag herein. Um kurz vor 6 Uhr morgens betreten wir das Parkgelände, nur ein paar kleine Gruppen sind schon mit uns hier. Es regnet noch immer, die dichten Wolken nehmen jede Sicht. Der Tag dämmert, aber das merkt man kaum.

Wir können uns trotz Wegweisern und gepflasterten Pfaden kaum auf dem Gelände orientieren. »Wir müssen zum Haus des Wächters, da ist die Aussicht am besten«, sagt mein Reisebegleiter. Also gehen wir zum Haus des Wächters. Wir sehen: nichts. Die Hütte bietet immerhin Platz zum Unterstellen. Wir sind durchgeschwitzt vom Aufstieg durch den Wald, wir frieren.

Dann passiert es: Der Wind reißt kleine Löcher in den Nebel, durch die wir die ersten Fetzen der eigentlichen Kernstadt erkennen können. Minuten vergehen, das Bild wird klarer. Es ist so, als nehme jemand langsam Teile aus einem schiefergrauen Puzzle heraus, unter dem das eigentliche bunte Bild verborgen liegt. Die Wolken geben den Blick frei auf die morgendliche, immer noch im Dunst liegende Inkastadt Machu Picchu. Der berühmte Huanya Picchu, der weltbekannte Hügel, thront über der Stadt.

Machu Picchu: Wir sehen es mit eigenen Augen.



Weil noch kaum andere Leute unterwegs sind, fühlt es sich so an, als seien wir selbst für einen kleinen Moment Hiram Bingham, der die Stadt 1911 als erster Weißer auf einer Forschungsreise offiziell entdeckte, nachdem sie bereits vergeblich von den spanischen conquistadores gesucht worden war. Es existierten zu dieser Zeit aber bereits Landkarten anderer Europäer, in denen die exakte Lage der Stadt eingezeichnet war.

Schwer zu sagen, ob sich der Ausblick so anfühlt, wie wir erwartet haben, aber wir sind auf jeden Fall ziemlich erschlagen. Bei Nebel, sagen manche, sei Machu Picchu am schönsten. Abgleich mit der Vorstellung, die man von diesem Ort hatte: Der Zugang erfolgt quasi »von rechts« des weltberühmten Bildes. Ich habe immer geglaubt, man steige »von links« in die Szenerie hinein, obwohl es dafür natürlich keinen vernünftigen Beleg gab, es war einfach das Bild in meinem Kopf.

Das Licht ist immer noch dämmrig. In den ersten Minuten können die Augen kaum den Blick von den Ruinen abwenden. Für diesen kurzen Augenblick bekommt der Reisende hier am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, tatsächlich das Gefühl, die Stadt gerade entdeckt zu haben. Als sei er einfach durch den Dschungel spaziert, das Ziel unbekannt, und plötzlich: Machu Picchu.





Sobald die ersten geführten Reisegruppen auf das Gelände laufen, ist es mit diesem Eindruck aber vorbei. Das allgegenwärtige Bild von Machu Picchu, stellen wir fest, hat immer eine größere Abgeschiedenheit des Ortes transportiert, als das in der Realität der Fall ist. Aguas Caliente jedenfalls erscheint immer noch relativ nah gelegen. Man muss kein Abenteurer sein, um nach Machu Picchu zu gelangen.

Die Wolken geben jetzt fast die gesamte Stadt frei, wir laufen zurück zum Eingang, um unseren Guide zu treffen. Jesús führt uns mit einer distanziert-ungerührten Haltung durch die Ruinen. Er referiert leicht ironisch, manchmal spöttisch, die Geschichte der Inkastadt. Es ist ganz angenehm, ihm zuzuhören. Wir besichtigen den Sonnentempel, den heiligen Platz, das Haus des Priesters, das Gefängnis und die Sonnenuhr Intihuatana.


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Die Wissenschaft ist sich immer noch nicht einig darüber, was für einen Zweck Machu Picchu für die Inkakönige und ihr Reich hatte. Da liegt ein grob behauener Stein am Boden. »It is a compass, but people will sit on it later«, sagt Jesús. Er zeigt mit der Spitze seines Spazierstocks auf den Felsblock, schüttelt den Kopf und schaut lächelnd in die Ferne, die linke Hand steckt in der Hosentasche: wie ein englischer Gentleman. Jesús ist der ganze Auflauf zwischen den Mauern hier etwas zuwider, aber er ist auch zu relaxt, um groß herumzuschimpfen oder zu Moralpredigten über den touristischen Ausverkauf anzusetzen. Es liefe wohl auch seiner Geschäftsgrundlage zuwider.

Der Vormittag ist angebrochen, als wir uns von Jesús verabschieden und beschließen, noch auf den Cerro Machu Picchu zu steigen. Es geht jetzt darum, noch eine andere Perspektive zu bekommen, die nicht so einfach zu haben ist, die immerhin ein bisschen exklusiv erscheint.

Der Gipfel des Cerro Machu Picchu liegt noch einmal 600 Meter oberhalb der Stadt, der Aufstieg ist steil und um die Mittagszeit schweißtreibend. Der Reisende muss sich am Eingang des Geländes eine zusätzliche Erlaubnis für die Besteigung des Bergs einholen. Lohnt sich der Aufstieg?

Was deutlich wird von ganz oben, ist die Lage Machu Picchus innerhalb des Gebirges: Die Stadt wirkt klein zwischen den steilen, dicht bewachsenen Schluchten der Berge, durch die sich der Rio Urubamba hindurchwindet wie eine Würgeschlange. Im Südosten sieht der Reisende das Sonnentor, eine Scharte im Grat, durch die der Inka-Trail hinunter zur Ruinenanlage führt. Die Mehrtageswanderung ist oft auf Wochen hinaus ausgebucht.


Machu Picchu
Machu Picchu


Es erscheint hier oben auf dem Berg völlig klar, dass der Reiz Machu Picchus vor allem der Umgebung geschuldet ist. Machu Picchu: die untergegangene Stadt im schwer zugänglichen Hochland, immer noch eines der letzten großen historischen Rätsel unserer Erde. Dabei ist die Stadt, wie gesagt, gar nicht so schwierig zu erreichen: Jeden Tag kommen 2000 Besucher. Die relative Einsamkeit auf dem Cerro Machu Picchu ist wohltuend, man vergisst für einen Moment, dass die Stadt im Prinzip das ganze Jahr über von Touristenhorden belagert wird wie ein Disneyland.

Zurück in der alten Stadt kann man es jetzt gelassener angehen. Der beste Ausblick des Tages liegt ein paar Stunden zurück, die Sonne scheint grell auf die Steine, die Nebelschleier sind fortgezogen. Machu Picchu hat nichts Spirituelles mehr an sich.

Wahrscheinlich sind um die Mittagszeit die meisten Touristen hier: Da steht die neue asiatische Oberschicht in feinen Stoffen unter Sonnenschirmen neben amerikanischen Hobbyarchäologen im Khaki-Dress mit Wohlstandsplauze.

Etwas oberhalb der Ruinen setzt sich ein gut gelaunter, eloquenter Österreicher um die 60 mit seinem Unterhemd in die Sonne, streckt den Rücken durch, während sein linker Unterarm auf dem aufgestützten Knie liegt, und schaut über die Stadt. Er sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Joachim Gauck und unserem ehemaligen Deutschlehrer auf dem Gymnasium. Auch wir rasten an diesem Platz und essen etwas von unserem Proviant. Machu Picchu sieht jetzt wirklich aus wie das Gewöhnlichste auf der ganzen Welt.


Machu Picchu


Beim Blick über die Stadt, kurz vor dem Abstieg nach Aguas Caliente, stellt sich zwangsläufig wieder die Frage: Hat sich der Besuch nun gelohnt? Und wenn ja, liegt das daran, dass man diesen Ort wirklich als außergewöhnlich und sehenswert empfunden hat? Oder weil es der allgemeinen Erwartungshaltung entsprach, Machu Picchu zu sehen?

Feststeht: Ohne den morgendlichen Aufstieg durch den Bergnebelwald wäre uns die Besichtigung dieses Ortes wohl nur halb so spannend vorgekommen. Mit dem Bus irgendwo hinfahren, aussteigen, fotografieren, Abmarsch: Das ist Sightseeing-Tourismus, das hat mit Reisen nichts zu tun.

Aber natürlich ist auch der tougheste Abenteurer in Machu Picchu ein Tourist. Das muss nicht schlimm sein. Nur beantwortet es nicht die Frage: Hat sich Machu Picchu gelohnt?

An dieser Stelle hilft es, die Zukunft zu antizipieren: Wir jedenfalls glauben, uns auch noch in 20 Jahren genau an den Moment erinnern zu können, als sich der Nebel über Machu Picchu verzog und die Sicht auf die alte Inkastadt preisgab. Dieser Umstand ist, wenn wir ehrlich sind, schon eine ganze Menge wert. Denn an welche Momente, die gerade ein Jahr oder auch nur einen Monat zurückliegen, erinnert man sich schon wirklich?

Am Eingang zum Gelände hat sich am frühen Nachmittag eine lange Schlange gebildet: zufriedene Touristen, müde Touristen. Die Busse fahren die Besucher im Minutentakt zurück nach Aguas Caliente. Wir steigen ab.


Machu Picchu

Reisezeit: ..Machu Picchu kann prinzipiell das ganze Jahr über besichtigt werden. Am besten sind aber die trockenen Sommermonate zwischen Juni und September. Im Dezember und Januar kann es im Bergland zu heftigen Regenfällen und Erdrutschen kommen. Touristen werden manchmal von der Zivilisation abgeschnitten.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Die Busse von der Hauptstadt nach Cusco brauchen gut 20 Stunden, es gibt auch Flugverbindungen mit Lan Airlines. Von Cusco fahren Busse bis Ollantaytambo, von dort geht es mit der Eisenbahn nach Aguas Caliente. Shuttlebusse fahren hinauf nach Machu Picchu, Reisende können aber auch zu Fuß gehen.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Veranstalter: ..Unzählige Agenturen in Cusco bieten Machu Picchu als zweitägiges Komplettpaket an. Enthalten sind der Bus bis Ollantaytambo, die Hin- und Rückfahrt mit dem Hiram Bingham Orient Express, eine Übernachtung in Aguas Caliente und der Eintritt zum Gelände. Die Preise liegen bei umgerechnet 150 bis 200 Euro. Selbstorganisierte Kurztrips können problematisch sein, weil die Tourenanbieter oft das gesamte Kontingent an Zugtickets aufkaufen.

Übernachtung: ..In Cusco gibt es Unterkünfte aller Preisklassen – vom 5-Sterne-Hotel bis zur einfachen alojamiento. In Aguas Caliente gibt es ebenfalls ein breites Spektrum an Übernachtungsmöglichkeiten. In der Hochsaison im Sommer lohnt eine vorherige Reservierung.

Geld:..In Cusco gibt es zahlreiche Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Januar 2013).

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Einmal auf einem Sechstausender stehen! Bei Arequipa in Peru ist das ohne technische Schwierigkeiten möglich. Die Besteigung des Chachani lohnt allein für den Sonnenuntergang über der Altiplano-Hochebene.

Der Plan, zum ersten Mal einen Sechstausender zu besteigen, fällt bei einem starken 0,6-Liter-Bier. Wir sitzen in Arequipa, der »weißen Stadt« von Peru, auf der Dachterrasse eines dieser kleinen, modernen Hostels, die free wifi haben und Frühstücksomlettes und Cocktail-Happy-Hour und einmal im Jahr, natürlich im Oktober, sogar ein echtes, deutsches Oktoberfest. Hinter den Häusern der Stadt strahlt das Nachmittagslicht den ebenmäßigen Vulkankegel des 5822 Meter hohen Misti an. Nebenan leuchtet der Gipfelschnee des sogar noch etwas höheren Chachani in den Himmel.

Wir sitzen also da mit einem Bier, in guter Trinklaune, in bester Urlaubslaune, und überlegen: Wäre es nicht möglich, auf diesen mehr als 6000 Meter hohen Chachani hinaufzusteigen, in diese dünne Luft, in der die atmosphärische Sauerstoffdichte nicht einmal mehr halb so hoch ist wie auf Meereshöhe?

Wir sagen uns: Natürlich ist das möglich, wir probieren das aus, wir machen das einfach mal. Und damit ist abgemacht, dass wir auf jeden Fall da hinauf gehen werden, auf den Chachani: mächtiger Berg, machbarer Berg, unser erster Sechstausender.

Der Vorteil unserer Reiseplanung: Wir wollen erst noch weiter reisen zum Colca-Canyon und von dort weiter über Puno bis nach Copacabana in Bolivien am Titicacasee. Wir werden uns also für ein paar Tage dauerhaft oberhalb von 3500 Metern aufhalten. Der höchst gelegene Aussichtspunkt der Straße, die über die Altiplano zum Titicacasee führt, ist der Mirador Alto Lagunillas: 4413 Meter über dem Meer.

Der Plan, uns vorher in vergleichbaren Höhen zu akklimatisieren, um sich dem Chachani dann auf dem Rückweg, sozusagen nach einem kräftigen Luftholen zu nähern, erscheint uns jetzt, auf der Dachterrasse des Hostels, absolut bombensicher. Also eine kleine Agentur in Arequipa suchen und gleich die Bergtour buchen.


Arequia


Arequipa ist zum Glück so touristisch, dass der Bergsteiger einfach durch die Gassen spazieren kann, bis er vor dem Werbeplakat eines kleinen Outdoor-Reisebüros steht, das mit Sicherheit auch Touren auf den Chachani anbietet. Unsere Wahl fällt auf den gleich sympathischen, weil etwas unaufgeräumten Anbieter Aliberty in der Santa Catalina. Der Chef stellt sich als Raul Espinoza Dueñas vor: ein gedrungener Typ in geschäftiger Eile. Man werde diese Räumlichkeiten bald aufgeben und umziehen, sagt er, deshalb die Unordnung, das mögen wir bitte entschuldigen: kein Thema. Wir wollen ja auch bloß auf den Chachani steigen.

Der Deal: Für 385 Nuevos Soles pro Kopf – das sind etwas mehr als 100 Euro, das rechnen wir schnell um – fahren wir am ersten Tag mit einem Geländewagen auf 4900 Meter, von dort ist es dann noch eine gute Stunde bis zum Basislager. In der Nacht: Aufstieg mit unserem Bergführer auf den Gipfel des Chachani, der natürlich am besten genau bei Sonnenaufgang erreicht ist.

Wir besprechen kurz kumpelmäßig auf Deutsch dieses Angebot, dieses Rundum-Sorglos-Paket. Das schlechte Gewissen des Bergsteigers: Man fährt uns hier, total touristenmäßig, gleich auf eine stattliche Höhe, wir nähern uns dem Berg also nicht, wie sich das eigentlich gehört, mühsam von ganz unten, sondern kürzen ab. Das Erschließen des Berges, seine Eroberung, fällt damit zum Teil aus.

Andererseits: Noch einmal zwei Tage zusätzlich die staubtrockenen Hänge hinaufzusteigen, um überhaupt das Basislager zu erreichen, erscheint uns keinen großartigen Mehrwert zu bieten. Wir wollen uns ja nicht mühsam und kleinschrittig aus der Zivilisation zurückziehen, wir wollen einfach mal schauen, wie das ist: auf 6000 Metern stehen, die Luft dort atmen, in die Ferne schauen.

Deshalb wird der Deal jetzt einfach klargemacht. Raul ist zufrieden mit dem Geschäft, Raul sagt: »Okay, perfect.« Alles klar, perfekt.


Guanakos


Nach fünf Nächten sind wir wieder in Arequipa, und nicht zu früh am Morgen steigen wir in den Jeep, der uns hinauffährt ins Gebirge, der uns überhaupt erst einmal in die Nähe des Chachani bringt. Der Trugschluss: Natürlich liegt der Berg nicht direkt neben der Stadt, wir müssen ganz im Gegenteil mindestens drei Stunden über nicht asphaltierte, mehr oder weniger gut gesicherte Schotterpisten langsam den Berg umrunden, um uns dem Gipfel über die nicht ganz so steile Ostflanke nähern zu können. Nur von dort, erklärt uns unser Bergführer, der den lässigen Namen Jesús trägt, lasse sich der Berg ohne große Kletterei besteigen.

Der Misti und der Chachani liegen in einem Naturreservat. Vor unserem Jeep laufen wilde Guanakos über die Straße, in der Ferne: noch mehr schneebedeckte Gipfel, die aus dem trockenen Hochland in den Himmel ragen.

Gegen Ende der Fahrt wird die Piste wirklich schlecht. Der Fahrer weicht den kraterartigen Schlaglöchern, scheinbar einer jenseits des menschlichen Verstandes liegenden Intuition folgend, in einem undurchsichtigen Zickzack-Kurs aus. Wir sind mal eben 2000 Höhenmeter nach oben gefahren: Ausrüstung umladen, die Rucksäcke schultern, auf zum Basislager.


Chachani Basislager


Das Licht ist schon wirklich schön, als wir unseren Lagerplatz erreichen, eine trockene Staubwüste am Fuß des Gipfelaufbaus. Das Licht ist nicht mehr so gleißend-weiß wie um die Mittagszeit, das ist ja in äquatornahen Gegenden immer so ermüdend, und das Fotografieren kann man sich auch gleich sparen. Hier oben, unterhalb des Chachani, kommen die Farben am Nachmittag richtig gut raus: die Braun- und Rottöne der Erde, das Grün der spärlichen, aber weithin verstreuten Wurzgewächse, das Weiß des Schnees.

Wir bauen unser Zelt auf. Es ist windstill, es gibt keine Geräusche in dieser Höhe außer unser Lärmen und Rascheln und Herumlabern. Die Abwesenheit jeglicher anderer Laute gibt einem das Gefühl, sich in einem gewissermaßen entgrenzten Raum zu befinden, in einer Art künstlicher Kulisse, wie sie etwa in dem Science-fiction-Film Matrix als Trainingsterrain in das Gehirn projiziert wird.

Am Nachmittag, als das Licht schon scheint wie flüssiges Gold auf 5000 Metern, entsteht im Herz des Bergsteigers diese Gewissheit, jetzt noch einmal höher steigen zu müssen, bis zu einem Ort, an dem man mehr Aussicht hat über das weite Land, an dem das Leben noch ein bisschen größer scheint. Deshalb: schnell dem Drang nach oben folgen, eine Wasserflasche mitnehmen, die Kamera, und dann den Pfad hinauf, der in der morgigen Nacht auch auf den Gipfel des Chachani führen wird.

Der Weg vom Basislager aus ist steinig und unregelmäßig, aber nie ausgesetzt, der Bergsteiger steigt höher, 5200 Meter, 5300 Meter, sicher sind es schon 5400 Meter. Abgleich mit dem Berg gegenüber, der laut Karte auf jeden Fall höher als 5700 Meter ist: gleiche Höhe. Das ist ja schon irre hoch jetzt.

Nach zwei Stunden Aufstieg schaut man von den Hängen des Chachani über viele Kilometer Land, über ferne Höhenzüge, und man spürt hier oben, wie sonst allzu selten, das Gefühl wohligen Allein-Seins, in dieser extraterrestrischen Ödnis, die in einem Hohlraum über dem eigentlichen Land und ihren Menschen zu liegen scheint. Tolles Gefühl, hier oben auf 5700 Metern.

Die Unfähigkeit, den Moment jetzt richtig zu verarbeiten, führt zu dem unreflektierten und deshalb vielleicht genau richtigen Ausruf: »Wuhuuuuuuu.« Einmal laut in die Ferne rufen und lachen: Macht man auch viel zu selten sonst. In den Bergen – das ist immer so – kommt der Philosoph in einem ins Grübeln, aber hier am Chachani kommt gleichzeitig auch das Kind ins Staunen. Der Mensch braucht wohl beides, um sein Glück zu machen.


Chachani


Weil der Abend nicht mehr fern ist, geht es zurück ins Basislager, immer die sandige Geröllmoräne herunter, die vom Gipfel herabfließt. Man kann hier auf den Hacken rutschen, der Weg ist nicht schwierig. Unten am Zelt ist es Zeit für das Abendessen. Jesús kocht auf einem Gaskocher Nudeln, dazu gibt es Tomatensoße und Dosenthunfisch. Die Sonne ist jetzt schon hinter dem Grat verschwunden, es wird sofort kalt auf der staubigen Ebene, auf der unsere Zelte stehen.

Hinter dem schwarzen Grat scheint die Luft der Atmosphäre eine orange Farbe anzunehmen. Hinter dem Berghang, das spürt der Bergsteiger, liegt ein großer Ausblick. Ein Moment, der nur noch etwa eine halbe Stunde so zu erleben sein wird.

Der Wind fegt kalt über das Lager, die Nase ist rot, aber es geht jetzt nicht anders: Die Notwendigkeit, über die Felsen bis zur Gratlinie zu laufen, um den Blick zu bekommen auf die Szenerie, die sich vom Lager aus nur erahnen lässt, ist nicht mehr zu ignorieren. Es ist das Gefühl, gegen die Zeit zu laufen, und im Falle des Scheiterns etwas ganz Bedeutendes zu verpassen.

Stolpern über den von Felsbrocken übersäten Hang, noch ein paar Schritte, dann das Finale: Das Licht der untergehenden Sonne fällt über die mehr als 6000 Meter hohen Berge der Altiplano, über den Ampato und, viele Kilometer weiter entfernt, über den Coropuna. Das Licht schneidet die Gratlinien an wie feine Pinselstriche. Das Licht füllt den Raum zwischen den Bergen mit zartem Orange und Mattblau. Es ist vollkommen windstill, es gibt kein Geräusch. Die Umgebung scheint der Realität der Welt enthoben zu sein, eine Aussicht wie über einen fremden Planeten, den noch nie zuvor je ein Mensch gesehen hat. Ein Gemälde, ein Traumbild.

Erst ist da euphorische Überforderung, nach wenigen Sekunden schlägt sie um in eine tiefe, überwältigende Rührung.

Der Ausblick bestätigt die These, dass nichts von Menschenhand Geschaffenes unser ästhetisches Bewusstsein so sehr berührt wie die Natur. Es ist ihre Vergänglichkeit, die den Einblick in die Schönheit der Welt ausmacht. Die Architektur oder die Kunst können ein paar Leben überdauern. Aber die Wolken ziehen sich zu, die Sonne geht unter, der Schnee schmilzt, Blätter fallen, und das Bild ist zerstört. Es ist ein kurzer Einblick in etwas, das wir nicht verstehen. Es hat die gleiche Tiefe wie der Moment, in dem wir glauben, in den Augen eines anderen Menschen das große Ganze, den tieferen Sinn der Dinge sehen zu können, auf den Grund unseres eigenen Wesens zu schauen.

Am Chachani ist das Bild nach zehn Minuten verschwunden, Dunkelheit fällt über das Land.


Chachani Ausblick
Chachani Ausblick 2
Chachani Ausblick
Chachani Ausblick
Chachani Ausblick


Die Besteigung in der Nacht ist dann, um ehrlich zu sein, eher unspektakulär. Wir brechen gegen 2 Uhr auf, durch die totale Schwärze steigen wir mit unseren Stirnlampen über den steinigen Pfad zum Gipfel. Das Licht reicht aus, um den Weg im Dunkeln zu erkennen.

Irgendwann verteilt sich unsere Gruppe, bedingt durch unterschiedliche Geschwindigkeiten, gleichmäßig über den Berg: flackernde Lichtpunkte im Nirgendwo. Je dünner die Luft wird, umso schwerer werden die Beine, umso schneller geht der Atem. Aber das Terrain ist nicht schwierig.

Wir sind ein bisschen zu früh oben am Gipfel. Dort erstreckt sich ein Feld aus hartgefrorenen Eiszacken über das Geröll, aber eine richtige Vergletscherung wie in den Bergen weiter im Norden, in der Cordillera Blanca, gibt es es hier oben nicht.

Wir müssen feststellen, dass es vor allem bitterkalt ist. Wir sind mit unseren Bergstiefeln samt Wollsocken und den normalen Winterhandschuhen ganz offensichtlich zu dünn angezogen: Die Zehen und Finger werden taub. Der Moment des Sonnenaufgangs ist aufgrund der erbärmliche Kälte ein eher eingeschränktes Vergnügen.

Langsam bekommt der Horizont Farbe, die Gipfelpyramide des Chachani wirft einen gewaltigen Schatten über die Hochebene. Der Wind ist schneidend. Jesús fotografiert uns vor dem halb verfallenen, kaum einen Meter hohen Gipfelkreuz. Unsere Gesichter sind verzogen. Wir lutschen an unseren Fingern, weil sie so kalt sind. In der Ferne leuchtet das Gipfeleis des Ampato im Morgenlicht.


Chachani Gipfel
Chachani Gipfel


Der Sonnenaufgang in großer Höhe ist, im Gegensatz zum Sonnenuntergang, ein eher kurzes, punktuelles Vergnügen. Sobald der Kreis des Lichtkörpers nämlich einmal ganz zu sehen ist, ist das Spektakel im Grunde schon vorbei, auch wenn man noch ganz aufgeregt wartet: Schöner wird es dann nicht mehr.

Wir steigen schnell über die große Schuttmoräne ab und warten darauf, dass die ersten Sonnenstrahlen in die Mulde scheinen und auf unsere Hände treffen. Auf immerhin 6075 Metern waren wir, aber die Natur hat uns schnell wieder fortgescheucht von diesem Ort.

Chachani (6075 m)

Reisezeit: ..Am besten für eine Besteigung sind die trockenen Sommermonate, der Gipfel ist im September und Oktober teils eisfrei.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Die Busse von der Hauptstadt nach Arequipa brauchen etwa 18 Stunden. Von dort fahren Geländewagen bis unterhalb des Gipfelaufbaus auf etwa 4900 Metern.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Anforderungen: ..Der Chachani bereitet technisch keine Schwierigkeiten. Bergsteiger müssen aber gute Kondition haben und ausreichend akklimatisiert sein. Empfehlenswert sind wenigstens ein paar Tage in Höhen zwischen 3500 und 4000 Metern, zum Beispiel am Titicacasee. Wer die Kälte der Nacht unterschätzt, kann sich in der großen Höhe schnell leichte Erfrierungen zuziehen.

Veranstalter: ..Verschiedene Agenturen in Arequia bieten geführte Touren auf den Chachani an, die meist zwei Tage dauern. Enthalten sind An- und Abreise mit einem Jeep, der Bergführer, Ausrüstung wie Zelt, Isomatte und Schlafsack, aber auch Steigeisen und Eispickel sowie Verpflegung. Die Preise liegen bei umgerechnet 100 bis 150 Euro.

Übernachtung: ..In Arequia gibt es Unterkünfte unterschiedlicher Preisklassen – vom Sternehotel bis zu einfachsten Herbergen. Am Berg selbst wird in Zelten übernachtet.

Geld:..In Arequipa gibt es zahlreiche Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Januar 2013).



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Die Hippies suchen fern der Heimat ihr Paradies. Leider geht der Traum vom Glück selten in Erfüllung – auch nicht auf der Isla del Sol im Titicacasee. Die Sinneseindrücke werden dort auch ohne Trip herausgefordert.

Man muss kein elitärer Dandy sein, um den Hippie- und Drogentourismus in den Aussteigerenklaven dieser Welt für rundum verachtungswürdig zu halten. Die Grundidee dahinter ist, aufgrund des deutlich abgesenkten Einkommens- und Preisniveaus in den Entwicklungsländern einen hedonistischen Lebensstil zu zelebrieren, der sich durch eine Beteiligung am lokalen Drogenhandel und die Vernachlässigung des äußeren Erscheinungsbildes bequem gegenfinanzieren lässt. Das ist immer eine traurige Geschichte.

Leider ist auch der Titicacasee, der größte Hochgebirgssee der Erde in der südamerikanischen Altiplano, zu einem Anlaufpunkt für wohlstandsüberdrüssige Europäer, Australier und Amerikaner geworden. Als wir uns auf unserer Reise zur Südgrenze Perus in der Stadt Puno im Bus zur bolivianischen Grenze auf unsere Plätze setzten, drückte uns ein verwahrlost aussehender, aber selig grinsender Franzose gleich einen Flyer in die Hand, der in schlecht designtem Artwork für einen »moonlight rave« auf der Isla del Sol warb. Da wir wenig Lust auf Goa-Trance, Liquid Ecstasy und hypnotisches Tanzen im Mondlicht verspürten, lehnten wir freundlich, aber entschieden ab.

Der junge Mann hatte seinen Reisepass wohl bei einem der üblichen Initiationsriten für Langzeitaussteiger ins Feuer geworfen, in jedem Fall verließ er kurz vor dem Grenzübergang den Bus, um sich augenscheinlich auf einem anderen Weg an dem nur halbherzig bewachten Kontrollposten vorbei zu schleichen. Nachdem wir wenig später im Zielort Copacabana auf bolivianischem Staatsgebiet eine einfache Pension bezogen, die Kleidung gewechselt und uns auf die Suche nach einem passablen Restaurant gemacht hatten, begegnete uns der Franzose in einem der Cafés schließlich wieder.

Das verwundert nicht: Copacabana scheint reichlich ausländische Kundschaft für Gelegenheitsticker jeder Couleur zu bieten. Das öffentliche Leben wird vollkommen vom Tourismus dominiert. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die kleine Stadt am Ufer des Sees lediglich aus Hostels, Restaurants, Internetcafés und Souvenirgeschäften besteht, was nach der zweitägigen Fahrt über die peruanische Hochebene für den Moment aber nicht unangenehm ins Gewicht fällt.


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In Copacabana kann der Reisende im Prinzip alles tun, worauf er auch in der Heimat Lust bekommt, wenn gerade eine mehr oder weniger komfortable, aber trotzdem ermüdende Busfahrt hinter ihm liegt: Kaffee trinken; im Internetcafé abhängen, um kurz die Nachrichten aus aller Welt querzulesen oder ein retromäßig verfremdetes Instagram-Foto zu posten; faul in der Sonne herumsitzen.

Das Stadtbild ist weder besonders ansprechend, noch öffnet sich in den kleinen Gassen die Tür zu einem pulsierenden kulturellen und sozialen Leben, was – wenig verwunderlich – der Abgeschiedenheit der Stadt geschuldet ist. Es ist natürlich der große, weite See, der so viele Reisende überhaupt auf die Halbinsel Copacabana lockt.


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Um überhaupt einen Eindruck von den Ausmaßen des Titicacasees zu bekommen, fuhren wir am Morgen mit der Fähre in Richtung Isla del Sol bis Challapampa am Nordende der Insel.

Leider ist es in 3800 Metern Höhe über Normalnull durchweg ziemlich kalt, sofern nicht gerade die Sonne mit voller Wucht brennt, und die Fehlwahrnehmung, sich aufgrund der Ausmaße des Sees irgendwo am Meer zu befinden und deshalb einigermaßen sommerliche Kleidung tragen zu können, macht die Situation nicht gerade besser.

Auf dem Oberdeck unserer kleinen Fähre saßen einige Hobbymusiker, die sicherlich einen ordentlichen Batzen Gras wegrauchen konnten, aber weit von einer eremitischen Selbstaufgabe entfernt waren. So wurde lediglich fleißig musiziert und gesungen, und unser Boot erreichte nach mehr als einer Stunde Fahrt den kleinen Hafen im Norden des Eilands.

Unweit von Challapampa gab es dann tatsächlich einen Sandstrand, was die Sinnesorgane noch einmal in zusätzlichem Maße überforderte. Das eigentlich Irre am Titicacasee ist nämlich das Gefühl, sich gleichzeitig im Hochgebirge und am Mittelmeer zu befinden.

Die Sonne und das Wasser suggerieren dauernd, dass es möglich wäre, kurzerhand eine Badeshorts anzuziehen und in das Blau des Sees hineinzulaufen. Dann verschwindet die Sonne hinter einer Wolke, ein Windstoß fährt unter den Pullover, und der Reisende glaubt, nach Einbruch der Dämmerung auf der Terrasse einer alpinen Berghütte zu sitzen.

Die tiefblaue Farbe des Wassers täuscht außerdem darüber hinweg, dass der See in den vergangenen Jahren immer stärker verschmutzt wurde, weshalb sich ZEIT Online einmal zu der Überschrift »Drecksloch in den Anden« hinreißen ließ.


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Am nördlichen Ende der Isla del Sol liegen einige Inka-Ruinen: das Laberinto Chicana und die Roca Sagrada. Es ist natürlich immer so eine Sache mit den Überresten untergegangener Hochkulturen. Wenn man sich nicht zufällig brennend für die Geschichte der jeweiligen Zivilisation interessiert, sind Ruinen in erster Linie ein paar mehr oder weniger anspruchsvoll zusammengesetzte Steine, deren Besuch keinen substanziellen Mehrwert bietet, der über das Hintergrundwissen hinausgeht, das es in Büchern und im Internet nachzulesen gibt.

Immerhin glaubten die Inka, dass der Sonnengott Inti seine Kinder Manco Cápac, den ersten Inka-Herrscher, und seine Frau Mama Ocllo auf einem Felsen auf der Isla der Sol zur Erde hinabgeschickt hat, was dem Besuch der Ruinen eine gewisse Relevanz unterstellt.

Viel eindrucksvoller als die Überreste des Inka-Reichs ist der Ausblick, den es von den bergigen Höhen der Insel aus zu bestaunen gibt. Der Reisende glaubt, sich an der Küste in Kroatien oder Montenegro zu befinden, oder im Süden Spaniens oder Italiens. Dabei liegt der höchste Punkt der Isla del Sol auf mehr als 4000 Metern. Während das Gehirn immer wieder diese Mittelmeer-Schablone über die Szenerie legen will, spürt die Haut sehr deutlich, dass die Lufttemperatur absolut nicht zu dem visuellen Eindruck passt.

Vom Norden der Insel führt ein ausgedehnter Wanderweg bis zur Südspitze nach Yumani. Dort legt die Fähre ab, die den Reisenden am Nachmittag wieder zurück nach Copacabana bringt. Die Strecke ist in zwei bis drei Stunden zu machen.

Während der kleinen Wanderung fällt der Blick über die weite Wasseroberfläche des Titicacasees, tief im Osten hinter dem Küstenstreifen erheben sich an klaren Tagen die schneebedeckten Gipfel der Cordillera Real in den Himmel, nach Norden reicht der See bis zum Horizont.

Einzig irritierend sind die sporadisch hinter Steinen und Büschen hervorspringenden Inselbewohner, die wie Gespenster aus dem kargen Nichts der Landschaft auftauchen und für die weitere Benutzung des gut ausgebauten Pfads ein paar Bolivianos einfordern, für die man im Gegenzug eine Art Ticket erhält. Darauf stehen die Namen wenig bekannter Ruinenanlagen, die der Reisende erst noch zu Gesicht bekommen soll. Man kommt sich beim Bezahlen des Wegzolls einigermaßen dumm vor, aber der Betrag ist auf der anderen Seite wirklich keine Diskussionen wert.


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Kurz vor Yumani, bevor der Weg sich wieder hinab zur Küste windet, stehen noch ein paar kleine Restaurants, in denen sich schwerfällige aber extrem freundliche Omis um eine halbwegs passable Pizza bemühen.

Als wir uns hinsetzten und uns der Kopf durch die Stunden in der Sonne ein bisschen schwindelig geworden war, torkelte draußen eine vollkommen zugedröhnte Rockstar-Imitation durch die Hitze: schwankend, schief hängende Mundwinkel, wahllos mit den Finger durch die Gegend zeigend, Lederkleidung. Und tatsächlich, auf der Westseite der Isla del Sol sah man vom Höhenzug aus das Feldlager aus Zelten direkt unten am Wasser, das eine Art provisorische Behausung für die dauerdraufen Aussteiger geworden war.

Der von allerlei chemischen Substanzen nicht mehr zurechnungsfähige Rockerhippie versuchte uns einen furchterregenden Blick zuzuwerfen, aber das misslang auf ganzer Linie, konnte er sich doch kaum mehr schneller als in Zeitlupengeschwindigkeit bewegen. Wohin der junge Mann unterwegs war, wusste er womöglich selber nicht, und die Insel würde ihn bald wieder vergessen, genau wie seine Begleiter.

Die Drogen waren hier sozusagen konstituierend für das Ereignis an sich, ohne sie hätte im Prinzip überhaupt nichts stattgefunden. Wer zu kaputt oder einfach pleite war und sich nicht länger durchschnorren konnte, reiste wohl irgendwann ab, flog vielleicht sogar in die Heimat und nahm dort eine mittelmäßig bezahlte Vollzeitstelle an.

Es ist auch nicht recht einzusehen, warum die Verwahrlosung in einer exotischen Fremde etwas Glanzvolleres und Erhabeneres sein sollte als zu Hause.


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Nach dem Essen nahmen wir die Fähre zurück nach Copacabana. Am Abend stiegen wir auf den Cerro Calvario, den Wallfahrtsberg gleich neben der Stadt, denn von dort kann man aus einer gewissen Höhe der Sonne beim Untergehen über dem Titicacasee zusehen.

In der Ferne waren die Bergketten der Cordillera zu erkennen, die Wasseroberfläche lag ebenmäßig vor uns wie ein glattgestrichenes Tuch, und die Sonnenkugel färbte sich in feuriges Orange, bis sie schließlich die Landmasse auf der anderen Seite des Ufers erreichte.

Es war ein Sonnenuntergang wie am Meer. Als wir den Kreuzweg hinabstiegen, der auf den Hügel führte, pfiff ein eisiger Wind über die Treppenstufen.




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Cabanaconde — Es ist ein befremdliches Gefühl, aus der gewohnten Taxierung von Zeit und Raum herauszufallen, ins undefinierbare Nichts, wenn man in einem Land außerhalb des westlichen Kulturkreises am gefühlt späten Abend in eine vollkommen unbekannte Stadt hineinfährt. Die Dunkelheit hat die Konturen des Tages bereits verwischt, die Laternen leuchten nur spärlich, und die Orientierung reicht allenfalls bis zur nächsten Straßenecke. Wenn diese Stadt eigentlich nur ein Dorf in den Bergen ist, in dem die Einwohner auf mehr als 3000 Metern Seehöhe abseits des Welttrubels ein entbehrungsreiches Leben in dürftig zusammengehaltenen Ziegelbaracken führen, dann kommt man sich als westlicher Reisender spätestens komplett deplatziert vor.

Cabanaconde im peruanischen Hochland ist so ein Ort.

Warum sollte man hier am Tagesende unterkommen, inmitten primitiver Lebensverhältnisse, die einen sofort beschämen, aber gleich mit der Einschränkung, daran lasse sich im Allgemeinen wenig und hier und heute an diesem Abend im Speziellen ohnehin überhaupt nichts ändern, wieder verworfen werden, nur um sich in einem der wenigen Hostels ein deftiges Alpakasteak zu bestellen und einen Pisco Sour hinterherzukippen?


Cabanaconde
Cabanaconde
Cabanaconde

Die Antwort auf diese Frage bekommt der Reisende am Morgen, wenn der raum- und zeitlose Ort Farben und Formen bekommt, wenn er sich unter dem wolkenlosen Himmel auszudehnen scheint, nachdem er am Abend in der Wahrnehmung zusammengeschrumpft ist zu ein paar ärmlichen Hütten und zerfurchten Gesichtern unter schweren Hüten und zu ein paar einsamen Straßenhunden; somewhere, nowhere, am Rand der bekannten Welt.

Wenn es also hell ist in Cabanaconde, dann erinnert sich der Reisende wieder, warum er überhaupt hier hergekommen ist, dann sieht er in jeder Himmelsrichtung hohe Bergketten: Das kleine Dorf liegt oberhalb des Colca-Tals, über der Bruchkante eines Canyons, auf dessen Grund der Rio Colca fließt, inmitten von mehr als 5000 Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln.

Statistikfanatiker führen an dieser Stelle an, der Colca-Canyon sei – sofern man ihn von der höchsten nahegelegenen Bergspitze bis hinunter zum Talgrund vermisst – noch weit vor dem berühmten Grand Canyon die zweittiefste Schlucht der Welt. Diese Zahlenreiterei ist wenig erkenntnisreich, weil beide Canyons ganz unterschiedliche geologische Formationen aufweisen und folgerichtig auch einen ganz anderen Charakter besitzen: Der Colorado River hat sich in ein vollkommen flaches Hochplateau hineingefressen, der Rio Colca fließt im Grunde einfach in einem besonders tiefen Gebirgstal.

Colca Canyon
Colca Canyon
Sangalle, Colca Canyon

Da jede sinnvolle Erkundung eines neuen Orts im besten Fall zu Fuß stattfinden sollte und es außerdem einen halbwegs komfortabel ausgetretenen Pfad hinab in die Schlucht gibt, liegt es gleich sehr nahe, in den Colca-Canyon hinabzusteigen, um dort – ja was eigentlich zu tun?

Man wird das noch herausfinden.

Zuerst führt der Weg aus dem Ort heraus und vorbei an einfachen Hinterhöfen und Stallungen, in dem sich abwechselnd Esel, Schweine und Hühner befinden. Das führt dem Reisenden vor Augen, dass diejenigen Peruaner im Colca-Tal, die nicht von Einkünften aus dem Canyon-Tourismus leben, hauptsächlich Subsistenzwirtschaft betreiben. Dementsprechend passiert der Weg auch einige terrassenartig angelegte Felder, bevor er sich – an Steilheit deutlich zunehmend – in engen, staubigen Serpentinen die Schlucht hinunterwindet.

Ein Aufbruch am frühen Morgen ist angeraten: Bereits am Vormittag brennt die Sonne unerbittlich auf die trockenen Hänge des Canyons. Staub und Sand scheinen das Licht wie ein Spiegel zu reflektieren und heizen die gesamte Schlucht auf.

Ganz unten im Tal – man sieht es schon von weit oben – wächst auf einem begrenzten Streifen entlang des Flusses plötzlich üppiges Grün, und einem fällt sofort das schöne, weil immer etwas märchenhaft angehauchte Wort Oase ein.

Sangalle nennt sich die Ansammlung von kleinen Häuschen am Fuße des Canyons, der Ort ist nach etwa zwei Stunden von Cabanaconde aus erreicht. Die Sonne brennt hier wirklich unerbittlich auf die dörren Hänge, kaum ein Mensch ist zu sehen in den kleinen Ferienanlagen mit den einigermaßen lieblos angerichteten Bungalows.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Sangalle, möglicherweise aufgrund akuter Springflutgefahr, schon vor Jahren aufgegeben und verlassen worden. Ein Detail stört aber diesen Eindruck: Gleich zwei sorgfältig gepflegte Swimmingpools zieren das Gelände der Oase. Und tatsächlich, unter der heißen, äquatornahen Sonne leuchten im Wasser auf einmal die weißen Körper eines amerikanischen Pärchens in den gleißend hellen Mittag.

Was tut man nun an diesem Ort, außer sich kurz zu erfrischen?

Sonnenbaden in der marternden Gluthitze kommt nicht in Frage, ein anregendes Buch ist gerade jetzt nicht zur Hand, und der naheliegendste Gedanke – ein zünftiges 13-Uhr-Besäufnis im Schatten mit ein paar trinkfesten Reisebegleitern, was im Urlaub durchaus auch ohne irgendeinen Anlass seine Berechtigung hat – scheidet wegen mangelnder Gastronomieangebote ebenfalls aus. Also ein bisschen von der Hängebrücke auf den Fluss anschauen, dann die mehr als 1000 Höhenmeter wieder nach oben steigen.

Sangalle – so viel lässt sich recht schnell sagen – kann man gesehen haben, muss man aber nicht; das ist immerhin ein Urteil, das jeden Marco-Polo-Reiseführerleser abschreckt, und damit ist der Ausflug nicht auf ganzer Linie ein Irrtum.

Sangalle, Colca Canyon

Es zeigt sich nun, beim Aufstieg aus der Talschlucht, das ganze trügerische Wesen einer Canyon-Durchsteigung.

Wartet auf einem Berg nach getaner Arbeit die Aussicht über das weite Land, der Triumph des Gipfels, dieses erhabene Gefühl, über der Welt und ihren Dinglichkeiten zu stehen, so führt einem der Grund einer Schlucht, die Enge zwischen den tausend Meter hohen Berghängen, eher das Verfahrene und die Mühseligkeit des Lebens vor Augen, die immer wiederkehrende Anstrengung, sich von den Umständen nicht lähmen zu lassen.

Man möchte jetzt nicht sagen, die Wanderung in eine Schlucht sei eben nicht nur der Weg auf den Grund eines Gebirgstals, sondern auch seiner persönlichen Beschränktheiten und Hemmungen, das wäre zu einfach und zu schlecht. Aber natürlich ist es so: Es ist leicht, hinabzusteigen auf den Talgrund, aber umso schwerer, wieder heraufzusteigen.

Dort unten verengt sich der Blickwinkel, die Übersicht geht verloren, man wird ganz klein, und dann muss man auch noch die größte Anstrengung aufbringen, um nach oben zu kommen. Es ist viel erstrebenswerter, sich einen Hang hinaufzuquälen, um einen bislang verborgenen Punkt zu erreichen, einen neuen Blick zu bekommen, eine neue Sicht auf die Lage, anstatt überhaupt erst wieder das Level zu erreichen, von dem man aufgebrochen ist.

Vielleicht muss man manchmal genau das, hinab in eine Schlucht und wieder zurück, aber das ist meist kein angenehmer Weg, und die Entourage in dieser Geschichte hat schließlich Urlaub.

Glücklicherweise kann der erschöpfte Reisende – sollte er auf halbem Weg aus dem Canyon unter der gnadenlosen Mittagssonne an den Rand seiner Kreislaufkapazitäten kommen – einfach einen einheimischen Bauern ansprechen und auf dem Rücken eines Maulesels gegen ein geringes Entgelt aus der Schlucht nach oben reiten.

Dort erschließt sich dann wieder die Weite des Tals, das Ausmaß der riesig hohen Felswände, das enorme Gefälle, überhaupt die irre Architektur der Landschaft. Schön sieht das am Abend aus, bevor es wieder dunkel wird in Cabanaconde.

In dem einzigen Internetcafé des Ortes sitzt an manchen Abenden ein Junge vor dem Rechner und spielt Counter Strike. In der Hütte rattert das Maschinengewehr, draußen streunen dürre Hund durch die Gassen, und die Sicht reduziert sich wieder auf das Dürftige, das Ärmliche, die Kälte zwischen den Fugen der Häuser.

Man möchte dann am nächsten Tag ganz hoch auf einen Berg steigen. Oder weiterreisen.

Cabanaconde / Colca Canyon

Reisezeit: ..Zwischen Mai und Oktober ist die Luft klar und trocken, es regnet kaum. Die Nächte können in der Höhe sehr kalt werden, auch wenn es tagsüber ziemlich warm wird.

Anreise: .. Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Nach Arequipa sind es mit dem Bus etwa 18 Stunden. Von dort brauchen die Busse über die Altiplano-Hochebene etwa 5 bis 6 Stunden nach Cabanaconde. Tickets gibt es im Bahnhof. Je schneller der Bus, umso höher der Preis.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Übernachtung: ..In Cabanaconde gibt es ein paar kleinere Hostels für wenig Geld, Buchungen sind zum Teil über das Internet möglich. In Sangalle auf dem Grund des Canyons können Reisende in kleinen Ferienbungalows übernachten.

Geld:..Ein Euro sind etwa 3,3 Nuevos Soles (Stand November 2012).


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