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großvenediger

Mayrhofen — Der Schwarzenstein ist in den Zillertaler Alpen derjenige Berg, an dem für vergleichsweise geringe Schwierigkeiten ein maximal hochalpines Ambiente zu bekommen ist. Die Besteigung ist also ein lohnende Angelegenheit, wenn man sich ohnehin gerade auf dem Berliner Höhenweg befindet und einen Tag für eine Gipfeltour einräumen möchte.

Eher gemächlich zieht sich der Pfad von der Berliner Hütte hinauf zur Mörchnerscharte und biegt irgendwann ab in Richtung Gletscher. Der wenig steile Aufstieg auf den Gratrücken ist angeseilt und bei gutem Wetter auch für einen Zehnjährigen möglich. Dafür reicht die Aussicht vom Gipfel vom markanten Tuxer Hauptkamm (Schrammacher, Olperer, Gefrorene-Wand-Spitzen) im Nordwesten bis zum dominanten Firngipfel des Großvenedigers in den Hohen Tauern im Osten.

Der Abstieg erfolgt am besten noch am Vormittag, bevor die Schneebrücken über den zahmen Gletscherspalten matschig werden.


Olperer, Gefrorene-Wand-Spitze, Hoher RifflerOlperer, Gefrorene-Wand-Spitzen und Hoher Riffler (von links nach rechts).
GroßvenedigerGroßvenediger.
Schrammacher, OlpererSchrammacher (links) und Olperer (rechts).



Schwarzenstein auf einer größeren Karte anzeigen

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Der Berg ist nicht immer der Berg – das ist so eine Binsenweisheit, die man schnell aufstellen könnte über das Hochgebirge. Der Berg wandelt sich nämlich mit den Jahreszeiten, mit dem Wetter, mit dem Schnee, der friert und wieder taut und wieder friert, und mit dem Wind, der an seinen Graten und Flanken nagt. Der Berg sieht immer anders aus. Wenn der Bergsteiger nun anrückt, um den Berg zu bestiegen, findet er fast nie die gleichen Bedingungen vor. Was im vergangenen Sommer noch leicht erschien, weil es an diesem einen Tag damals vielleicht 15 Grad hatte, ist heute, bei – sagen wir – minus 3 Grad, schon ziemlich heikel. Deshalb sagt die objektive Schwierigkeit einer Route immer nur die Hälfte über die Besteigung aus, die andere Hälfte muss man sich sozusagen vor Ort, in der Praxis, direkt am Berg erschließen. Man muss sich erst mal anschauen, ob eine Besteigung überhaupt zu machen ist.

Das Schönbichler Horn in den Zillertaler Alpen ist ein prominenter Berg. Nicht, weil es besonders hoch wäre (3133 Meter) oder seine Erscheinung auffallend markant: Das Schönbichler Horn liegt auf dem Berliner Höhenweg, und wer sich dazu entschlossen hat, in etwa einer Woche den gesamten Rundweg von Hütte zu Hütte zu begehen, der muss früher oder später über diesen Berg steigen, wenn er keinen Umweg über das Tal nehmen möchte. Nur ist das Schönbichler Horn eben auch ein Berg, dessen Gestalt sich mit der Witterung grundlegend ändert. An manchen Sommertagen ist die Überschreitung des Gipfels eine sorglose Wanderung, an anderen ein heikles Unterfangen. Eine Rückschau auf drei Begehungen.

2003

Spätsommerwetter in den Ostalpen: Die Sonne brennt heiß, die Luft ist warm, die Gletscher sind aper, und Neuschnee ist seit mindestens zwei Wochen nicht mehr gefallen. Die Höhenzüge sind schneefrei. Der Weg auf das Schönbichler Horn ist vom Furtschaglhaus oberhalb des Schlegeis-Speichers in zwei Stunden zu machen. Die Drahtseile auf der anderen Seite, die hinunter zur Berliner Hütte führen, lassen sich gut greifen. Die Steine zum Treten und Festhalten sind trocken und warm. Das macht großen Spaß, diese leichte Kletterei hier oben, in Sichtweite des vergletscherten Zillertaler Hauptkamm. Mit Konzentration und gutem Tritt ist der Weg an diesem Tag ohne Probleme zu machen.

2007

Der Blick von der Terrasse des Furtschaglhauses zum Gipfel verheißt um 7 Uhr morgens wenig Gutes: Neuschnee ist bis auf 2500 Meter hinuntergefallen, der Bergkamm liegt im Nebel, die Sicht ist schlecht. Trotzdem: Aufstieg. Unterhalb der Scharte hat eine ansehnliche Schneedecke die losen Steine überzogen. Ein bisschen am Hilfsseil entlang hangeln, kurz auf den Gipfel steigen, und dann: Abstieg über die verschneite Gipfelflanke. Die Steine sind rutschig. Man sieht kaum etwas. Das Drahtseil ist schlecht zu greifen. Und der Weg, der aus der Flanke auf den Grat führt, ist nicht recht zu erkennen. An diesem Tag stürzt ein Bergsteiger beinahe direkt vor uns auf dem Weg nach unten rund 70 Meter ab, vermutlich ist er einfach weggerutscht, war eine Sekunde unaufmerksam, hat wegen seines schweren Rucksacks das Gleichgewicht verloren. Die Rettungssanitäter kommen mit dem Hubschrauber und fliegen den Verunglückten in eine Klinik. Später in der Hütte: bedrückte Stimmung trotz aufmunternder Worte. Schicksalsberg Schönbichler Horn, an diesem Tag liegt er wie eine Mahnung in den Wolken.


Schönbichler Horn
Schönbichler Horn
Bild 263
Schönbichler Horn.


2010

Die Sonne verdrängt am Morgen die Schatten aus dem Tal, auf den Höhen liegt trittfester Schnee, der Himmel ist blassblau über den Gipfeln. Weil um die Spitze des Schönbichler Horns herum nicht ein Wolkenfetzen hängt, wirkt der Schnee wenig bedrohlich, obwohl das natürlich ein Trugschluss ist. Wir klettern mit dem nötigen Respekt, aber durchaus heiter durch das Steilstück bergab, man sieht von oben schon die Berliner Hütte und mit ihr die Aussicht auf eine ordentliche Mahlzeit. Alles kein Problem, der Auf- und Abstieg an diesem Morgen. Dann bis zum nächsten Mal.


Hochsteller, Olperer, Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Hochsteller (links) und Olperer (rechts).
Hoher Weißzint, Hochfeiler, Hochferner, Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Hoher Weißzint, Hochfeiler und Hochferner.
Großer Geiger (vorne) und Tuxer Hauptkamm (hinten) vom Schönbichler Horn, Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Großer Geiger (vorne) und Tuxer Hauptkamm (hinten) vom Schönbichler Horn.
Hoher Riffler vom Schönbichler Horn Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Hoher Riffler vom Schönbichler Horn.
Größer Mörchner (links) und Großer Löffler (rechts) vom Schönbichler Horn Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Größer Mörchner (links) und Großer Löffler (rechts) vom Schönbichler Horn.
Großer Mörchner (Mitte vorne), Großer Löffler (Mitte hinten), Schwarzenstein und Hornspitzen (rechts) vom Schönbichler Horn Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Großer Mörchner (Mitte vorne), Großer Löffler (Mitte hinten), Schwarzenstein und Hornspitzen (rechts).
Großer Möseler Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Großer Möseler.
Olperer (links) und Gefrorene-Wand-Spitzen (rechts) von der Berliner Hütte Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Olperer (links) und Gefrorene-Wand-Spitzen (rechts) von der Berliner Hütte.
Turnerkamp von der Berliner Hütte Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Turnerkamp von der Berliner Hütte.


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Wenn die Augen nicht mehr zwischen Schnee und Wolken unterscheiden können, hat man in den Bergen ein Problem. Auf dem Großvenediger erlebten wir einen Whiteout – und kamen trotzdem auf den Gipfel.

Als wir Kinder waren, sahen wir den Großvenediger vom Zillertaler Hauptkamm aus in der Ferne aufragen: der vierthöchste Berg Österreichs, 3662 Meter hoch. Geschätzte zehn Jahre später sollte es auf den Gipfel gehen. Mein Bruder und ich stiegen also in einen Flieger nach München, nahmen einen Zug nach Österreich und fuhren mit einem Bus bis zum Südausgang des Felbertaunerntunnels. Dort nahm uns ein Jeep mit zum Venedigerhaus. Wir kamen von bescheidenen 120 Metern Seehöhe und erreichten erst am späten Abend, in der Dämmerung gegen 21 Uhr, unser erstes Ziel: die Neue Prager Hütte auf 2796 Metern. Knapp 2800 Meter sind zwar nicht der Überwurf, der Körper beginnt aber trotzdem damit, sich an den veränderten Sauerstoffgehalt in der Höhe anzupassen. So müde wir auch abends in unser Lager fielen – unser Ruhepuls lag mit Sicherheit bei 90. Der Körper fing an zu arbeiten.

Ab 2500 Metern kann es schon zur akuten Bergkrankheit kommen. Sie ist im Gegensatz zu ihren gefährlichen Verwandten HACE und HAPE nicht lebensbedrohlich, äußert sich aber in fiesen Kopfschmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit. Üblicherweise werden in Höhen um die 3000 Meter aber nur Turnschuh-Wanderer bergkrank, die sich direkt mit der Seilbahn in die Höhe fahren lassen. Für uns war das also kein Problem. Wie uns der Wirt auf der Neuen Prager Hütte mit genügsamer Selbstverständlichkeit mitteilte, gab es auf der Prager Hütte seit dem Winter kein fließendes Wasser. Wir mussten uns mit Schnee die Zähne putzen, die Leitungen waren noch zugefroren.



Für den nächsten Tag war der Gipfeltag angesetzt. Der Aufstieg stand nicht nur bildlich gesprochen unter einem schlechten Licht: Das Wetter war gelinde gesagt beschissen, der Berg war in dichten Nebel gehüllt, und wir mussten auf die Spuren einer 5er-Seilschaft vertrauen, die vor uns aufstieg. Die Sichtweite auf dem Gletscher lag bei etwa 20 Metern. Ohne eine Spur hätten wir uns niemals an den Berg herangetraut.





Durchaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Auge irgendwann nicht mehr zwischen Nebel und Schnee unterscheiden kann und man gelegentlich zu Halluzinationen neigt. So schwor mein Bruder darauf, dass ein von mir weggeworfenes Stück Trockenobst stetig den Hang herunterrutschen würde, obwohl es sich bei längerem Betrachten kein Stück von der Stelle bewegte. Ein whiteout kann zu vollkommenem Orientierungsverlust führen, weil der Himmel sich nicht mehr gegen die übrige Landschaft abhebt. Das Auge ist überfordert. Man fängt an, Dinge zu sehen, die gar nicht da sind, man wird ein bisschen wahnsinnig.

Abgesehen von den miserablen Sichtverhältnissen war der Anstieg körperlich extrem zehrend. Da wir uns vor der Tour nicht sicher waren, ob wir von Hütte zu Hütte wandern oder eher auf Gipfelsturm gehen würden, hatten wir viel zu viel Gepäck dabei: ein leidiger Umstand. So haben wir in den sagenhaften fünf Stunden des Aufstiegs jeweils 20 Kilo Gepäck den Berg hinaufgetragen – und wieder herunter. Darüber hinaus lag noch extrem viel Altschnee vom Winter. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Gletscherspalten gefährlich überschneit sind, sondern macht auch das Gehen deutlich beschwerlicher, weil der Fuß bei jedem Schritt 30 Zentimeter einsinkt. Jener Mensch, der da zuvorderst der 5er-Seilschaft die Spuren getreten hat, muss nicht nur einen gottgebenen Orientierungssinn gehabt haben, sondern auch die Kraft eines Bären. So kam es dann vor, dass mein Bruder und ich – am Tag zuvor noch vom Flachland aufgestiegen – regelmäßig alle zehn Meter anhalten mussten, um durchzuatmen. Mit keinem geringen Gefühl der Genugtuung tauchten irgendwann doch noch der Gipfelgrat und das Kreuz auf.



Nach mühsamen achteinhalb Stunden erreichten wir wieder die Neue Prager Hütte. Der Wirt versorgte die gesamte Mannschaft mit einem großen Topf Nudeln mit Bolognese-Soße. Mein Puls war vor dem Einschlafen noch mal etwas höher als in der Nacht zuvor. Der Aufstieg von 120 auf 3670 Meter binnen 20 Stunden hinterließ seine Spuren. Dass es in den nächsten Tagen sogar noch ein wenig höher gehen sollte, war zu dem Zeitpunkt noch lange nicht ausgemacht..



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