Tag

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Die Besteigung des Chopicalqui scheitert bereits auf dem Weg zum Hochlager. Eine sagenhaft breite Gletscherspalte versperrt den Weg. Die Enttäuschung ist groß. »That’s the mountains«, sagt Bergführer Carlos.

Huaraz — Der Mensch will immer höher hinaus, das ist vielleicht Teil seiner Natur, möglicherweise auch nur meiner Natur, in jedem Fall wollte ich nach dem stattlichen Gletscherberg Pisco und dem eher als Geröllhaufen zu klassifiziernden Chachani auf einen richtig alpinen Eisriesen der Cordillera Blanca aufsteigen: den Chopicalqui, 6354 Meter, weitläufige Vergletscherungen, steile Firngrate.

Vor allem die luftige Schlusspassage ließ mich zuhause, in Deutschland, immer wieder zwischen Begeisterung und Ehrfurcht schwanken. Doch der Gipfel soll mir am Ende verwehrt bleiben, wir können keinen Weg durch den Gletscherbruch finden.

Immerhin: Am Chopicalqui gibt es dramatische Formationen aus Fels und Eis zu bestaunen. Das ist ein kleiner Trost. Aber wirklich nur ein kleiner.


Chopicalqui


MORÄNENLAGER

Wir sind vom Basislager aufgestiegen und bauen auf etwa 4600 Metern unsere Zelte auf. Bergführer Carlos tanzt sportlich über die Steine, unser schweigsamer Koch Marcus macht Essen – alles wie immer.

Leider bereitet das Wetter große Sorgen: Nachmittags geht ein ordentlicher Hagel über dem Lager nieder, der Gipfel des Chopicalqui und seine vergletscherten Hänge verschwinden regelmäßig im Nebel. Überhaupt: Wie das Eis wirr und gezackt am Berg zu kleben scheint. Zur Stunde erscheint es einigermaßen unrealistisch, überhaupt je die höheren Sphären des Berges erreichen zu können.

Der Laie verspürt Unsicherheit, er will am liebsten ganz klar wissen, ob ein Aufstieg zum Hochlager morgen möglich sein wird. Man muss an die Profibergsteiger denken, die oft mehrere Wochen im Basislager vor irgendeinem Wandfuß im Karakorum ausharren, bevor es überhaupt ein Wetterfenster für den Aufstieg gibt. Diese Zeit haben wir: nicht.

Der Hagel hat – psychologisch wichtig – aufgehört. Immer wieder gehen Teile des Gletschers vor uns als Eislawinen ab, das Echo wird von der Felswand hinter dem Zelt zurückgeworfen. Gletscher bewegen sich, das merkt man hier.

Der vorausahnende Carlos: »We have to wait for tommorrow.« Völlig klar.


Chopicalqui
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IM GLETSCHERBRUCH

Der nächste Morgen ist dann doch »heiter bis wolkig«, so würde man das im Radio sagen. Wir machen uns auf den Weg ins Hochlager auf über 5000 Metern.

Leider gibt es keine Spur durch den Gletscherbruch, weil wir relativ spät in der Saison unterwegs ist: Es ist Anfang Oktober. Die letzten Bergsteiger, zwei Spanier, seien vor zwei Wochen am Berg gewesen, berichtet Carlos – sie seien aber nicht bis auf den Gipfel gegangen. Das heißt an diesem Tag: selbst einen Weg finden.

Der immer kundige Carlos geht souverän voraus, ich sichere ihn mit einem Seil. Wir laufen über Türme und Blöcke aus Eis, die in nicht absehbarer Anordnung durcheinandergewürfelt zu sein scheinen wie Häuser nach einem Erdbeben. Bis zu 80 Meter tiefe Spalten ziehen sich durch das Eis, oft liegen sie unter Schnee verborgen. Man sieht dann nur eine leichte Delle im Boden.

Das Eis reflektiert die Sonne so stark, dass meine Isomatte außen am Rucksack schmilzt.

Irgendwann bleibt Carlos stehen und sagt: »We cannot go this way.« Carlos steht auf einer Schneebrücke, das hat er gemerkt, weil sein Eispickel durch den Boden bis in einen Hohlraum gehackt hat. Die Spalte sei beim letzten Mal noch nicht so breit gewesen, hier könne man nicht weitergehen.

Der Kunde schaut ungläubig und denkt: Gut, der Carlos kennt den Berg, er wird sicher einen alternativen Weg finden. Wir folgen einer anderen Spalte, doch irgendwann klafft wieder nur ein riesiger Abgrund auf. Viele Optionen gibt es nicht, und wir haben natürlich keine Aluminiumleiter dabei.

Nach einer halben Stunde ist klar: Wir finden keinen Weg durch den Gletscherbruch.

Langsam sackt die Enttäuschung ins Bewusstsein. An dieser Stelle ist offensichtlich Schluss. Letzter Widerwille, Frage an Carlos: Gibt es überhaupt einen Weg auf den Gipfel? Antwort Carlos: Nein, vorerst gibt es auf dieser Route keinen sicheren Weg auf den Gipfel. Er werde das der Agentur in Huaraz melden.


Chopicalqui
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ABSTIEG

Totale Resignation im Moränenlager. Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein. Die Expedition ist ja kaum richtig losgegangen.

Ist es frustrierender, 50 Meter unterhalb des Gipfels in einem Schneesturm umkehren zu müssen oder bereits auf dem Weg zum Hochlager wegen einer einzelnen Gletscherspalte? Schwer zu sagen.

Der erfahrene Bergführer Carlos sieht natürlich die Enttäuschung seines Klienten und versucht ihn etwas aufzuheitern. Er selbst habe auch schon oft umkehren müssen, zum Beispiel bei einer Aconcagua-Speedbesteigung vor drei Jahren. Da habe er natürlich die 800 US-Dollar Eintritt für den Nationalpark schon gezahlt gehabt und dann: schlechtes Wetter, Abbruch 400 Meter unterhalb des Gipfels.

Dann lächelt Carlos und sagt den ultimativ weisen Satz: »That’s the mountains.«


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Nevado Pisco
Chopicalqui
Huascarán


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Scharf gezeichnete Grate und Couloirs, Gletscherbrüche: Die mächtigen Gipfel der Cordillera Blanca bilden das weiße Dach Perus. Ein Aufstieg auf den Nevado Pisco in Schwarz-Weiß-Fotografien.

Huaraz — Wer es liebt, in den Bergen zu sein, kann nicht nach Peru reisen, ohne sich in die schneebedeckten Anden aufzumachen.

Cordillera Blanca, weißes Gebirge: ein Name wie eine Verheißung.

Was man dort findet: ewiges Eis, von Gletschern behangene Felswände, unnahbare Giganten. Firntürme, deren Gipfel aussehen wie Sahnehäubchen, die ein unsichtbarer Konditormeister in Richtung Himmel gezupft hat.

Im Nationalpark Huascarán stehen viele der schönsten Berge der Welt: der Artesonraju (6025 m), Vorbild für das Logo der Filmproduktionsfirma Paramount Pictures, der trapezförmige Alpamayo (5947 m), und der Doppelgipfel des mächtigen Huascarán (6768 m) selbst.

Der Nevado Pisco wiederum ist derjenige Gipfel, der für den konditionell erprobten und gut akklimatisierten Bergsteiger mit einem kundigen Führer vergleichsweise leicht zu ersteigen ist und dennoch das Gefühl von hochalpiner Ausgesetztheit erzeugt, der die Gegenwärtigkeit urgewaltiger Natur greifbar macht, der mit seinen 5752 Metern zwar nicht zu den höchsten Gipfeln der Region gehört, aber das Matterhorn immer noch um mehr als tausend Meter überragt.

Eine Besteigung in Bildern, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Schatten und Eis.

LAGUNA 69

Die Laguna 69 ist ein beliebtes Ausflugsziel für Tagestouristen im Llanganuco-Tal. Der Begriff Lagune suggeriert einen Überfluss an Vegetation, aber der Gebirgssee liegt auf 4600 Metern, es ist kalt und karg an diesem Ort.

Der Bergsteiger, der den Ausflug zum See für die Akklimatisierung nutzt, kommt den brüchigen Eismassen des weißen Gebirges hier schon sehr nahe. Die vereiste Südwand des Chacraraju fällt fast senkrecht mehr als tausend Meter in langgezogenen Falten und Verwerfungen hinab bis zu den Schuttmoränen oberhalb der Lagune. Die Gratwechten des Bergkamms sehen aus wie Baiser, die Hängegletscher wie eine zerfallene Quarkspeise, der Eissaum wie zerbröselter Kuchen.


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BASISLAGER

Das Basislager ist am Nevado Pisco – anders als an anderen Expeditionsbergen – gleichzeitig das letzte Lager vor dem Gipfel, es ist also ein Ort des Zweifels: Hält sich das Wetter? Gibt es Schnee? Zieht ein Sturm herauf?

Wer die fast lotrechte Südflanke des Pisco sehen will, muss vom Basislager noch einmal ein paar Höhenmeter bis auf den Kamm einer Geröllmoräne steigen. Der Bergsteiger sieht die überhängende Eispanzerung des Gipfelgrats, die langen Schatten auf der weißen Wand, und weiter unten: haushohe Bruchkanten im Eis, immer dort, wo die Architektur des Berghangs eine Felsstufe vorgesehen hat.

Man kann sich nur schwer vorstellen, wie es sein muss, wenn sich ein Serac aus der Gletschermasse löst und in tausend granitharte Eisbrocken zerfällt, ein Geräusch wie der Donner am Himmel.


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


GIPFEL

Aufstieg in der Nacht, am frühen Morgen streifen die ersten Sonnenstrahlen das weiße Gebirge. Das Spiel von Licht und Schatten beginnt aufs Neue, aber hier oben, auf dem Gipfel des Nevado Pisco, ist es noch eindrucksvoller, die Linien im Eis sind noch schärfer gezeichnet in dieser Sonne, die noch nicht vermag, die nachtkalten Hände richtig aufzuwärmen.

Der Blick wandert zu den Bergriesen der Cordillera Blanca: Artesonraju, Alpamayo, Chopicalqui, Huascarán, Huandoy, Chacraraju – was für ein Ausblick! Was für eine surreale Formation aus Eis und Schnee!

Die eigene Gegenwart auf dem Gipfel zu spüren inmitten dieser monochromen Gratlinien, Eisbrüche und Couloirs, erzeugt im Herz des Bergsteigers ein kaum vergleichbares Gefühl von Lebendigkeit, von unmittelbarer Welterfahrung, von irdischer, aber in gleichen Teilen überirdischer, nicht mehr rationaler Präsenz des Menschen auf der Erde: Das Stoffliche kann nicht alles sein, denkt man.

Wie kann der Mensch einfach nur Staub werden im Angesicht dieser Bergwelt?


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


ABSTIEG

Der Tag wird sehr schnell heiß unter der Höhensonne, schon bald kann der Bergsteiger seinen dicken Pullover ausziehen. Der Schweiß löst die Sonnencrème von der Haut.

Die Schatten der Gletscherspalten gewinnen im Licht des Tages erst richtig an Kontur, schwarze Risse im Eis, bis zu 60 Meter tief, kalt und dunkel: die Menschenfresser des Hochgebirges.

Doch der Bergführer manövriert kundig durch den Gletscherbruch, der Schnee wird sulzig, das Gehen etwas beschwerlicher. Der Tag ist noch nicht allzu alt, als der Boden unter den Füßen wieder aus Felsen besteht. Das Licht ist jetzt schon sehr gleißend und leuchtet die Eiswände gänzlich aus.

Nach zehn Stunden ist der Bergsteiger wieder im Basislager.


Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca


Nevado Pisco (5752 m)

Reisezeit: ..Die größten Erfolgsaussichten für den Gipfel bestehen in den trockenen Sommermonaten zwischen Juni und September. Es gibt aber auch viele Seilschaften, die den Pisco bereits im Mai oder erst Ende Oktober besteigen.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Von dort in 8 Stunden mit dem Bus nach Huaraz. Mit einem Geländewagen geht es in den Nationalpark Huascarán.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Anforderungen: ..Der Nevado Pisco ist ein ernstzunehmener, hochalpiner Gipfel mit weitläufiger Vergletscherung. Neben guter Kondition und ausreichender Akklimatisierung ist solide Bergerfahrung nötig. Das sichere Gehen mit Steigeisen auch in steilerem Gelände sollte ebenso beherrscht werden wie richtiges Seilhandling und alpine Sicherungstechnik. Ein steilen Hang muss der Bergsteiger mithilfe der Frontalzackentechnik überwinden, im Abstieg wird dort abgeseilt. Schwierigkeit: PD. Für die Besteigung wird Expeditionsausrüstung benötigt.

Veranstalter: ..Verschiedene Agenturen in Huaraz bieten geführte, mehrtägige Touren auf den Nevado Pisco an. Nicht alle Anbieter sind seriös: Viele Bergführer beherrschen keine ausreichende Sicherungstechnik, die Verpflegung ist dürftig, und die fehlende Akklimatisierung der Kunden wird oft ignoriert. Eine professionelle Tour mit einem zertifizierten UIAGM-Bergführer kostet ab 500 US-Dollar.

Übernachtung: ..In Huaraz gibt es viele Herbergen und Hostels, die Stadt ist Zentrum des Trekkingtourismus in der Region. Im Nationalpark Huascarán wird in Zelten übernachtet. Im Basislager des Pisco gibt es auch eine einfache Hütte, das Refugio Perú.

Geld:..In Huaraz gibt es Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Februar 2013).



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