Tag

münchener haus

    Garmisch-Partenkirchen — Das Tal liegt beschaulich da in der warmen Abendsonne. Eigentlich wäre es jetzt Zeit für ein wenig Müßiggang, aber ich muss mich beeilen: Noch zwei Stunden sind es bis zur vollständigen Dunkelheit, in zwei Stunden muss ich die Höllentalangerhütte auf 1381 Metern erreicht haben. Das Licht in der Klamm, die hinauf zur Herberge führt, schwindet schon. Schweiß läuft mir über das Gesicht. Als ich die Herberge erreiche, sind die Konturen der Umgebung kaum noch zu erkennen. Der so ziemlich unfreundlichste Hüttenwirt der Welt kann noch einen Lagerplatz anbieten: sechs Euro die Nacht. Ich lege mich früh schlafen, denn am nächsten Tag will ich die Zugspitze über die Höllental-Route besteigen und gleich im Anschluss den Jubiläumsgrat erklettern – eine der großen Gratüberschreitungen der Ostalpen.

    Unglücklicherweise habe ich die Sonnenaufgangszeiten für Mitte August kläglich unterschätzt, um 5 Uhr ist es draußen noch stockfinster. Ich habe keine Stirnlampe. Weil die Mondsichel ein wenig Licht spendet und der Weg zum Talschluss einigermaßen eben ist, kann ich nach einem kleinen Frühstück trotzdem aufzubrechen. Es liegt eine tolkiensche Stimmung über dem Tal: Weiter oben am Berg leuchten schon die Stirnlampen der früher aufgebrochenen Bergsteiger, die Lichtpunkte in der Ferne sehen zusammen genommen aus wie ein versprengtes Feldlager. Mit der ersten zaghaften Aufhellung des Himmels erreiche ich die sogenannte Leiter und das sogenannte Brett, zwei seilversicherte Passagen, die sich im Internet viel heikler lesen, als sie in Wirklichkeit sind. Im Osten geht die Sonne auf.


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    Höllentalfener, Sonnenaufgang.


    Der Weg führt weiter bis zum Höllentalferner, der sonnengeschützt auf der Nordseite des Bergmassivs liegt und einer der letzten Gletscher auf deutschem Staatsgebiet ist. Ich habe Steigeisen dabei und kreuze den Ferner in direkter Linie, teilweise auf Blankeis, nicht ohne auf die gefährlich tiefen Spalten zu achten.


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    Höllentalferner.


    Die Randspalte des Gletschers ist an diesem Tag kein Problem. Die letzten 200 Höhenmeter zum Gipfel sind schließlich in einem einzigen Klettersteig fast komplett seilversichert, der Anstieg ist noch einmal kräftezehrend. Gegen 8.30 Uhr ist der Gipfel der Zugspitze erreicht, mit 2963 Metern Deutschlands höchster Berg. Für den naturverbundenen Bergsteiger ist die Ankunft am Ziel eher deprimierend: Drei Seilbahnen führen auf die Spitze, der gesamte Gipfelbereich ist zugebaut und einbetoniert, es gibt zwei Restaurants und das Münchener Haus des DAV. Bereits mit Eintreffen der ersten Talbahnen füllt sich das Plateau recht schnell mit schätzungsweise 200 Menschen, darunter Familien mit kleinen Kindern und Japaner in Turnschuhen. Ein Beispiel dafür, dass der Mensch durch seine Technologie an Orte vordringt, an denen er eigentlich nichts verloren hat. Immerhin ist die Aussicht umfassend, beinahe alle hohen Dreitausender der Ostalpen zeichnen sich am leicht dunstigen Horizont ab – zum Beispiel der imposante Firngipfel der Wildspitze in den Ötztaler Alpen.


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    Zugspitze, Gipfel.


    Zugspitze (2962 m)
    Anreise: bis Grainau-Hammersbach (758 m)
    Hüttenzustieg: durch die Höllentalklamm, ca. 2-3 Stunden
    Übernachtung: Höllentalangerhütte (1381 m), +49 163 5542274, 80 Lager, ab 6 Euro
    Gipfel: Schwierigkeit I, Klettersteig C, Randkluft am Gletscher, ca. 3-4 Stunden

    Ich versorge mich mit Weißwürsten, Bretzeln und einem Weißbier zum zweiten Frühstück und verschaffe mir einen Überblick über die weitere Route: die Begehung des Jubiläumsgrats. Die Gratüberschreitung ist eine in der Bergsteiger-Literatur mit 8 Stunden Gehzeit angegebene hochalpine Tour, die ungesicherte Kletterpassagen im unteren dritten Schwierigkeitsgrat der UIAA-Skala aufweist. Der Kletterer überwindet jede einzelne Erhebung des Grats bis zur Grießkarscharte, also noch einmal 800 Höhenmeter im Gegenanstieg, und hat bis auf einen einzelnen Talabstieg keine Möglichkeit, aus dem Grat auszusteigen. Aber ich habe Kletterhelm, Gurt und Klettersteigset nicht umsonst auf die Zugspitze geschleppt.

    Der Weg über den »Jubi« führt am Anfang sehr ausgesetzt am Grat entlang, hier wird weitgehend auf Seilversicherungen und Tritthaken verzichtet. Der Pfad ist oft nur einen halben Meter breit, er fällt 500 Meter senkrecht ins Höllental ab. Stürzen ist hier sehr unvorteilhaft. Ich überhole viele Bergsteiger, spreche mit diesem und jenen. Die einen wollen in der Biwakschachtel übernachten, die nach zwei Dritteln des Weges auf dem Grat aufgestellt wurde; andere haben bereits für die erste Hälfte des Weges sechs Stunden gebraucht. Viele Gruppen begehen den Jubiläumsgrat in zwei Tagen. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, es wird Nachmittag, bis ich die Höllentalspitzen überwunden habe.

    Eine Schlüsselstelle des Grats ist das Erklettern der Vollkarspitze. Der Steig ist mit Kategorie D bewertet, und mit der 3-Punkt-Regel kommt man tatsächlich nicht allzu weit. Gerade beim Einsteig in die Kletterstelle muss man sein Gewicht hauptsächlich mit den Armen nach oben ziehen, um einen guten Trittpunkt zu erreichen. An dieser Stelle sichere ich mich mit dem Klettersteigset, zeitweise kommt es zu einem Stau in der Wand. Hinter der Vollkarspitze werde ich langsam richtig durstig: Auf dem Jubiläumsgrat gibt es nirgendwo Wasser. Meine 1,5 Liter, die ich auf der Zugspitze gefüllt habe, sind beinahe leer. Irgendwann höre ich, körperlich schon reichlich ausgezehrt, fließendes Wasser. Ich kreuze ein Geröllfeld und finde ein Rinnsal, das von einem Schneefeld gespeist wird. Zitternd und müde trinke ich und fülle die Flasche. In solchen Momenten kehrt der Mensch wieder ein wenig zu seiner Natur zurück.


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    Jubiläumsgrat.

    Das Wasser in Verbindung mit einem letzten Snickers-Riegel gibt wieder Kraft. Der Körper ist eine Maschine, die schier unbegrenzte Energie freisetzen kann, solange man sie mit ausreichend Treibstoff füttert. Nach 12 Stunden Kletterei erreiche ich die Grießkarscharte, es ist 17 Uhr. Wie kompromisslos der Grat tatsächlich ist, zeigt sich auch daran, dass zwei erschöpfte Bergsteiger von einem Hubschrauber der Österreichischen Armee ausgeflogen werden müssen. Sie haben schlichtweg keine Kraft mehr gehabt, um weiterzugehen, wird man sich später auf der Hütte erzählen. Der Abstieg von der Grießkarscharte ins Tal ist kaum anspruchsloser als der Grat selbst. 200 Höhenmeter geht es über Seilversicherungen hinab, bis das Gelände endlich ein wenig ebener wird. Ich treffe auf eine Gruppe Wanderer, die die Scharte überschritten haben: zwei Buben, Vater und Onkel. Nach den üblichen Wohers und Wohins beschließt man, gemeinsam abzusteigen. »Zusammen steigt es sich leichter ab als allein« – das hat dann nach 12 Stunden Kletterei auch nichts mehr mit Wandersmannkitsch zu tun.

    Das Gespräch mit der Familie reißt mich aus meiner tranceartigen Gleichgültigkeit. Der Junge ist 13 Jahre alt und erinnert mich ein bisschen an mich selbst in diesem Alter. Auf dem Weg zurück zur Höllentalangerhütte treffen wir auf drei Wanderer, die sich überschätzt haben und am Ende ihrer Kräfte pausieren. Wir versorgen die Gestrandeten mit dem, was uns noch an Wasser und Essen geblieben ist (ich selbst habe nichts mehr) und bewegen sie zum Weitergehen. Die Dunkelheit zieht auf, wir erreichen alle zusammen gegen 19 Uhr die Hütte. Alles in allem bin ich 14 Stunden auf den Beinen gewesen. Auf der Hütte sitzen wir zusammen, es werden ein paar Schnäpse bestellt. Obwohl ich weiß, dass ich auch so werde schlafen können, trinke ich zwei mit, bestelle von meinem letzten Geld etwas zu Essen und falle in einen komatösen Schlaf. Das schönste Geschenk an diesem Tag ist das anerkennende Nicken der Bergführer, die bereits am Morgen in der Gaststube saßen. Am Morgen des nächsten Tages geht es durch die Klamm zurück ins Tal.


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    Höllentalklamm.


    Jubiläumsgrat
    Anreise: bis Grainau (758 m) oder Ehrwald (994 m)
    Hüttenzustieg: per Bergbahn auf die Zugspitze (2962 m)
    Übernachtung: Münchener Haus (2959 m), +49 8821 2901, 30 Lager, ab 6 Euro
    Grat: Schwierigkeit III-, Klettersteig D, ca. 8 Stunden

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