Tag

ostafrika

Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich die drückend-warme Luft Afrikas. Auf den Gipfel des Kilimandscharo soll es gehen, ohne Frage ein ambitioniertes Vorhaben. Vorher erlebe ich noch ein anderes Gefühl, das für mich gänzlich neu ist.

Moshi — Der Mann mit der Maschinenpistole lächelt mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kommen. Er ruht in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und sieht für westliche Augen ein bisschen so aus wie ein Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisen im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander. Es ist halb elf abends und das Thermometer zeigt etwa 25 Grad an. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken in Beschlag genommen zu werden, erscheint mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchen, stehen erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wissen nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollen.

Ich plaudere mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt habe. Jennys Gepäck kommt jetzt, natürlich, nicht über das Gepäckband gefahren. Wir erfahren, dass auf den Flügen der KLM, die herunter zum Kilimanjaro Airport gehen, gerne das ein oder andere Gepäckstück liegen bleibt, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten wäre. Das ist natürlich, so oft es auch passiert, ein echtes Ärgernis. Als ich meinem Fahrer zu verstehen gebe, dass nun eben das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen sei, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, ist die Verwirrung perfekt.

Offenbar habe ich den guten Mann mit meinem Englisch maßlos überfordert, er verweist mich hilflos wieder und wieder an die Gepäckstelle und schiebt mir ein Formular unter die Nase, glaubt er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Das ist aber Unsinn, schließlich hängt der große, grüne Seesack offensichtlich über meiner Schulter. Irgendwann scheint auch mein Fahrer von dieser Sachlage überzeugt zu sein. Das Gepäck des Mädchens hingegen liegt tatsächlich in Holland. Ich tippe meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem funktioniert. Man wird sich dann morgen im Hotel sehen, vermutlich.


DSC_0046Der Kilimandscharo vom Park View Inn aus gesehen.


Im nächsten Moment sitze ich in einem kleinen Van, der in Deutschland definitiv keine TÜV-Zulassung bekommen hätte. Die in regelmäßigen Abständen künstlich über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfährt der Fahrer noch genau mit einer solchen Geschwindigkeit, bei der er davon ausgehen kann, dass der Wagen keinen nachhaltigen Schaden davontragen und diese Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi somit nicht die letzte für ihn selbst gewesen sein wird, bevor man ihn aufgrund seiner Fahrlässigkeit und des mutwilligen Verschleißens von Firmeneigentum hochkantig hinauswirft. Die Steppe ist vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand stehen einige dürre Büsche. Ab und zu überholen wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich haben.

Die Silhouette des gewaltigen Bergmassivs des Kilimandscharo zeichnet sich im Mondlicht am Horizont ab. Die Position des Berges im Verhältnis zum Fahrzeug scheint sich während der gesamten Fahrt aufgrund des enormen Ausmaßes dieser topografischen Erhebung überhaupt nicht zu verändern. Durch diese Distanzlosigkeit habe ich ein bisschen das Gefühl, die Straße würde unter uns auf einer riesigen rotierenden Kugel hinweggezogen, während sich Berg und Wagen, wie auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegen. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschen sehr schnell an uns vorbei.

Obwohl ich ein paar Menschen sehe, überkommt mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also frage ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch scheint mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das macht aber auch gar nichts, denn es ist ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, endlich das Parkview Inn erreichen. Im Badezimmer töte ich nicht ganz ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben bleiben, und krieche dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht weiß, ob man diesem Malarone wirklich trauen kann. Im matten Zimmerlicht bahnt sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken. Ich komme mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe. Aber ich bin eben auch sehr müde an diesem Abend.


Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn MoshiIm Park View Inn in Moshi.


Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß ist, um schlafen zu können, stehe ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holt mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name ist Theodory, oder einfach Tito. Er sieht mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« ein bisschen so aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlt sich meine Stirnhaut recht ölig an.

Ich nehme in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Jegliche Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen sind mir natürlich schon bekannt. Ich lausche jedoch aus Höflichkeit brav dem Vortrag des jungen Mannes, denn es scheint mir, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. In Wirklichkeit ist das für ihn aber vermutlich reine Routine. Um ihm nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stelle ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und leihe mir am Ende sogar noch für zehn Dollar ein Paar Gamaschen, deren Mitnahme ich vor Reiseantritt eigentlich als überflüssig erachtet habe.

Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machen die meisten der Bediensteten im Parkview Inn eine Miene, als sei ein naher Verwandter gestorben, und deshalb habe ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreite, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinst er mich leicht verstohlen an, nuschelt etwas von »you can get robbed« und gibt mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liegt, was daraus wird.


Mauly Tours Moshi
Mauly Tours MoshiBlick aus dem Fenster von Mauly Tours in Moshi.


Ich gehe noch einmal zurück ins Hotel und treffe dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir aufsteigen wird. Nachdem ich erfahre, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reist, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hat, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dakar nach Johannesburg geflogen ist, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, scheint mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen muss, als durchaus annehmbar, und so spaziere ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es ist sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich bin wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.

In der Ziellosigkeit dieses Tages liegt ein gewisser Reiz, aber ich beschließe dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera habe ich im Rucksack verstaut, einer närrischen Hoffnung folgend, ich könne ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verliere, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erscheint mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Afrikaner, mit denen ich ins Gespräch komme, sehr freundlich und gebildet sind, lassen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Freundes erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft verspricht.

Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um hinterhältige Straßenräuber handelt, sondern um einfache Einwohner, die ihrem Tagwerk nachgehen, halte ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so käme man zu dem Schluss, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gibt, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre absurd. Abgesehen davon gibt es aber nicht viel zu rauben, denn in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbringe, sehe ich genau zwei Menschen, die annähernd europäisch aussehen. Wenn es hier tatsächlich Touristen gibt, dann halten sie sich alle im Schatten ihrer kleinen Hotels und Hostels auf.

Zu allem Überfluss gebe ich an anderer Stelle allzu tölpelhaft meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbietet, mich zum Buffalo geleiten zu wollen. Ohne zu wissen, weshalb genau, folge ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppt und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbietet. Entweder ist es um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt, oder aber die vermeintlich selbstgefertigten Drucke stammen doch aus maschineller Hand. Man muss jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähneln. Man könnte auch sagen: Es sind die gleichen. Im Hotel kann ich derweil niemanden antreffen, also hinterlasse ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend, westlich feilsche ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert ist und lasse ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen. Für ihn ist es sicher noch ein gutes Geschäft. Ich fühle mich schlecht, als ich daran denke, wie viel Geld ich manchmal in Deutschland an einem einzigen Abend vertrinke.

Nach einem Dutzend Gesprächen über angebliche Verwandte in Deutschland und unzähligen »hakuna matata brother Phil« bekomme ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestelle etwas mit chicken und Reis und beobachte den Koch, der unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisen, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackt. In diesem Moment frage ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tue, und mit einem Mal komme ich mir sehr einsam vor. Das halte ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen Gedanken, vermutlich liegt es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen sind. Denn eigentlich bin ich sehr vergnügt darüber, hier im vollkommenen Nirgendwo auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola aus der Flasche zu trinken.

Auch wenn man denkt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveller-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Indochina backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin Barnim, lerne ich dort, in Afrika, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße bin, den ich seit einer Stunde gesehen habe. Vielleicht auch daran, dass offensichtlich ist, dass ich hier keiner Beschäftigung nachgehe, sondern als Tourist umherreise. Ich falle aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es noch von früher von der kindlichen Aufregung am Flughafen her kennt, oder später ultrahip und kosmopolit-urban von der Kreuzberg-Stipvisite des letzten Berlin-Besuchs. Auch kein Gefühl, in einem prickelnd-aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen. An diesem frühen Nachmittag des 5. März bin ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt werde oder die Menschen eine grundlegend schlechte Meinung von mir haben, sondern weil ich dort bin, wie ich dort bin. Man kann es lesen aus dieser Restaurantszene wie aus einem Buch, und erkennen in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuche über die erdige und aufgeheizte Straße zu setzen.

Satt wie ich schließlich bin, stellt sich an diesem Punkt meiner Reise nun die alte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsverzerrenden Romaneindrücken ist, gebe ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und mache mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkommt mich eine große Müdigkeit. Bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setze, ruhe ich eine Weile auf meinem Zimmer. In der Ferne ragt der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool liegt etwas deplatziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.


Parkview Inn MoshiBlick vom Balkon meines Zimmers im Park View Inn in Moshi.


Gänzlich unerwartet tauchen auf einmal Mathias und Jenny im Innenhof auf, und es gibt ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kommen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und werden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hat mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelt sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings, Jennys Gepäck ist immer noch nicht da, und obendrein akzeptiert keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für ein wenig Anspannung sorgt. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt ihrer Gipfelbesteigung wird das vermisste Gepäckstück doch noch ankommen.

Im Anschluss unseres zweistündigen Plauschs gehen wir herüber in die Bristol Lodges. Dort treffen wir Oliver vom Vormittag wieder und obendrein zwei andere Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen soll. Es gibt chicken curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählt, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hat, der da in gut 30 Kilometern von uns aus der Steppe herausragt und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland aus der Ferne in keiner Weise erkennen lässt. Jeder erzählt also, und alles in allem sind wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch sitzen, während ein Tansanier im Smoking sich an einem alten Klavier bemüht, das ohne jeden Zweifel noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammt, wenn nicht sogar der deutschen.

Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so werden wir recht bald müde. Ab und zu fällt der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet ist, wird in Dunkelheit getaucht. Es dauert immer einige Augenblicke, bis der Notgenerator anspringt, und bis dahin ist es still, eine Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gibt, weil Musik und Gespräche verstummen, kurz den Abend selbst hören.


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Die Nacht ist sehr kurz im Barafu Camp. Das liegt in meinem Fall nicht nur daran, dass Tito den Aufbruch zur Gipfelbesteigung auf 0.30 Uhr festgesetzt hat, sondern auch an der nun doch spürbar dünnen Höhenluft, die den Begriff Ruhepuls in gewisser Weise ad absurdum führt. Ich wende mich jedenfalls hin und her und mag nicht so recht einschlafen, während der brausende Wind von außen am Zelt rüttelt und sich dabei anhört wie ein Dieb, der immer wieder um meinen Schlafplatz herumschleicht. Dem Ganzen ist nur mit Musik beizukommen, was das Einschlafen wiederum erschwert, und am Ende ist es natürlich klar, dass das Ganze auf eine mehr oder weniger schlaflose Nacht hinauslaufen wird, die kurz vor Mitternacht ihr abruptes Ende findet. Sogleich hellwach durch eine Euphorie, die entfernt an das Gefühl vor Nachtwanderungen zu Zeltlagerzeiten im Kindesalter erinnert, würge ich mit mittelmäßigem Appetit einige Butterkekse herunter und fülle meine Wasserflaschen auf.

Die Nacht ist nicht so kalt wie befürchtet. Über mir sehe ich die Sterne, mehr auf einmal habe ich bisher nur im Death Valley gesehen, wo sich die Milchstraße so überdeutlich am Nachthimmel abzeichnet. Die Luft fühlt sich angenehm an. Allerlei Botenstoffe im Gehirn betrügen meinen Körper um seine Erschöpfung und täuschen eine erholsame Ausgeruhtheit vor, was für den Moment auch absolut in Ordnung ist. Tito und ich brechen auf, und je weniger Licht aus dem Lager zu uns hinüber dringt, umso mehr Sterne erscheinen. Vor uns sind schon zahlreiche Bergsteiger mit dem Aufstieg beschäftigt, ihre Stirnlampen flackern in einiger Entfernung durch die Dunkelheit. Tito trägt nach eigenen Angaben drei Hosen und drei Paar Socken, und um ihn nicht unnötig zu beunruhigen, gebe ich vor, es ebenso zu handhaben. Etwa 4000 Meter unter uns sind die Lichter der Stadt Moshi zu erkennen, und weiter westlich sogar Arusha, obwohl beide Städte einige Dutzend Kilometer voneinander entfernt liegen. Die Situation ist gelinde gesagt ziemlich irreal, sowohl aus geografischer Perspektive, als auch sonst.

Eine halbe Stunde nach Aufbruch spielt mir meine durch die Höhe getrübte Wahrnehmung das erste Mal einen Streich. Durch eine höchst zufällige Verkettung von Umständen steht erstens der Mond genau hinter dem benachbarten Mount Mawenzi, zweithöchster Berg im Kilimandscharo-Massiv und ebenfalls über 5000 Meter hoch, zweitens leuchtet dieser Mond aufgrund mir unbekannter physikalischer Gegebenheiten ziemlich orange, während sich drittens einige Wolkenformationen um den Gipfelbereich legen, die durchlässig genug sind, um diesen seltsamen Mond nicht gänzlich zu verdecken, was insgesamt den Anschein erweckt, als spuckte der Vulkan Rauch aus und als glühte kochend heiße Lava aus dem Krater hervor. Da ein solches Naturschauspiel gleichzeitig ein erhebliches Bedrohungsszenario für alle sich am Berg befindlichen Menschen wäre, kommen mir nach einigen Minuten verdutzten Staunens endlich Zweifel an dem Trugbild, das sich hier vor meine Augen geschoben hat. Das dort drüben kann unmöglich ein aktiver Vulkan sein, denke ich mir, und lache im nächsten Moment über meine eigene Dummheit. Das Gehirn hat Mond, Berg und Wolken wieder richtig in Bezug zueinander gesetzt, weiter geht es.

Tito gibt wie üblich das Tempo vor, und anfangs kann ich noch gut folgen. Meine Stirnlampe spendet genug Licht, um den Weg zu erkennen. Vor uns kehrt ironischerweise der männliche Teil eines sehr durchtrainierten Ehepaars mit dem assistant guide um, und das Gesicht des Mannes, dessen Ausdruck irgendwo zwischen Wut und vollkommener Erschöpfung liegt, verrät jedem Aufsteigenden, dass dies die absolut vernünftige Entscheidung gewesen sein muss. Ich für meinen Teil bin immer noch recht vergnügt. Das ändert sich aber, als das Wetter umschlägt.

Nach einer knappen Stunde fängt es an zu schneien. Das Problem dabei ist: Es soll nicht mehr aufhören. Anfangs legen sich die Flocken ganz gemächlich in die Risse und Fugen des Gesteins unter unseren Füßen, wie Puderzucker, und zu schwachbrüstig, als dass man sich irgendwie Gedanken darum machen müsste. Man kann sogar sagen: Zu diesem Zeitpunkt hat das Schneegestöber durchaus seinen Reiz. Dann frischt der Wind auf. Das sorgt am Kibo nicht direkt für ein bergsteigerisches Risiko, denn auch der letzte Teil zum Gipfel kommt ohne irgendwelche Kletterpassagen aus, im tranceartigen Fortschreiten bei Nacht und Dunkelheit kühlt der Körper aber viel schneller aus.

Ich trage zwei Thermoshirts, meinen dicken Fleecepullover, eine wasserdichte Hardshell-Jacke in Signalfarbe, lange Unterhosen und eine wasserabweisende Trekkinghose, was mich eigentlich gut gegen die Temperatur von etwas minus 15 Grad schützt, welche sich durch den windchill noch einmal kälter anfühlt. Der Kopf sagt also: Nun gut, wird es also etwas rauer, aber das passt schon, soll ja auch kein Spaziergang sein, dieser Aufstieg. Ab 5000 Höhenmetern machen sich dann aber zusätzlich die ersten richtigen Symptome der Höhenluft bemerkbar. Und das sind, wie eigentlich immer, zunächst Kopfschmerzen. Hinter der Schläfe drückt es, und mein Schritttempo wird jetzt immer langsamer. Einige Male bitte ich Tito, kurz zum Trinken zu rasten, was wir dann natürlich tun, obwohl mein Führer in etwa dreinschaut wie ein Büroangestellter am Montagmorgen, der gezwungen ist, bei übelstem Prasselregen ohne Schirm zum Bus zu laufen. Der Wind wird immer stärker, und es schneit und schneit und hört nicht mehr auf.

Im Zuge der anhaltenden Dunkelheit, des permanenten Schneefalls, der dünnen Luft und der weit unter dem Gefrierpunkt liegenden Lufttemperatur driftet meine Wahrnehmung im weiteren Verlauf des Aufstiegs mehr und mehr ins Abstrakte ab. Der Weg, der sich in ewig gleichen Serpentinen den Hang hoch schlängelt, ist nunmehr komplett eingeschneit, und außer ihm und Tito vor mir gibt es in der Wildnis um uns herum nichts zu sehen, was meine tunnelblickartige Sinneswahrnehmung visuell noch einmal verstärkt. Dazu kommen die immerwährenden Schneeflocken, die von rechts nach links durch die Einflugschneise meiner Stirnlampe wehen und sich wie ein konstantes Bildrauschen auf der Pupille anfühlen, das mich zuweilen ernsthaft an der Klarheit meines Denkens zweifeln lässt. Mittlerweile ist es ziemlich unmöglich geworden, sein Gesicht in den Wind zu halten, ohne dass der Schnee sofort auf der Haut festfriert. Ich gehe sehr langsam und atme sehr schnell.

Im Gelände lässt sich aufgrund der eingeschränkten Sicht beim besten Willen kein Orientierungspunkt ausmachen, der irgendwie Aufschluss darüber gibt, wo an diesem Berg man sich überhaupt befindet. Vereinzelt schließen Bergsteiger hinter uns wieder auf. Dann kommt das Schielen. Mit einem Mal habe ich schlicht das das Gefühl, elendig zu schielen und beginne, mir ein wenig Sorgen zu machen. Irgendwann finde ich aber eine Technik, mit der sich das Schielen abstellen lässt – und zwar indem ich eine Minute das eine Auge schließe und in der nächsten das andere. Danach ist die Sicht wieder klar. Die seltsame Befindlichkeit meiner Augen kann ich mir nur dadurch erklären, dass der geringere Luftdruck in dieser Höhe gleichsam den Druck auf dem Augapfel verändert hat, und hinzu kommt schließlich noch, dass ich Kontaktlinsen trage. Alles in allem ist das also ein schönes Delirium, in dem ich mich befinde.

Dann endlich, nach einer weiteren Stunde geistig reduzierten Aufsteigens und lebensfeindlicher Monotonie der Umwelt, erreichen wir den Stella Point auf 5735 Metern. Hier trifft die Machame- mit der Marangu-Route zusammen, und ganz offiziell gilt der Kibo an diesem Punkt als bestiegen, was für jeden ambitionierten Bergsteiger natürlich kein vernünftiger Grund ist, nicht doch bis zum Uhuru Peak aufzusteigen, dem höchsten Stück Land auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Am Stella Point reicht mir ein anderer Bergsteiger, einem Traumbild gleich, den mit heißem Tee gefüllten Becher seiner Thermoskanne. Sein Begleiter übergibt sich einige Male in den Schnee, es ist das alte Bild an diesem Berg. Nichtsdestotrotz registriere ich, dass meine Kopfschmerzen sich wieder etwas legen. Es ist mittlerweile 6 Uhr morgens und der Aufstieg hat bisher fünfeinhalb Stunden gedauert.

Nach einer kurzen Rast queren wir die Schneefelder zum Uhuru Peak, den wir etwa um 6.30 Uhr erreichen. Eigentlich müsste zu dieser Zeit Sonnenaufgang sein, das Gipfelplateau ist jedoch in dichten Nebel gehüllt, und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sich der Schneesturm zu einem orkanartigen Blizzard gesteigert hat. Statt einem – zugegeben kräftezehrenden – Wanderausflug zu gleichen, hat die Besteigung des Kilimandscharo mehr den Charakter einer Polarexpedition angenommen. Hier oben, in fast 6000 Metern, zeigt der Berg seine unerbittliche, menschenfeindliche Seite, so als wollte er den letzten Zweifler davon überzeugen, dass eine Besteigung am Ende doch kein touristischer Sonntagsausflug war.

Eigentlich soll hier oben nun die Sonne über der afrikanischen Steppe aufgehen, ein erhabener Moment, so ist vorher zu lesen gewesen, der so etwas wie Demut und Ergriffenheit erzeugt. Ich für meinen Teil konstatiere, dass die Fingerkuppen meines Handschuhs im Prinzip komplett eingefroren sind, und sehe mich gezwungen, die Fäuste zu ballen und diese in die Taschen zu stecken. Ich fingere meine Kamera aus dem Rucksack, um wenigstens ein einziges Gipfelfoto vor dem Markierungsschild zu schießen, was sich als durchaus schwierig erweist, da sich das heranfliegende Eis sofort in jede freiwerdende Öffnung des Rucksacks und auch der Fototasche setzt. Der Plan, in der Hoffnung auf ein eventuell doch noch eintretendes Aufreißen des Himmels dort oben zu verharren, was den Blick über die Northern Icefields und den Rebmann-Gletscher freigäbe, scheint uns angesichts des unwirtlichen Sturms nicht sehr verheißungsvoll, und so machen wir uns zusammen mit einigen anderen Bergsteigern an den Abstieg.

Es ist seltsam. Der düstere Morgen im Sturm hat den Gipfelmoment einfach geschluckt, und als wir zum Stella Point zurückkehren, bin ich ernsthaft zu erschöpft, um mir Gedanken darüber zu machen, wie ich diese Besteigung des höchsten freistehenden Bergs der Erde nun zu werten habe. Für den Moment beschleicht mich ein Gefühl der Ernüchterung, was vielleicht auch wieder mit der Höhe zusammenhängt. Der komplette Berg ist nun bis auf 4500 Meter herunter mit Schnee überzogen, man kann streckenweise bequem auf den Hacken rutschen.

Immer noch dem Sauerstoffmangel ausgesetzt erinnern mich die Flocken und das Umherstapfen plötzlich an ein Rollenspiel, das ich als Kind häufig am Computer gespielt habe. In einem Szenario kämpft sich der Held seinen Weg gegen fiese Monster und allerlei Ungetier frei, bis zur rettenden Garnison, der Stadt Gletschertal, um von dort aus weiter durch phantastische Ländereien zu reisen und schließlich, am Ende des Spiels, die Prinzessin zu befreien, die selbstredend von den Mächten des Bösen gefangen gehalten wird, und die er schlussendlich natürlich heiraten wird. Ja, irrsinniger Weise denke ich genau daran. Der Held muss einfach seinen Weg gehen, mit einem klar definierten Ziel, obgleich er auf diesem natürlich auch erbitterte Kämpfe auszutragen hat, und erlangt mit Erreichen dieses Ziels nicht weniger als die Glückseligkeit an sich und den Frieden für das ganze Land. Ein einfaches Prinzip.

Nur, dass auf dem Gipfel des Kilimandscharo eben keine Prinzessin saß, und dass die Wegstrecke eben nur aus geografischer Sicht ein Ende hatte. Das große Finale, die große Auflösung, fehlte. Ich denke, dass darin ja eigentlich das Problem liegt, mit den Zielen und dem Glück, eben darin, dass kein gegangener Weg in der logischen Konsequenz dorthin führt, dass alles unsicher ist, dass alles sich wandeln und man einen Weg auch vollkommen umsonst gehen kann, um zu merken, dass sich am Ende eben nicht per se ein ersehntes Ziel befindet. Was kann man also tun?

Immerhin auf diesen Berg steigen, diesen Gipfel erreichen, als eine Erfahrung, die einem niemand je bis an das Lebensende wegnehmen kann, wie auch immer sich alles wandelt. Ich schätze, am Ende ist es die Summe aus diesen Erfahrungen, diesen unverrückbaren Ereignissen, die an einen Ort führen, an dem so etwas wie selbstverständliche Gewissheit eintritt, und Fragen des Wieso und Wohin nicht mehr gestellt werden. Man handelt einfach, ohne Zweifel, ohne Furcht. In diesem Zustand braucht man sich nicht mehr erklären, nichts mehr verzerren, weil alles, was man ist, ganz natürlich zutage tritt, in jeder einzelnen Geste, und auf die Umwelt abstrahlt. Vielleicht wollte ich immer so werden, das ist sogar höchst wahrscheinlich so. Aber da ich dergleichen erst nach der Reise feststellen werde, ist es anscheinend doch so, dass dieses Vorhaben irgendwo aus sich selbst heraus entstanden ist, eben ohne die Absicht, überhaupt etwas zu finden, überhaupt etwas zu werden. Und das wäre ja nun ein gutes Zeichen.

Während meiner gesamten Zeit am Berg, während der fünf Nächte im Zelt und den knapp 5000 Metern Aufstieg, ließen sich all die Geschehnisse jedenfalls nicht in einen sinnstiftenden Kontext verpacken, und zugegeben hatte ich das auch nicht versucht. Und vielleicht ist genau das der richtige Weg – einfach handeln, aus einer persönlichen Leidenschaft und Bewegtheit heraus, ohne einen Sinn zu suchen.

In jedem Fall sinnlos und zutiefst ärgerlich ist schließlich, dass ich während des Gipfelabstiegs mit dem rechten Fuß an einem unter dem Schnee verborgenen Felsen hängen bleibe und mir dadurch schrecklich das Knie verdrehe. Als sich innerhalb der Fallbewegung Ober- und Unterschenkel gegeneinander pressen, schreie ich vor Schmerzen auf, und denke für zwei Sekunden, na wunderbar, jetzt hast du dir alles versaut. Tito, der vorgelaufen ist, kommt sogleich in heller Aufregung angerannt und beginnt, an meinem Knie zu reiben, anscheinend in der Absicht, es zu lockern.

Nach einer halben Minute ist offensichtlich, dass kein tieferes medizinisches Verständnis dahinter steckt, und so bitte ich ihn mit einem »let me put pressure on it« aufzutreten. Dem Himmel sei Dank knicke ich nicht sofort wieder ein und kann auch sonst ganz passabel laufen. Die Bänder an der Innenseite sind anscheinend nicht gerissen, dafür aber kräftig überdehnt. Tito muss also nicht den Parkranger anfunken, auf dass dieser mit ein paar missmutigen Trägern und einer Trage anrückt, um mich vom Berg zu holen. Leider gestaltet sich der Abstieg durch den Sturz deutlich anstrengender. Es ist mir nicht möglich, das rechte Bein durchzustrecken, und wenn ich es beim Übersteigen einer Felsstufe doch tue, was anfangs häufig vorkommt, werde ich sogleich mit einem gleißenden Schmerz bestraft, der mich beizeiten mehr oder weniger laut fluchen und aufschreien lässt. Tito hat seine liebe Sorge, aber gegen 9.30 Uhr erreichen wir das Basislager. Es wird gekocht, wenngleich ich wenig Appetit habe. Der Helikopterabtransport vom Kilimandscharo aus der Luft kostet übrigens, so lasse ich mir sagen, 700 Dollar in bar und wird von der Auslandsreisekrankenversicherung nicht übernommen.

Der letzte Teil des Abstiegs, etwa 2000 Höhenmeter hinab ins Mweka Camp, erweist sich am Ende als der schlimmste Teil der ganzen Tour. Die Bänderdehnung im rechten Knie zwingt mich dazu, die volle Konzentration in jeden Schritt zu legen, und Schritte mache ich an diesem Tag noch unzählige tausend. Irgendwann frage ich Tito, wie weit es denn nun noch zum Lager ist, denn die Vegetation ist bereits wieder sehr üppig, und als seine Antwort »forty minutes« zu mir durchdringt, will ich mich am liebsten auf einen Stein setzen und heulen. Auch der Gedanke an das gemeinsame Bier mit den anderen Reisenden – es werden am Ende einige, dazu Whisky, und alles in allem komme ich ziemlich betrunken am Flughafen an, ohne noch einen Dollar in der Tasche zu haben – kann mich irgendwie trösten. Angekommen im Mweka Camp falle ich vor meinem Zelt auf die Knie, nehme den Rucksack ab und bleibe wenigstens zehn Minuten komplett regungslos, aber mit dem irren Lächeln eines Drogensüchtigen auf dem Zeltboden liegen, während die verlehmten Bergstiefel zum Eingang herausragen. Nichts ist in diesem Moment angenehmer, als sich nicht mehr bewegen zu müssen. Niemals in meinem Leben bin ich so erschöpft gewesen.

Später am Abend komme ich mit einem Australier namens Christian ins Gespräch, einem Arzt, der mir freundlicherweise das Knie bandagiert. Ich verabrede mich mit ihm für den Abend des kommenden Tages zum Essen in den Bristol Lodges und schlafe ebenfalls so fest, wie noch nie zuvor. Selbst die gereichte Waschschüssel erscheint mir nunmehr nicht als sehnlicher Luxus, sondern lediglich als ein weiterer, mühsamer Grund, mich zu bewegen. Ich bin am Ende meiner Kraft.

Der Abstieg am kommenden Tag zum Mweka Gate ist dank der Bandage von Christian um einiges angenehmer. Wieder brüllen die Affen durch den Wald, und die sturmgepeitschten Gletscher am Gipfel des Kibo hängen nur noch als Zerrbild im Zwischenspeicher. Ich sehne mich jetzt, da ich tatsächlich oben gewesen bin, nach einer Dusche und Zivilisation. Zurück im Hotel lege ich mich auf das Bett, beobachte den Ventilator und bin glücklich. Wieder scheint es, als sei die doch soeben erlebte Realität nicht real gewesen, und das ist übrigens ein schönes Gefühl, auf eine gewisse Art und Weise. Die subtropische Hitze Tansanias hat mich zurück, Hunger überkommt mich, und es ist Zeit, zum Abendessen aufzubrechen.

Christian ist 30 Jahre alt und, wie gesagt, Arzt, und zwar bei irgendeiner Hilfsorganisation. Ursprünglich aus Brisbane kommend, in kleinen Verhältnis mit wenig reiseinteressierten Eltern aufgewachsen, wie er erzählt, hat ihn irgendwann das Fernweh gepackt, und nun reist er eben um die halbe Welt, um humanitäre Projekte zu betreuen, während die meisten seiner Freunde bereits geheiratet und Kinder haben. Er lebt derzeit in Saudi-Arabien und nimmt den Kili, quasi als kurzen Abstecher, vor einem der wenigen Besuche in der Heimat mit.

Christian erzählt ruhig und entspannt die wunderbarsten Geschichten, zum Beispiel von seiner Zeit bei den Aborigines (»I spend three month in the desert and they taught me hunting and everything«), von saudischen Wüstenbanden, die seinen Jeep angegriffen haben (»Shots are not like in the movies, they’re very silent when they hit the metal«), von Verkehrsunfällen in Port Moresby, nach denen es für Ausländer dringend angeraten ist, noch am selben Tag das Land zu verlassen (»Otherwise you will definetly get chopped«), von papua-neugineischen Bergdörfern, in denen sie noch nie einen weißen Mann gesehen haben (»Children ran over to me and touched my leg just to be sure I’m not a ghost«), und von den arabischen Grenzbeamten, die ihn aufgrund seines im vorderen und mittleren Orient durchaus herausfordernden Vornamens immer wieder mit kleinen Schikanen überziehen (»Just to make a point«). Am Kilimandscharo hat Christian das erste Mal Schnee gesehen. Aber er ist eben auch oben gewesen.

Zur Feier des Tages bestellen wir zwei Kilimanjaro Lager und das, obwohl mein Gegenüber laut eigenen Angaben sonst nie Alkohol trinkt. Ich will nicht zurück nach Hause, aber morgen muss ich das. Die Dunkelheit bricht wieder wie mit der Zeitschaltuhr herein, und über die Loggia legt sich abendliche Ruhe. Es ist Zeit für eine Verabschiedung. In denen bin ich nie sehr gut, und wir tauschen etwas umständlich einige letzte Worte aus. »If there is one advice I can give you – whatever you do in your life, always be a little different«, sagt Christian. Wieder fällt der Strom aus, noch einmal wird es sehr ruhig auf der Terrasse der Bristol Lodges. Dieses Mal bin ich es auch.


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Barafu Camp.


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Es geht immer ein wenig bergauf, aber das merkt man gar nicht. Kaffee- und Kakaoplantagen streifen das Busfenster, ebenso kleine Kinder in adretten Schuluniformen, überhaupt die ein oder andere primary oder secondary school, auszumachen nur am Empfangsschild, dazu Supermärkte für die durstigen Bergtouristen, als letzte zivilisatorische Fluchtpunkte vor der Wildnis des Berges. Die beiden Sachsen und Oliver hüpfen aus dem Van, um etwas bottled water zu kaufen, und werden sogleich von einigen Händlern umringt. Dann wieder das ratternde Geräusch des Motors. Am Straßenrand stehen Frauen in bunten Tüchern, die Bananen verkaufen oder wahlweise Ramschsouvenirs. Die Straße steigt gegen Ende doch immer steiler an, und die Vegetation wird auf den letzten asphaltierten Kilometern zum Machame Gate zunehmend üppiger. Die Besteigung des Kibo über die Machame-Route verspricht – so ist überall zu lesen gewesen – landschaftlich am reizvollsten zu sein. Tito, mein Bergführer, sitzt hinter mir im Bus, und auch Roy, der fast zahnlose Guide meiner drei deutschen Reisebegleiter, hat im hinteren Teil Platz genommen.

Am Machame Gate wird schließlich die horrende Nationalparkgebühr von 650 US-Dollar fällig, die dafür spricht, dass ein großer Anteil der zu entrichtenden Reisekosten nicht etwa dem Bergführer oder dem Koch und den Trägern zugutekommt, sondern zweifelsohne in die Taschen der lokalen Bürokratie fließt. Schnell werden die permits ausgestellt und das Gepäck umgeladen, und bevor die Sonne, die in Tansania eigentlich fast den ganzen Tag im Zenit steht, ihren höchsten Punkt erreicht hat, stehen wir inmitten des tropischen Bergwalds, der die unteren Hänge des Kilimandscharo-Massivs säumt. Ein paar Affen verständigen sich im undurchdringlichen Grün des Dschungels durch lautes Brüllen von Baum zu Baum. Eine Ameisenstraße kreuzt den Weg. Kopf und Kiefer der Tiere sind zusammengenommen größer als der restliche Teil ihrer Körper, so als wäre es zumindest anatomisch das oberste Ziel, andere Insekten in der Mitte durchzubeißen. Tito rät mir eindringlich, von diesen Ameisen Abstand zu nehmen.


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Machame Gate, Abwiegen der Ausrüstung.


Unsere Gruppe geht sehr langsam. Das hängt nicht unbedingt mit dem wohlgeformten Bauch des Sachsen zusammen, der sicher schon einiges an deutscher Hausmannskost und ungezählte Pilsbiere verköstigt hat – etwas, worauf es zumindest in den kommenden sechs Tagen zu verzichten gilt. Vielmehr bekommt der Reisende am Kilimandscharo eigentlich bei jeder erdenklichen Gelegenheit den Ratschlag »pole pole« ans Herz gelegt, also »langsam, langsam«. Dies ist mehr als ein halbgarer Versuch der einheimischen Bevölkerung, den Touristen ein Gefühl von tansanischer Sprache und somit Kultur zu vermitteln. Der Hinweis, möglichst gemächlich aufzusteigen, hat einen praktischen, medizinischen Hintergrund: Am Gipfel des Kibo sind Luftdruck und atmosphärische Sauerstoffdichte nicht einmal mehr halb so groß wie auf Meereshöhe, was einen ausreichenden Akklimatisationsprozess zur physiologischen Anpassung des Körpers unabdingbar macht.

Immer wieder hört man Geschichten von Turnschuh-Japanern, die im nepalesischen Lukla am Tenzing Hillary Airport aus der klapprigen Propellermaschine steigen und sogleich umkippen und ohnmächtig werden. In La Paz soll es sich ähnlich verhalten. Für die Höhenanpassung, worunter hauptsächlich die Erhöhung der Konzentration an roten Blutkörperchen als Träger des Sauerstoffs zu verstehen ist, braucht der Körper also Zeit. Aus diesem Grund gestalten sich die ersten zwei Tage am Berg für einen trainierten Menschen eher als ausgedehnter Spaziergang denn ernstzunehmende Wanderung. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung, schließlich braucht man einige Zeit, um überhaupt zu realisieren, dass man sich gerade quasi in einem riesigen, nicht abgeschlossenen und wildwüchsigen Tropenhaus befindet. Bemooste Stämme kreuzen sich in diffuser Undurchsichtigkeit, die feuchte Luft verdichtet sich regelmäßig zu grauen Nebelschwaden, und alles um einen herum ist grün, grün, grün.


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Kilimandscharo, tropischer Bergwald.


Der erste Tag am Kili ist noch nicht Realität für mich, sondern mehr wie eine Schablone, die mir jemand vor die Augen geschoben hat. Eben noch ein Whisky im Flieger, um einschlafen zu können, plötzlich schweißnasse Haare auf der Stirn und zwei große Augen über einem offenen Mund, der nichts begreift und nichts ausdrücken kann. Wie so oft prägen sich die Bilder, die von den Sinnesorganen ins Bewusstsein eingespeist werden, erst später dort ein. Dennoch: überall um mich herum die Suche nach Wörtern für das, was gerade passiert, in vielen Sprachen. Der eher zwanglose Marsch zum Machame Camp auf etwa 3000 Metern eignet sich derweil bestens für einen ausgedehnten Plausch mit den anderen Reisenden und meinem Bergführer. Als ich mit Tito eine Rast einlegt, überholen uns die Träger, die weiter oben am Berg das Lager für uns errichten werden. Ich erkläre Tito, dass es für mich als Europäer ein schieres Ding der Unmöglichkeit sei, auch nur eine Wasserflasche fünf Meter geradeaus auf dem Kopf zu transportieren, verzichte aber auf einen Versuch, meine Unfähigkeit unter Beweis zu stellen. Das amüsiert den jungen Mann ungemein, und er lacht herzlich wie ein Kind in den feucht-warmen Mittag hinein. »In Africa head is for carrying, in Germany head is for thinking«, sagt er. So so.

Das Machame Camp sieht aus wie ein versprengtes Flüchtlingslager. Überall stehen Zelte, dazwischen Zedern, Erika-Sträucher und Akazien, etwas lichter schon, aber immer noch deutlich höher als der Mensch. Die Vegetation ist eben überhaupt noch nicht alpin, was in 3000 Metern Höhe befremdlich wirkt, wenn man nur die Alpen kennt, in denen auf gleicher Höhe kein Strauch mehr wächst. Nach der absolvierten Tagesetappe, gegen deren Ende Tito und ich uns schon deutlich von den anderen Bergsteigern abgesetzt haben, gibt es Tee, Kaffee, Popcorn und Erdnüsse. Ich nehme auf einem Klappstuhl Platz, und Tito erzählt mir von Tansania. Zum Beispiel, dass es als Mann möglich ist, so viele Frauen zu haben, wie man will, solange man für sie zahlen kann. Für Homosexualität gibt es für Männer hingegen zwanzig Jahre Gefängnis, bei Frauen sind es immerhin noch sieben.

Ich kläre Tito über die Bedeutung seines Kappenschriftzugs auf – es ist wie gesagt »beauty hunter« – und auch das findet er ungemein komisch, gibt aber an, in festen Händen zu sein. Die Erläuterungen zu Tansanias politischem System erscheinen mir aus dem Mund des erst 26 Jahre alten Afrikaners darüber hinaus viel interessanter, als sie in einem Reiseführer nachzulesen. So rückt die Dunkelheit immer näher, die in Tansania schnell kommt und immer zur gleichen Tageszeit, so als würde jemand ein großes, schwarzes Tuch über das Land werfen.

Die Zeit nach dem Abendessen – es wird üblicherweise gegen 18 Uhr angerichtet und besteht immer aus einer Suppe, einem Hauptgericht mit Reis oder Nudeln sowie Hülsenfrüchten und Karotten in einer pikant-würzigen Soße und einigen Früchten als Nachtisch – verbringe ich üblicherweise im Gemeinschafts- und Essenszelt von Oliver und den zwei Sachsen. Einer der beiden will seinen 60. Geburtstag auf dem Gipfel des Kibo feiern. Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage. Grundsätzlich legen die zwei Herren eine gewisse Spur von Kolonialherrenmentalität an den Tag, was sich auch darin zeigt, dass ihr Reisegepäck, das von den Trägern transportiert wird, aus zwei handelsüblichen Koffern besteht, aus denen nach getaner Arbeit die sorgfältig gefalteten, frischen Baumwollhemden hervorgezogen werden, und das Stofftuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die zwei werden von den Einheimischen recht schnell nur noch »the papas« genannt. Zwar können sie kein Englisch, was die Verständigungsversuche mit ihrem Bergführer Roy immer sehr sehenswert macht, und haben sicher noch nie etwas von Facebook oder Tony Hawk oder von Vintage-Jeans gehört, wissen aber zum Beispiel einiges aus Mexiko, Birma und Indien zu berichten, und aus manch anderen Ländern, die sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereist haben.

Im Machame Camp herrschen am Tag immer noch angenehme Temperaturen, mit der Dunkelheit zieht aber Kühle ins Lager ein. Mein Schlafsack hält sehr warm, und so verbringe ich eine erholsame Nacht im Zelt. Am Morgen hat sich jedoch ein wenig Feuchte über meine Sachen gelegt, aber zum Glück bleibt noch etwas Zeit, um die Isomatte und das Handtuch in der Morgensonne zu trocknen. Pünktlich um 8 Uhr regt Tito den Aufbruch an, und schon sehr bald, nachdem er herausgefunden haben, dass ich ein »fasty one« bin, beschließt er, das Schritttempo zu erhöhen, um dem allmittäglichen Regen zu entgehen. Der kommt immer um 13 Uhr, danach kann man die Uhr stellen. Tagesziel ist heute das Shira Camp auf knapp 4000 Metern.


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Mount Meru.


Die Landschaft verändert sich an diesem zweiten Tag schon deutlich, bedingt durch das rauere Klima. Der Pfad ist von Baum-Heide, Erika-Sträuchern und mannshohen Farnen umsäumt, die das erste Mal den Blick auf die afrikanische Savanne freigeben. Vom Flachland aus betrachtet sieht das Kilimandscharo-Massiv eigentlich gar nicht so hoch aus, von den immer noch niedrigen 3200 Metern aus bekommt der Betrachter das erste Mal ein Gefühl für die nicht unbeachtliche Höhe, in der er sich ja bereits befindet. Weiter oben am Berg hüllt uns Nebel ein, und ein riesenhafter Rabe versucht Tito die Knochen seines Hühnerschenkels abzujagen. Jetzt wird auch das Gelände steiler, brüchiger und felsiger. In dem Maße, wie die Höhe zunimmt, schrumpft die Vegetation. Der Marsch zum Shira Camp ist aber noch wenig anstrengend, auch wenn die »papas« schon zu kämpfen haben. Das lässt sich jedoch eher auf ihre Kondition als auf die Höhe zurückführen.


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Kibo.


Das Shira Camp wird, wie zu erwarten war, um die Mittagszeit in grauen Regen getaucht. Im wahrsten Sinne des Wortes bleibt nichts anderes zu tun, als abzuwarten und Tee zu trinken. Das kann man auch eigentlich nicht oft genug tun, denn aufgrund der schnelleren Atmung in größerer Höhe verliert der Körper viel mehr Flüssigkeit als sonst. Ich glaube, Hans Kammerlander hat einmal gesagt, wer auf so einen richtig hohen Berg will, der wird damit scheitern, wenn er nicht zweimal in der Nacht zum Pinkeln raus muss. Um diese durchaus leidige Angelegenheit zu meistern, entwickele ich im Laufe der Besteigung immer ausgefeiltere Techniken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Als die anderen Bergsteiger das Camp erreichen, hat der Himmel schon wieder aufgerissen, das Sonnenlicht fällt wie gezeichnet durch die Wolken und legt sich über die Ebene. In der Ferne ragt der Mount Meru aus dem Land heraus, ein Vulkan, der über 4600 Meter hoch ist. Was sich im Shira Camp als sehr wohltuend herausstellt, ist die warme Wasserschüssel, die dem Reisenden jeden Tag zweimal zum Waschen gereicht wird. Durchaus ein Luxus.


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Shira Camp.


Als Tourist, der man ja nun trotz aller Abenteuerlust ist, fühlt man sich etwas beschämt, wenn man sich abends in seinem Einzelzelt einrichtet, während die tansanische Entourage Abend für Abend dicht gedrängt in einem einzigen Zelt schläft. Letztlich bringt es aber auch gar nichts, sich ob der eigenen Bequemlichkeit und Faulheit zu verurteilen, denn schließlich beschert der Bergtourismus den Einheimischen bei aller Plackerei ein handfestes Einkommen, das durch die üblichen Trinkgelder nach Abschluss der Tour noch einmal verdoppelt wird. Und man möchte sich nicht vorstellen, wie es um die Stadt Moshi bestellt wäre, fiele dieser Geschäftszweig plötzlich weg. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt, und der Großteil der Bevölkerung lebt von ein wenig kümmerlicher Agrarwirtschaft. Diesen Berg vor der Haustür zu haben, mit dem so viele von fern angereiste Menschen mit heller Haut tiefe Sehnsüchte verknüpfen, die sie dazu veranlassen, für die Besteigung einen nach Landesverhältnissen exorbitanten Geldbetrag zu zahlen, ist ein kleiner Segen.

Man könnte jetzt pathetisch anmerken, dass die Träger ja eigentlich die wahren Helden am Kilimandscharo sind, denn so ganz unbegründet ist diese Aussage nicht, aber einen Westler oder von mir aus auch einen Japaner auf diesen Gipfel zu führen, ist nun einmal ein einträgliches Geschäft. Der Afrikaner hat ein gutes Auskommen, der Europäer entflieht für einen Moment seinen Annehmlichkeiten, der Routine seines Alltags, seinem Überfluss, der Sinnentleertheit seines postmodernen Lebens, einem Zustand, in dem er alles haben kann und deshalb oft überhaupt nichts, in dem es alles schon gab und gibt, und in dem er immer etwas mehr sucht, als er überhaupt zu kriegen vermag, weil er schon immer so gelebt hat, wie er lebt, und für diese Flucht, dieses Sich-Entziehen, legt er einen ordentlichen Batzen Geld auf den Tisch. Ein bisschen pervers ist das schon.

Im Shira Camp senkt sich die Sonne und strahlt nur noch die höher liegenden Wolkenschichten an. Der Mount Meru ist nur noch als Silhouette erkennbar. Jemand im Lager hat Geburtstag, es wird ein Lied angestimmt. Drüben im Zelt scherzen und lachten die Tansanier noch eine ganze Weile, sie bleiben immer länger wach als die Touristen. Ich setze mich, bevor ich sehr früh schlafen gehe, in gesundem Abstand zum Toilettenhäuschen, das es in dieser Höhe tatsächlich gibt, auf einen Felsen, bis mir kalt wird. Eine Zeitlang beobachte ich nur die wechselnden Lichtverhältnisse, eine Tätigkeit, in der so etwas wie Müßiggang liegt, und die ich als spannend und entspannend zugleich empfinde. Die Wolken sehen sehr plastisch aus, so als habe jemand sie aus Knete geformt, oder vielleicht aus Watte, und in die tansanische Steppe gestellt. Ich sitze tatsächlich in Schwarzafrika in 4000 Metern Höhe in der Wildnis und blicke über das unter mir liegende Land. In meinem Kopf spielt jemand das alte Lied von Aufbrechen und Ankommen, Nähe und Ferne, Suchen und Nichts-mehr-Suchen, Sehnsucht und Einkehr. Die Nacht ist kälter als die vorherige, am Morgen hat es gefroren.


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Shira Camp.


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Harare / Masvingo — In Harare möchte man nicht leben. Wohl aber lassen sich dort, wenn man auf Durchreise ist und den ländlichen Gegenden eine Weile den Rücken kehren möchte, zwei Ruhetage verbringen. Nichtsdestotrotz, die Hauptstadt von Simbabwe ist nicht sonderlich ansehnlich. Eben eine klobige, dreckige Millionenstadt in Afrika.

Auf dem mannshohen Zaun, der unsere Pension, die Palm Rock Villa in der Selous Ave, von der übrigen Stadt abschirmte, war eine Rolle Nato-Stacheldraht angebracht, und das musste nun auch irgendwelche Gründe haben. Wir schlenderten nur bei Tageslicht von der Herberge aus in die Innenstadt.

Einer der Taxifahrer zeigte uns eines Abends – wir hielten an einer Tankstelle und kauften Wasser – die Narben auf seinem Kopf. Einmal nämlich, erzählte er, hätten ein Mann und eine Frau versucht, seinen Wagen zu rauben und ihn mit einem gewöhnlichen Schraubenzieher attackiert. Tagsüber schien indes die Sonne, die Straßen der Downtown machten keinen allzu lebensbedrohlichen Eindruck.


Harare
Harare
Harare
Harare
HarareHarare, Downtown.

Great Zimbabwe
Great Zimbabwe
Great ZimbabweDie Überreste des alten Munhumutapa-Reiches.

Leider verkehren die Minibusse zwischen Great Zimbabwe und Masvingo nach Einbruch der Dunkelheit höchst unregelmäßig. Ein Taxi für eine Strecke von 39 Kilometern ist auch in Simbabwe, wo es keine eigene Landeswährung mehr gibt und stattdessen mit relativ teuren US-Dollar und südafrikanischen Rand gezahlt wird, eine wohlüberlegte Investition. Wir entschieden uns dagegen und für das Fahren per Anhalter. Generell ist Trampen in Südostafrika natürlich mit einem gewissen Risiko verbunden, das je nach Situation und Tageszeit wiederum zu vernachlässigen ist. Wir hatten aber ohnehin das Glück, von einem offensichtlich sehr wohlhabenden Parlamentarier und seiner Frau in einem geräumigen, schwarzen SUV-Geländewagen mitgenommen zu werden.

Er habe vor, mit einer Schule in Deutschland zu kooperieren, erklärte der Mann, ob wir ihm da nicht einen Kontakt empfehlen könnten. Wir tauschten Adressen aus und bedankten uns für die Fahrt, entstiegen im überaus ruhigen Zentrum von Masvingo und ließen uns zu Kaffee und Bananenmilchshakes in einem hell erleuchteten Lokal nieder.

Übernachten kann man übrigens gut in der Titambire Lodge, die Pension am Stadtrand erinnert mehr an ein Privathaus als eine öffentliche Herberge.


Great Zimbabwe
Great Zimbabwe
Great ZimbabweAbendstimmung am Great Zimbabwe National Monument.

Bewegt sich der Reisende in Simbabwe nun von Masvingo nach Norden, sollte er geerdet genug sein, um sich auf Harare einlassen zu können, wozu eingangs im Prinzip alles Wichtige gesagt worden ist. Man könnte nun noch erwähnen, dass es bei unserer Ankunft in der Stadt für mindestens einen ganzen Tag kein fließendes Wasser geben sollte, was angesichts der staubigen Überlandpisten für ein gewisses Unwohlsein sorgte. Allerdings stellte der Besitzer der Pension seinen Gästen auf Nachfrage große Plastiktonnen mit gesammeltem Regenwasser zur Verfügung. Der Geruch des fragwürdigen Inhalts konnte die latente Assoziation mit Motoröl während des Duschens allerdings nie vollständig zerstreuen. Am Busbahnhof der Stadt steht darüber hinaus die mit Abstand schlimmste öffentliche Toilette im südlichen Afrika.

Um eine Floskel aus dem Reiseklassiker Ferien für immer zu bedienen: Harare ist womöglich nicht so schlimm, wie es hier dargestellt wurde.

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Möchte man sich der Stimmung eines Tages nähern, hilft ein Blick auf das Frühstück. In unserem Fall bestand das aus einem Omelette, Müsli, Bananen, Joghurt und Kaffee, was zusammen genommen für eine gewisse Vergnüglichkeit sorgte. Das hatte noch andere Gründe. Mutmaßlich lässt es sich nirgendwo zwischen Botsuana und Tansania so gut aushalten wie in Livingstone, außer natürlich im Muyoka Village südlich von Nkhata Bay am Lake Malawi kurz vor dem Ende der Regenzeit. Livingstone jedenfalls liegt ganz im Süden Sambias und kann dank seiner geografischen Nähe zu den weltberühmten Victoriafällen mit einer ziemlich vorzeigbaren Infrastruktur aufwarten. Der Ort ist sauber und aufgeräumt, es gibt viele Geschäfte und einige Banken sowie Logis in jeder Preisklasse. Wir entschieden uns für das Jolly Backpackers, was nicht nur orthografisch ganz auf die Bedürfnisse umherziehender Rucksackreisender zugeschnitten ist.

An dieser Stelle muss eine kurze Abhandlung über das Backpacken eingeschoben werden. Das Reisen mit dem Rucksack hat in den vergangenen Jahren in gewissen Kreisen einiges an Spott auf sich gezogen, den es angesichts der Wesensmerkmale vieler sogenannter Traveller absolut zu verteidigen gilt, liegt dem Ganzen doch ein grundlegendes Missverständnis zugrunde, das hier nicht unerwähnt bleiben darf und wie folgt umrissen werden kann: Der Backpacker erachtet sein Backpacking allzu oft nicht einfach als zweckdienlichste Art und Weise des Fortkommens, was sie zweifelsohne ist, sondern stilisiert sein Handeln zur einzig richtigen moralischen Haltung hoch, wofür er sich am Ende des Tages selbstgerecht auf die Schulter klopft. Der Irrtum liegt nun darin zu glauben, eine möglichst einfache Art des Reisens hebe das beachtliche Wohlstandsgefälle, das zwischen den meisten anderen Ländern der Welt und Mitteleuropa besteht, in irgendeiner Weise auf. Das ist Unfug.

Man kann das dreckigste, löcherigste T-Shirt tragen, die ungepflegtesten Fußnägel in die Sandalen stecken und sich wochenlang nicht die Haare waschen – als umherreisender Westmensch südlich der Sahara ist man in den Augen der dortigen Bevölkerung schlicht und ergreifend reich. Diese Tatsache durch ein möglichst erbärmliches Erscheinungsbild negieren zu wollen, ist ein von vorneherein zum Scheitern verurteiltes und ziemlich lächerliches Unterfangen.

Warum ein einfacher Gebrauchsgegenstand namensgebend für eine bestimmte Art des Reisens geworden ist, erscheint in diesem Licht rätselhaft. Vermutlich soll der Rucksack als Symbol für ein vermeintlich zwangloses »Eintauchen in eine fremde Kultur« stehen, für ein Aufheben der Grenzen. Er wird somit zum Projektionsobjekt für das eigene Verhältnis zur Welt und ihren Menschen. Gleichsam tritt sein Träger, der Traveller, der nur local unterwegs ist, als guter Antagonist zum bösen Touristen auf, der nur Pauschalreisen bucht und sich in teuren Hotels besäuft. Wie auch immer diese viel zu oft geführte Diskussion nun ausgeht – am Ende ist ein Rucksack ein überaus praktisches Gepäckstück, wenn man zum Beispiel für umgerechnet 30 Euro von Lilongwe nach Livingstone fährt und auf diesem Weg fünf Mal das Fahrzeug wechseln muss. Womit wir zurück bei der eigentlichen Geschichte sind.

Viele hundert Buskilometer hatten wir hinter uns gebracht, bevor wir die Victoriafälle erreichten, den am weitesten von Dar es Salaam entfernten Punkt unserer Route. Dorthin zieht es vollkommen zu Recht jeden ernstzunehmenden Reisenden zwischen Namibia, Tansania und Südafrika. Wem das schon wieder alles zu fremdländisch klingt, den dürfte folgende Anekdote milde stimmen: Im immigration office am Grenzübergang von Malawi nach Sambia klebte ganz ernsthaft ein Arminia-Bielefeld-Sticker an der Scheibe. Wir wechselten Dollar in Sambische Kwacha, fuhren nach Chipata und suchten eine Bleibe für die Nacht. Morgens blieb dann erst einmal das Taxi liegen, den durchaus komfortablen Reisebus erreichten wir dennoch pünktlich, ein Bekannter des Fahrers war kurzerhand eingesprungen.

Leider wurde die ansonsten höchst entspannte Fahrt nach Lusaka durch die gewöhnungsbedürftige Musik des Faithful Melody Church Choir, deren amateurhafte Videos auf kleinen Fernsehern gezeigt wurden, bisweilen empfindlich gestört. Ich aß derweil viele Minibananen, draußen war es heiß geworden, wir dösten häufig. Einmal sahen wir mitten im Nirgendwo eine Hütte, die vollständig mit himmelblauer Farbe angestrichen war. Der Sinn dahinter erschloss sich erst beim Erspähen der Pepsi-Werbetafel, die an einer Seite der Behausung angebracht war. Pepsi, das musste man anerkennen, hatte es wirklich geschafft.


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Lusaka International Bus Terminal.


Als wir den Bus in Lusaka verließen, herrschte ein ziemlicher Tumult, zwischen zwei Männern kam es beinahe zu einem Handgemenge. Wenngleich Busbahnhöfe naturgemäß ein Ort sind, an dem erhöhte Vorsicht lohnt, machten wir am Lusaka International Bus Terminal keine schlechten Erfahrungen, was eventuell den Bemühungen der Behörden geschuldet war. »No alcohol, no loitering, no call boys, no sleeping«, stand auf einem Schild zu lesen, und die meisten schienen sich daran zu halten. Glücklicherweise stand direkt ein größerer Bus zur Weiterfahrt nach Livingstone bereit, Abfahrt in zwei Stunden, das sparte uns einen ganzen Tag. Wir kauften Toilettenpapier, Kekse, Äpfel und Wasser. Ich wagte mich an eine Art Blätterteigtasche, die mit undefinierbarem Fleischbrei gefüllt war. Sie sollte mir später keine Probleme bereiten, das war gut: Wir würden bis in die Nacht hinein unterwegs sein.

Als wir Mazabuka erreichten, wo es kurz nach unserer Reise zu Unruhen kommen sollte, weshalb das Auswärtige Amt vorübergehend von Fahrten durch die Region abriet, notierte ich die Namen einiger Geschäfte: Ibrahim Hardware, Saladi House, Bethelehem Bakery, Supplier of Building Materials, Plumping & Electric, East Land Agency, Koukola Hypermarket, Railway System Zambia (»With you all the way«). Dieser Slogan stimmte sogar, wir folgten lange Zeit der Bahnlinie, man konnte hier viele Kilometer über das Land schauen. Es wurde Abend, im Westen senkte sich langsam die Sonne über die Ebene. Sie stand mittlerweile so tief, dass die Bäume rechts der Straße nur noch als Silhouetten erkennbar waren. Durch die andere Fensterseite blickten wir auf die im Abendlicht grüngolden schimmernde Vegetation vor einem sattblauen Himmel, der umso blasser wurde, je näher er der Erdmasse am Horizont kam. Ein schätzungsweise zweijähriger Junge nagte höchst professionell einen Hühnerschenkel ab. Auf seinem blauen Pullover waren die Figuren aus der Sesamstraße abgebildet.


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Zwischen Lusaka und Livingstone.


Mit dem eingangs erwähnten Frühstück im Magen ließen sich die ersten Stunden des nun folgenden sehr heißen Tages bestens aushalten. Ich marschierte zu Barclays, um etwas Geld in Landeswährung zu beschaffen, und im Anschluss testeten wir die Tauglichkeit des kleinen Pools. So verging die Zeit bis zum Nachmittag. Dann holte uns der Fahrer von Batoka Sky ab, um uns zum Ausgangspunkt einer Aktivität zu fahren, vor der im Reiseführer stets gewarnt wird, da sie »naturgemäß eine Gefahr für Leib und Leben« bedeuten kann. Wir dachten uns: Wo wir nun schon einmal in Livingstone sind und noch nichts von diesen ach so prächtigen Victoriafällen gesehen haben, können wir auch gleich mit einem motorisierten Drachenflieger darüber fliegen. Die nette Frau von der Rezeption übernahm freundlicherweise die Verhandlungen mit dem Veranstalter, und ohne groß darüber nachgedacht zu haben fuhren wir in einem Jeep zu der kleinen Buckelpiste außerhalb von Livingstone, wo Crew und Bedienstete in verständlichster Nachmittagsträgheit auf ihre Kunden warteten.

Wir würden nacheinander fliegen, auf dem Schalensitz war nur für eine Person Platz. Der Pilot, so stellte sich am Ende heraus, war noch bis vor kurzem Kampfflieger in Simbabwes Armee gewesen. Nein, seine neue Arbeit mache er noch nicht so lange. Die Piste rüttelte den Flieger kräftig durch, und schon ging es in die Luft. Wir stiegen recht rasch recht weit nach oben, es mussten wohl um die 200 Meter zwischen unseren Füßen und dem Boden liegen. Gelenkt wurde der Flieger mit einer Querstange, die der Pilot mit beiden Händen festhielt. Ab und zu, wenn uns eine Windböe erfasste, wurden wir zur Seite geworfen. Über den Sambesi, der kurz vor der Bruchkante der Fälle von lauter kleinen Inseln durchsetzt ist, fiel ein sanftes Spätnachmittagslicht. In Ufernähe war klar und deutlich ein gewaltiges Krokodil erkennbar, unweit des Reptils schipperte ein Ausflugsdampfer über den Fluss.

Wir flogen einige Kurven über dem Wasserfall, in der Schlucht spannte sich durch die Gischt ein Regenbogen auf. Ich erkannte die Livingstone Bridge, die Sambia und Simbabwe verbindet, und die sieben Windungen des Sambesi, der sich unmittelbar hinter den Fällen in das ansonsten komplett ebene Land hineingefräst hat. Meine Füße baumelten in der Luft, der Wind zerrte an meinem T-Shirt, lotrecht unter mir ergoss sich die viertlängste Fluss Afrikas über den flächenmäßig größten Wasserfall der Welt in die Tiefe. Ich war sprachlos, ich grinste nur dämlich.

»Look, elephants«, sagte der Pilot auf dem Rückflug. Ich sah da unten gar nichts. »They look like brown rocks.« Das stimmte absolut. Erst als eines der Tiere mit den Ohren wackelte, erkannte ich die Herde im Busch. »They wave their ears to get cold air«. Ich musste also den großen Elefantenohren und der heißen Regenzeit danken, ohne sie wäre ich blind geblieben. Immerhin waren da noch eine Giraffe, mehrere Gazellen und einige baboons, also Affen, die ich selbstständig in der Wildnis erspähte. Eine gefühlte Stunde und erlebte 15 Minuten später setzte das illustre Fluggerät wieder auf der Landebahn auf, das Spektakel war vorbei. Die Höhe steckte noch in den Beinen, sie zitterten leicht, und doch war das alles nicht recht zu begreifen. Einträgliche 135 Dollar hatte der Flug pro Person gekostet. Zweimal in Deutschland am Samstagabend so richtig auf den Putz hauen, könnte derjenige als Vergleich heranziehen, dem dieser Preis überteuert erscheint, aber von einem solchen Rechenspiel war ich in jenem Moment, als der Flieger langsam in den kleinen Hangar rollte und die Sonne gelb und warm auf die Gräser schien, wirklich ganz weit entfernt.


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Victoriafälle, Ultraleichtflug.


Nach dem luftigen Ausflug bekamen wir mächtig Hunger und suchten den örtlichen Shoprite auf. Er führte tatsächlich Blauschimmelkäse, zwar abgepackt und eingeschweißt, aber dennoch zweifelsfrei als genau diese Genussspeise zu identifizieren. Außerdem gab es Joghurts in verschiedensten Sorten und wuchtige Kühltruhen voll mit Eiscreme, abgepackt in Zwei-Liter-Boxen oder gleich mundgerecht am Stil geformt zu sechs Stück pro Packung. Dieser Umstand erzeugte in uns insofern eine wahnhafte Aufregung, als dass wir uns auf den gut 2500 Kilometern von Dar es Salaam herunter nach Livingstone hauptsächlich von durch das Busfenster gereichten Minibananen und Erdnüssen ernährt hatten, die zwar tadellos schmeckten, deren ausschließlicher Genuss jedoch nach einigen Tagen das Verlangen nach dem für mitteleuropäische Verhältnisse selbstverständlichen Überangebot an entbehrlichen aber wohlschmeckenden Lebensmitteln nährte. Es war keine große Überraschung, dass wir unsere Kwacha großzügiger also sonst in das üppige Warenangebot des Supermarkts investierten.

Im Licht eines warmen Abends schlenderten wir durch die Gassen zurück zur Herberge. Ein Junge wollte uns Erdnüsse verkaufen, doch wir lehnten ab. Als wir uns zu Käse, Weißbrot und Mosi-Lager auf die Terrasse setzten, standen bereits die Sterne am Himmel.


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Unsere Blicke gehen über das Wasser. Der Himmel ist milchig und trüb, er hat keine Farbe. Kleine Wellen schlagen gegen die Steine unter dem Balkon, ansonsten ist es sehr still. Wir sitzen auf zwei wuchtigen Holzstühlen, wir haben unsere Füße auf den niedrigen Tisch gelegt. Graue Wolken hängen über dem See, am fernen Horizont entlädt sich gewiss Regen. Die Luft ist feucht. Im Dunst des Spätnachmittags regt sich nichts. Wir schauen über die Bucht, wir schauen uns an. Die sattgrünen Pflanzen reichen bis an das Ufer heran. Schmale Boote liegen auf dem Wasser, sie bewegen sich nicht. Keiner der Fischer hat ein Netz ausgeworfen oder eine Angel, zumindest sieht es nicht danach aus. Manchmal, ohne erkennbaren Anlass, setzt sich einer von ihnen in Bewegung und rudert zurück in Richtung Ufer. Auf der anderen Seite zeichnet sich blass die Küstenlinie ab, es müssen wohl einige Dutzend Kilometer sein. Wo die Sonne steht, lässt sich nicht sagen. Irgendwann wird es dunkel werden. Wir tun nichts, wir sitzen nur da.


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Lake Malawi.


Um von der Grenze an diesen Ort zu gelangen, nach Nkhata Bay am Lake Malawi, hat es fast einen ganzen Tag gebraucht. Nach dem Verhandlungsgespräch bei Kerzenschein in der letzten Nacht waren wir am Morgen ratlos: Wie soll es weitergehen? Der zwielichtige Mittelsmann Pasco von der Busorganisation Mohamed Coachline, der uns noch einen nicht ganz unerheblichen Geldbetrag schuldet, ist nicht aufzufinden, die Chance seiner baldigen Rückkehr erscheint uns denkbar gering. Wir beschließen nach einiger Zeit des Wartens von Tansania aus weiter nach Malawi zu reisen.

Die Passkontrolle im immigration office ist trotz der obligatorischen bewaffneten Soldaten ziemlich unspektakulär. Wir brauchen bloß noch Malawi Kwacha, denn die Preise in Dollar sind umgerechnet überall deutlich höher als in der Landeswährung. Nur Visagebühren und Rechnungen der internationalen Hotels werden in Devisen bezahlt, Letzteres spielt für uns ohnehin keine Rolle. Vor dem Grenzgebäude beginnt eine angeregte Diskussion mit den Geldwechslern. Man bietet uns 10 000 Kwacha für 60 US-Dollar. Er habe »better rates than the bank«, erklärt ein junger Herr in gelbem T-Shirt. »What is your advantage then?« Auf diese scharfsinnige Gegenfrage fangen die umherstehenden Männer geschlossen an zu lachen, und es ist nicht recht ersichtlich, ob wir den findigen Geschäftsmann eiskalt durchschaut oder die Zusammenhänge einfach grundlegend nicht verstanden haben. Letztendlich scheint der Kurs aber nicht allzu schlecht zu sein, und außerdem wollen wir ja schnell weiter, zu dem großen See.

Man führt uns zwischen einigen Bretterbuden hindurch bis zu einem Taxi. Nicht zum letzten Mal habe ich die Sorge, dass die Männer, die unsere Rucksäcke tragen, einfach in der Menge verschwinden werden, was sich Zeit unserer Reise stets als ungerechtfertigter Verdacht herausstellen soll. Wir fahren nach Malawi hinein, von Norden kommend. Unweit der Straße stehen zwischen den Bäumen kleine Ziegelbauten, denen häufig das Dach fehlt. Naturtöne rauschen am Fenster vorbei. Rotbraun und Dunkelgrün, das sind die wahren Farben Afrikas. Gelegentlich stoppen Uniformierte unseren Wagen, lassen sich die Bescheinigung des Fahrers zeigen, einige werfen einen Blick in den Kofferraum. Bis Karonga, der nächsten größeren Stadt, sind es vielleicht noch 30 Kilometer. »Sieh mal da«, ruft einer von uns. Plötzlich können wir links der Straße in einiger Entfernung den stillen See erkennen.

In Karonga müssen wir das Fahrzeug wechseln und wieder feilschen. Unser Taxifahrer behauptet, er habe noch auf zwei weitere Passagiere gewartet, die nicht gekommen sind, wir hätten jedoch auf die Abfahrt bestanden und müssten nun den doppelten Preis bezahlen. Das ist eine wirklich schlechte Erklärung, aber der Mann lässt sich nicht von seiner Darstellung der Sachlage abbringen. Eine Amtsperson in weißer Uniform schaltet sich ein, gibt uns Recht, der Preis ist am Ende ein Kompromiss, womit der Taxifahrer ganz zufrieden wirkt. Wir nehmen ein daladala nach Mzuzu. Der ausrangierte Transporter hat Löcher im Boden, man kann die Straße sehen, Schaumstoff quillt aus den Sitzen. Sechs Stunden liegen nun vor uns. Die Überlandfahrten erscheinen einem hier nie so lange, wie sie in Wirklichkeit sind.


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Bei Karonga.


Anfangs folgt die Straße dem Küstenverlauf des Sees, den wir jetzt ständig neben uns haben. Immer wieder hält der Minibus an kleinen Dörfern an, Menschen steigen zu, Menschen verlassen das Fahrzeug. Meine Knie werden gegen den Vordersitz gepresst, das dala ist übervoll, eine Federung gibt es offensichtlich nicht. Wir müssen häufiger an provisorischen Kontrollpunkten anhalten. Ein Polizist sitzt unter den Bäumen am Straßenrand auf einem Stuhl, und als wir näher kommen, zieht er mit einer langen Schnur die Schranke hoch. Wir können passieren, ohne dass er aufstehen muss. Ein Händler befestigt drei ellenbogenlange Fische an den immerhin vorhandenen Scheibenwischern, dann steigt er zu. Wir transportieren außerdem einen schweren Bottich mit kleineren Fischen im Fußraum. Mit dabei ist auch ein lebendes Huhn, das sich aber weitgehend unauffällig verhält.

Meine Sitznachbarn auf der Fahrt wechseln oft. Kurz bevor die Straße den See links liegen lässt und sich ins bergige Landesinnere hinaufschraubt, verlässt eine Mutter mit ihrem Säugling den Bus. Auf der Fahrt hat mich das Kind eine Weile intensiv angeschaut, während seine kleinen Füße auf meinem Oberschenkel herumstrampelten und die kleine Hand die entblößte Brust der Frau fest umklammert hielt. Irgendwann war der Junge eingeschlafen.

In den Bergen durchströmt kühlere Luft den löcherigen Bus. Mzuzu, drittgrößte Stadt des Landes, liegt auf 1254 Metern. Die Straße ist sehr kurvig und stellenweise auch sehr schmal. Der Fahrer fährt sehr schnell. Man könnte sagen, er fährt so schnell, wie es gerade noch auf dieser Strecke möglich ist. Ein Mann reicht mir ein Stück von seinem Essen, eine Art Rübe, deren Konsistenz einer Kokosnuss ähnelt. Ich ignoriere jegliche zuvor gelesenen Warnhinweise bezüglich des Essens in Weltregionen wie jener, in der wir uns zu dieser Zeit befinden, und bemerke nach einiger Zeit zufrieden ein Sättigungsgefühl. Wir wissen nicht recht, wie lange wir noch fahren werden. Das ist eigentlich immer so, wir fahren einfach. Einmal verfolgen Affen unseren Bus. Ein besonders freches Exemplar, das noch relativ jung aussieht, kreuzt vor uns die Fahrbahn, zögert in der Mitte, schaut kurz unschlüssig zurück, und schon wird das dala einmal kräftig durchgerüttelt. Die Fahrgäste lachen herzlich.

In Mzuzu lässt sich die Höhe, in der wir uns befinden, nicht erahnen. Ohnehin ist die Stadt sehr aufgeräumt und überhaupt ziemlich nett. Wir bestellen in einem Straßenimbiss nahe dem Platz, von dem die Busse fahren, viel zu fette Hähnchenschenkel mit Pommes, die auf einem klapprigen Grill gebraten werden. Dazu gibt es einen Salat aus Tomaten und Zwiebeln. Wir essen mit den Fingern. Für ein nahezu lächerliches Entgelt erklärt sich ein Taxifahrer dazu bereit, uns die letzten rund 50 Kilometer nach Nhkata Bay zu fahren.

Im Ort angekommen stellen wir zunächst fest, dass es wieder ziemlich warm geworden ist, wobei sich das schon auf der Fahrt zum See angedeutet hat. Wir wechseln erneut den Wagen. Ein Mann fährt uns in Richtung Süden über eine nicht asphaltierte Straße zum Muyoka Village. Der Fahrer kommt wegen der vielen Schlaglöcher nur im Schritttempo voran, wir schaukeln umher wie auf einem Boot. Das Resort liegt etwa zwei Kilometer von der Stadt entfernt, es besteht aus vielen kleinen Holzhütten, die in einiger Entfernung zur Straße auf Stelzen in den steilen Uferhang hineingebaut worden sind.

Eine Frau führt uns einen steilen Pfad hinab zur Rezeption. Unsere Augen heften am Grün der Pflanzen, an den bemoosten Steinen, an den hölzernen Geländern. Wir lächeln, wir sind angekommen. »How many nights do you stay?« Erst einmal drei, sagen wir, aber vielleicht auch länger. Kein Problem ist das, wir können einfach Bescheid sagen. Die Frau gibt uns den Schlüssel. Es geht noch einmal auf und ab auf dem steinigen kleinen Weg, die Luft dampft schwül vor sich hin, wir sind froh, unser Gepäck in der Herberge abstellen zu können. Die Hütte ist komplett aus Holz gebaut, sie besteht aus einem einzigen kleinen Zimmer, in der Mitte steht ein großes Bett, über dem ein engmaschiges Moskitonetz angebracht ist. Das Fußende zeigt in Richtung Fenster, und wenn man sich aufrichtet, schaut man über den Balkon in die Ferne. Nachttischlampe und Deckenleuchte sind mit bunten Stoffen überzogen, das Licht scheint rötlich warm. In der Ecke findet ein schwerer Schrank Platz, darauf stehen Kerzen. Wir ziehen unsere Schuhe aus und gehen auf den Balkon. Dort sitzen wir und schauen über den See, bis es Abend wird.


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Nkhata Bay, Muyoka Village.


Am Morgen gehen wir hinüber zur Terrasse, die mit Blick auf den See in einer kleinen Bucht liegt. Die Bäume dampfen, über dem Wasser liegt tropisch-feuchte Luft. Alles wird überdacht von einem gewaltigen hölzernen Dach, es gibt nur eine Wand, sie liegt hinter der Bar. Dort begrüßt uns Philip, ein junger Malawier, und setzt Kaffee auf. Wir bestellen Frühstück: Müsli, Toast, Obstsalat mit Mangos, Ananas und Bananen. Auf der Terrasse stehen Sofas und Stühle aus Korb, darauf liegen bunte Kissen. Einige Reisende sitzen dort und lesen in Büchern, fast zu jeder Tageszeit spielt jemand Billard, meist zusammen mit den Angestellten der Lodge-Anlage. »I hate private life, I grew up at a home where everybody at every time was welcomed«, steht in großen Buchstaben auf der Wand hinter der Sitzecke.

Bei allem Nichtstun beschließen wir, am Nachmittag in den Ort zu spazieren, um ein paar Sachen zu kaufen. Auf dem Weg sprechen uns Händler an, die wahlweise Kunsthandwerk oder »Malawi smoke« beziehungsweise »Bob Marley smoke« feilbieten. Uns kommt ein Mann entgegen, der ein schreiendes Kind auf dem Arm trägt. Als wir auf seiner Höhe sind, blickt er zu dem Baby, zeigt auf uns, und sagt in beschwichtigendem Tonfall »mzungu«, was »Weiße« bedeutet. Das Kind hört auf zu weinen und schaut uns eine Weile überrascht an. Als wir weitergehen, fängt es wieder an zu schreien. In Nkhata Bay haben sich die Menschen um ein großes Fußballfeld versammelt und feuern ihre Lieblingsmannschaft an. Wir finden einen Supermarkt und kaufen Wasser, Chips, Kekse, Tütensuppe und insect killer. In unserer Hütte hat sich über Nacht an der Wand hinter dem Kopfende des Bettes eine ausgedehnte Ameisenstraße gebildet. Abends setzen wir uns auf die Terrasse. Sobald es dunkel wird, kommen die Geckos hervor und versammeln sich um die Lampen, sie müssen ihre klebrigen Zungen nur noch in das Gewirr von Insekten hinausschleudern, um satt zu werden.

In den folgenden zwei Tagen bewegen wir uns nur wenig. Einmal spazieren wir zum Chikale Beach. Auf dem Weg treffen wir einen jungen Mann, der mich mit Justin Timberlake vergleicht. Er tanze oft seine Videos nach, sagt er. Ein alter, müder Hund läuft uns nach. Einmal fahren wir mit einem Ruderboot auf den See hinaus. Das Wasser ist so klar, dass wir bis auf den Grund sehen können. Wir springen hinein. »No hippos, no crocs, no bilharzia«, hat uns Philip versprochen. Wir glauben ihm. Abends gibt es ein Buffet, serviert wird frisch gefangener Butterfisch in Knoblauch, dazu Kartoffeln mit Rosmarin, Bohnen und Salat, es schmeckt vorzüglich. Viel mehr zu tun gibt es nicht. Wir sitzen meist auf den Sofas oder auf unserem Balkon, wir liegen im Bett, wir lesen oder trinken Kaffee. Auch Schnorchelkurse und Bootstouren werden angeboten, aber das macht eigentlich niemand hier. Es gibt keine Eile. Wir stellen keinen Wecker, wir vergessen die Uhrzeit. Ich rasiere mich nicht, meist laufe ich barfuß. So einen Ort zu finden, das passiert einem nicht oft, das weiß ich.


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Lake Malawi, Chikale Beach.


Als ich am letzten Tag aufwache, prasselt Regen auf unsere Hütte. Die Luft ist klar und noch ein wenig kühl von der Nacht. Ich atme tief durch, richte mich auf und schaue aus dem Fenster. Dann lasse ich mich wieder zurückfallen und schließe die Augen. Ich versuche mir diesen Moment genau einzuprägen, jeden Sinneseindruck abzuspeichern, den Geruch der feuchten Luft, das Geräusch der Tropfen auf dem Holzdach, die Wärme des Bettes, und ich nehme mir vor, das alles niemals zu vergessen. Nachmittags sitzen wir wieder auf dem Balkon und beobachten das Licht und die Wolken über dem See. Die Fischer hocken in ihren Booten und rühren sich nicht. Der See, das Ufer, der Himmel, das ist so etwas wie unser ganz persönlicher Ausblick, ein Bild nur für uns. Ich würde gerne noch ein wenig bleiben oder vielleicht sogar für immer. Aber das geht nicht.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 4 Uhr, es ist dunkel und regnet in Strömen. Wir tragen unsere Rucksäcke die glitschige Steintreppe hinauf zur Straße, man muss gut aufpassen, um nicht auszurutschen. Halb durchnässt sitzen wir im Taxi und fahren in den Ort. Dort steigen wir in einen großen Überlandbus. Mit dem ersten Aufhellen des Tages fahren wir los. Die Kleidung ist klamm. Wir suchen uns jeweils einen Fensterplatz und schauen hinaus, auf die letzten Häuser des Orts und das trübe Grün der Landschaft. Das Bild hinter der Scheibe verschwimmt immer mehr, es ist einfach zu viel Regen da draußen. Im Bus wird es kalt.


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Bulawayo — Bulawayo ist Simbabwes einzig akzeptable Großstadt. Das ist der Tatsache geschuldet, dass es in dem südostafrikanischen Staat eigentlich nur zwei Metropolen gibt und Harare einem Moloch gleicht.

In Bulawayo fällt dem Reisenden, mit einem klapprigen Minibus von Norden kommend, zunächst der relativ zur übrigen Versorgung des Landes eindeutige Überfluss an Lebensmitteln auf. Noch im eine halbe Stunde vor der Stadt am staubigen Straßenrand liegenden Tigerhurst Bottle Store & Regulars beschränkte sich das Warenangebot, so mussten wir ernüchtert feststellen, auf ein paar warme Flaschen Coca Cola, fad schmeckende Kekse und abgepacktes Toastbrot.

Die zweifelhafte Verknüpfung von Konsum und Glück indes wird bereits durch den Slogan »Open Happiness« auf dem Coca-Cola-Werbeschild deutlich, das unweit der Stadtgrenze genau gegenüber des »Welcome to Bulawayo«-Schilds auf der anderen Straßenseite aufgestellt wurde.


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Reisenden mit nachrangigen Ansprüchen an ein »charmantes« Ambiente sei das Berkeley Place in der Josaiah Tongogara Road zur Übernachtung empfohlen. Es ist günstig, und wenn der Gast nach einem Steckdosenadapter fragt, kann es sein, dass die rüstige Besitzerin ihm kurzerhand gleich selbst die Haare föhnt.

Nicht weit entfernt von der Pension, beim Centenary Park, soll sich allerdings dem hysterischen Verfasser des Lonely Planet zufolge eine der gefährlichsten Straßen Afrikas befinden (»Don’t even think about walking down the street at night!«). Wir haben das nicht überprüft.

Die für einen Polizeistaat typischen, an jeder Straßenecke blöd herumstehenden Uniformierten, obgleich sonst für eine kompromisslose Repression der Zivilbevölkerung sorgend, vermitteln dem Touristen perverserweise ein nicht zu unterschätzendes Gefühl der Sicherheit.


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Diejenigen, die vom korrupten Autokratenregime Robert Mugabes direkt oder indirekt profitieren, fahren gerne vor der Haefeli’s Swiss Bakery mit ihren SUV-Geländewagen vor und fläzen sich in ihren teuren Anzügen aus Südafrika auf die bequemen Stühle des Cafés, um The Zimbabwean oder den Zim Observer zu lesen und über ihre Geschäfte zu reden. Die mit weißen Häubchen bedeckten Kellner des Lokals servieren ausgezeichnetes Gebäck.

Wir ließen dort den Abend hereinbrechen, vor uns parkte ein weißer BMW X3 am Straßenrand.


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Wer von den mühseligen Überlandfahrten in schrottreifen Rostlauben hungrig geworden ist, kann sich in Bulawayo aber auch in dem bereits an anderer Stelle erwähnten Dreigespann aus Chicken Inn, Pizza Inn und Creamy Inn mit fettreicher, für den westlichen Magen problemlos zu bewältigender Fast-Food-Kost sättigen.

Empfehlenswerter ist dagegen der Innenhof der National Art Gallery in der Leopold Takawira Ave. Dort beginnt der Tag, wenn man will, wahlweise mit Schokoladen- oder Zitronenkuchen, Cappuccino und einer wohlschmeckenden Zitronenlimonade. In den schattigen Räumen im ersten Stock waren zuletzt die Bilder von Kindern ausgestellt, die mit Wachsmalstiften die Infektionskrankheit HIV darzustellen versuchten, unter der in Simbabwe jeder siebte Erwachsene leidet.

Wenn nicht gerade eine Parteikundgebung der MDC von den Ordnungskräften niedergeknüppelt wird, merkt der Reisende in Bulawayo kaum, dass er sich in einem diktatorisch regierten Land befindet. In den sonnigen und breiten Straßen lässt es sich vielmehr bequem auch länger als einen Tag aushalten. Es gibt Internetcafés, Restaurants und verschiedenste Geschäfte, einen großen Markt, Kunstgalerien und Bars.


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Die Fake-Couture der hiesigen Designerläden lässt zwar stark an Geschmack zu wünschen übrig, wir sahen dafür aber einen jungen Hipster, dessen Outfit (High-Top-Sneaker, Slimfit-Hose, Weste und Basecap in schwarz, dazu oranges Hemd und Plastikgestell) den schwer erträglichen Fashion-Faschisten und Modebloggern im Pseudoindividualistenmekka Berlin-Kreuzberg die Zornesröte der Eifersucht ins Gesicht getrieben hätte.

Mutmaßlich fand sich besagter Stilvisionär im hippen Baku Club ein, aus dem auch am späten Abend – die Sonne war schon lange untergegangen – noch die aktuelle US-Popmusik eines T-Pain oder Lil Wayne in das ansonsten menschenleere Bulawayo Center hinausschallte.

Wir schauten uns im Kino für drei Dollar einen Hollywoodfilm an und fuhren zurück ins Hotel.


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Kariba — Wenn es bereits am frühen Abend stockfinster ist, Krokodile weniger als fünf Gehminuten entfernt durch das ufernahe Unterholz kriechen und man die heiße Nacht mitten im afrikanischen Busch an einer rudimentär zusammengeschusterten Bar mit einigen Bier und Tequila ablöscht, befindet man sich möglicherweise bei Warthogs in Simbabwe.

Das Camp am Lake Kariba ist wie die meisten Backpacker-Lodges – sofern dort wegen saisonalen Desinteresses keine überambitionierten Traveller logieren – ein durchaus sympathischer Ort zum Verweilen. Die kleinen Holzhütten sind einfach, sauber und naturgemäß nicht ganz geschlossen, an der Rückseite liegt jeweils eine offene, mit roten Steinplatten geflieste Dusche.

Als wir das Camp an einem Februarabend erreichten, ließen wir unser Gepäck gleich stehen und gingen hinüber zur eingangs erwähnten Bar. Dort tranken sich zwei weiße Simbabwer, die laut eigener Aussage einmal in der Rugby-Nationalmannschaft gespielt hatten, munter diskutierend durch die tropische Abendhitze.

Einer von ihnen hieß Andy und erzählte, sein Bruder habe einige Zeit im Gefängnis gesessen, weil er in öffentlichkeitswirksamer Form – die genauen Umstände sind in Simbabwe im Prinzip nebensächlich – gegen das herrschende Regime von Robert Mugabe opportuniert hatte, der das Land seit 21 Jahren regiert, als einer der letzten waschechten Despoten Afrikas gilt und deshalb nicht mehr in die Europäische Union einreisen darf.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Er selbst, berichtete Andy, sei bei den letzten Wahlen raus auf das Land gefahren und habe dort gefilmt, wo Mugabe bisher immer verdächtig viele Stimmen bekommen hatte, wo aber tatsächlich überhaupt keine Menschen wohnen. Das alles habe gewaltig nach Wahlbetrug gestunken, aber wen hätte das verwundert?

Für seine Undercover-Recherchen jedenfalls schien der stämmige Ex-Rugbyspieler – nun Geschäftsmann, wie er betonte – nicht allzu drakonisch bestraft worden zu sein, saß er doch als freier Mann am Kariba-Stausee und ließ es sich an diesem späten Februarabend ziemlich gut gehen.

Es wurde noch einige Zeit schwadroniert, und irgendwann, nachdem etwa zwei Stunden an der Bar vergangen waren, luden uns zwei andere Simbabwer, George und seine Nichte Stacey, in recht angetrunkenem Zustand in ihr Haus ein. Es sollte sich nur unweit des Camps direkt am Ufer des Sees befinden.

Das Gepäck wurde rasch aus den netten Hütten auf einen Jeep verladen, und bevor der aus der Trinklaune heraus geborene Plan noch richtig abgewogen war, holperte das Fahrzeug über die bucklige Erdpiste durch die Nacht. Wir tranken Dosenbier, bei besonders tiefen Schlaglöchern schäumte es uns über die Hände.

Im Prinzip war es völlig ausgeschlossen, im Halbdunkeln eine Straße zu erkennen, aber schlussendlich standen wir vor einem sauber verputzten Haus mit einem spitz zulaufenden Holzdach, dem zweistöckigen Anwesen unseres Gastgebers.


Lake Kariba


George – das wurde schnell klar – schien in Simbabwe einiges richtig gemacht zu haben. Wir blickten bei raffiniert gewürzten Hähnchenflügeln von einer überdachten Veranda über den Pool auf den nächtlichen See.

Plötzlich war da ein Schnauben unter den Bäumen auf der Wiese, und tatsächlich, nachdem wir einige Minuten angestrengt in die Dunkelheit gespäht hatten, lief ein ausgewachsenes Flusspferd durch den Garten.

George schloss das Gatter ab und führte uns in eines der Schlafzimmer, es lag direkt unter dem Dach. Der Tag war ziemlich anstrengend gewesen, wir waren von Harare herauf nach Kariba gefahren, über die staubigen Überlandstraßen.

Am nächsten Morgen wachten wir zum letzten Mal innerhalb der Staatsgrenzen Simbabwes auf. Eine rote Sonne hing am diesigen Himmel.

Heute, so war der Plan, wollten George und Stacey mit uns noch einmal raus auf den See fahren, eine Einladung, die wir angesichts der horrenden Nationalpark-Eintrittsgelder, die an das Einkommensniveau der herumreisenden Westler angepasst sind, dankend annahmen.

Mit einem stark motorisierten Boot ging es hinauf auf das Wasser. Wir sahen Büffel, Elefanten, Hippos und Krokodile. Trotz akribischen Ausschauhaltens war beim besten Willen nicht eine einzige Umzäunung irgendeines Tierreservats zu erkennen.

Hier war alles Wildnis, und wenn man ins Wasser fiel, wurde man womöglich gefressen.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Später am Tag luden wir unsere Gastgeber am Hafen zum Essen ein und wurden dankenswerter Weise bis zur Grenze nach Sambia gefahren, zur großen Dammmauer des Kariba-Stausees. Von dort erwischten wir noch einen Minibus nach Lusaka, der die sambische Hauptstadt spät am Abend erreichte. Das klappte alles noch so gerade.

Manchmal passiert es nämlich, erzählte uns George, dass die Menschen aus Kariba zum Supermarkt fahren, und wenn dann ein Elefant auf der Straße steht ohne Anstalten sich zu bewegen, dann fahren die Menschen aus Kariba an diesem Tag eben nicht zum Supermarkt.



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In der kommenden Nacht werde ich zum Schlafen einen Pullover tragen. Eiskristalle verzieren den abwechselnd grasbewachsenen und dann wieder staubgrauen Boden im Shira Camp, die kalte Stunde vor Morgengrauen liegt gerade hinter uns. Die spärliche, aber immer noch vorhandene Vegetation schafft in Verbindung mit jenem Anflug von hochalpiner Kälte eine seltsame Mischatmosphäre. Ich spule mein Morgenprogramm ab. Das Verlassen des Schlafsacks – als eine Art Wärmekokon – ist mit Abstand die schlimmste Prozedur. Das Zelt ist an diesem Morgen nicht nur latent feucht, so wie eigentlich immer, sondern auch ziemlich kalt. Zähne putzen und Gesicht waschen beleben mich wieder, danach gibt es wie üblich Tee und Frühstück. Rasch wird alles in Kisten, Säcken, Taschen und Rucksäcken verstaut, und in dem Moment, in dem die Morgensonne endgültig über den Berghang fällt und das Lager mit gelblich-orangem Licht flutet, setzen Tito und ich wieder einen Fuß vor der anderen.

Die Tagesetappe sieht heute vor, bis zum Lava Tower, einem gut 20 Meter hohen, schroffen Felsobelisken auf etwa 4600 Metern aufzusteigen, nur um dann wieder auf Ausgangshöhe ins Barranco Camp zurückzukehren. Dies ist keine Schikane, sondern dient selbstverständlich der Akklimatisierung. Denn, wie jeder Bergsteiger weiß, gilt auch am Kibo das alte Motto climb high, sleep low, was für den ersten Teil des Tages also wiederum ein stetiges Bergaufgehen bedeutet.

Alsbald ziehen sich die Pflanzen gänzlich zurück, und recht schnell bekommt man in etwa ein Gefühl dafür, wie es auf dem Mond aussehen muss, abgesehen von dem azurblauen Himmel natürlich. Überall liegen Felsbrocken in der Landschaft herum, wie auf einem überdimensionalen Billardtisch. Die Felsen sind aus Lavagestein und darum aschgrau bis schwarz. Es lässt sich nur schwer sagen, wie sie dort hingekommen sind, ob durch natürliche Erosion oder aber – und das scheint mir wahrscheinlicher – durch einen frühzeitlichen Auswurf des Kibo-Kraters über uns.

Das Gefühl von extraterrestrischer Verlassenheit verbildlicht sich ziemlich deutlich auf den Fotos, die ich in diesem Gelände schieße, und bei denen das gedankenlose Übereinanderschrauben von UV-Filter und Polfilter auf dem Objektiv kurzzeitig dafür sorgen, dass in den vier Bildecken jeweils schwarze runde Halbkreise das eigentliche Motiv umrahmen. Dadurch sieht es aus, als fotografierte man durch eine Art Bullauge aus einem wie auch immer gearteten Vehikel, das den Entdecker vor der lebensfeindlichen Atmosphäre draußen schützt, hinaus in das groteske, irreale, trügerische Blau eines sonnigen Mittagshimmels, das nichts von der Unwirtlichkeit der Umgebung preisgibt. Alles Blödsinn, kann ich da nur sagen, gemessen an der Höhe geht es mir ziemlich gut. Nur auf den Fotos sieht es eben so seltsam aus.

Bald werden auch die Felsen kleiner und wir stapfen mit deutlich reduzierter Schrittgeschwindigkeit durch die staubige Alpinwüste auf rund viereinhalbtausend Metern. Belesene Alpinisten werden wissen, dass sich der Lava Tower somit ungefähr auf Höhe der Schweizer Dufourspitze im Monte Rosa-Massiv befindet, und das ist immerhin der zweithöchste Gipfel der gesamten Alpen. Zahlenspiele wirbeln durch meinen Kopf, wie ich dort mit Tito den Pfad entlang laufe, und ich denke daran, dass ich ja eigentlich nach Afrika geflogen bin, um diesen Berg zu besteigen, eben auch der Zahl wegen. Höchster Berg Afrikas, höchster freistehender Berg der Erde, knappe 6000 Meter. Aber dann fällt mir auf, dass ich in den vergangenen Tagen im Prinzip die ganze Zeit auf der Suche nach einem Gefühl gewesen bin, einem Gefühl, das irgendwie ausgelöst werden müsste, durch irgendetwas. Aber es ist nicht gekommen. Zwei Tage lang prasselten immer neue Sinneseindrücke auf mich ein, aber gefühlt habe ich nichts. Das ändert sich mit einem Mal, dort oben, unterhalb des eisbedeckten Gipfelaufbaus weit oberhalb des sonst so heißen ostafrikanischen Landes.

In meinem Ohr stecken Kopfhörer, Musik rauscht durch meinen Schädel, aber daran liegt es nicht, denke ich mir. Eine überschwängliche, berauschende Euphorie steigt in mir hoch, bis ins Gesicht, und beginnt dort sogar, meine Züge zu verändern. Ich muss unweigerlich lächeln. Es ist ein mildes Lächeln, voller Einsicht und Güte, so scheint es mir, vernebelt wie ich bin. Immer noch läuft Musik: Rubber Rings von soso. »I went looking for magic in a city of soil and plastic, grey days and a clean efficient mass transportation system Ich bekomme Tränen in den Augen, vor Erregung, dessen Ursprung ich nicht deuten kann. Irgendwo liegt alles zwischen Euphorie über das, was noch vor mir liegt, was mir an diesem Tag deutlich wird, und Melancholie. »And it’s enough to drive any sober man crazy Es ist so – und das klingt jetzt natürlich furchtbar kitschig – als hätte ich das erste Mal auf dieser Reise etwas gefunden, und zwar Zuversicht in der Abgeschiedenheit dieses fremden Ortes. Vermutlich liegt es daran, dass die dünne Höhenluft die Gedankenprozesse herunterfährt und auf das Wesentliche reduziert, und plötzlich liegt alles ganz klar vor einem, sozusagen in Reinform, und man weiß mit einem Mal sehr deutlich, was zu tun sein wird. Es ist wie eine Glocke, die einem in dieser Höhe über den Kopf gezogen wird und unter der alles langsamer arbeitet, aber unter der eben auch alles klar wird. Zweifel und Angst haben keinen Platz unter dieser Haube, und vielleicht wäre es schlichtweg zu anstrengend, beides zusätzlich ins Denken einzubeziehen. Ich lächele also und weine, und der Lava Tower taucht zwischen den Wolken auf.

Oben angekommen, immer noch im Angesicht dieser mächtigen Erhebung in unmittelbarer Nähe, auf die wir noch steigen sollen, gibt es dann eine Mittagsrast. Ich ermutige Tito dazu, sich zu seinen afrikanischen Weggefährten zu gesellen, denn schließlich muss ihm die stumme Zeit des Aufstiegs ziemlich lang geworden sein. Obwohl unsere Pause nicht allzu kurz ausfällt, treffe ich Oliver und die Sachsen am Lava Tower nicht. Der Weg führt im Anschluss über brüchiges Gelände in den Barranco Canyon hinab, an dessen Ende sich auch das Lager befindet. Plötzlich sprießen überall Riesensenezien aus dem Boden, teilweise bis zu drei Meter hoch, und ein sprudelnder Wildbach umspült die Steine tief unten im Canyon. Die Landschaft sieht hier wieder ganz anders aus, und jene Pflanzen sehe ich an keinem anderen Ort unserer Route, die ja im Prinzip einmal in südlicher Richtung den Gipfelaufbau des Kibo umrundet, um dann mit der Marangu-Route, der sogenannten Coca-Cola-Route, zusammenzutreffen, um den letzten Anstieg von Osten kommend zu nehmen.


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Kilimandscharo, Barango Canyon.


Über die Hauptroute, so erzählen sich die Bergsteiger am Kibo, hat es vor zwei Jahren auch der russische Oligarch Roman Abramowitsch auf den Gipfel versucht. Die Tatsache, dass er nach der Öffnung der Sowjetunion durch die perestroika auf undurchsichtige Weise zu unfassbarem Reichtum gelangt war, nun zu den vermögendsten Männern Russlands gehört und am Kilimandscharo Gerüchten zufolge mit 140 Männern Begleitmannschaft unterwegs gewesen ist, schützte ihn allerdings nicht davor, aufgrund von »air problems« umkehren zu müssen, wie Tito mir erzählt. Im Barranco Camp jedenfalls scheint es offenbar Normalität zu sein, dass sich die Leute übergaben. Titos Einschätzung nach zu urteilen ist das nichts Ungewöhnliches. Der Lava Tower ist auf dieser Route anscheinend eine Bewährungsprobe für die spätere Gipfelnacht. Ich fühle mich etwas abgeschlagen, habe aber keine Kopfschmerzen und esse mit viel Appetit das wie immer hervorragende Abendessen.

»What do the papas say?« will Tito am nächsten Tag wissen. Schließlich haben die beiden Sachsen mit dem gestrigen Anstieg ihre liebe Mühe gehabt. Zugegeben, auch mein Ruhepuls ist abends sehr hoch gewesen, mein Herz hämmerte gegen die Brust. Das legte sich aber am darauffolgenden Morgen – ein Zeichen dafür, dass die Höhenakklimatisierung Früchte trägt. Zum Leidwesen der weniger konditionell fitten Bergtouristen steht nun die Besteigung der Breach Wall auf dem Programm, quasi direkt nach dem Frühstück, um erst einmal richtig ins Schwitzen zu kommen. Dabei handelt es sich um eine rund 200 Meter hohe Wand, über die eine massive Verwerfung in einem der sich vom Gipfel herunterziehende Grate überwunden wird. Gefährlich ist das alles nicht, ab und zu bietet es sich an, die Hände zu benutzen. Beachtlicher sind da schon die Träger, die das gesamte Gepäck auf ihren Köpfen die Wand heraufbringen und dazu noch eine Menge an Trinkwasser, denn im Barango-Tal befindet sich die letzte Wasserquelle vor der finalen Gipfeletappe.

Der Vormittag ist erneut sehr sonnig, und man trifft viele anderer Bergsteiger, die von hier und dort kommen und noch hierhin und dorthin reisen werden. Im Prinzip habe ich überhaupt keine Lust, schon bald wieder nach Hause zu fliegen. Ich will einfach weiter reisen, ohne Ziel, schnell einen Flug für 160 Dollar in einem heruntergekommenen Department einer örtlichen Fluggesellschaft mit defektem Ventilator an der Decke buchen, und dann schon wieder woanders sein. Einfache Lodges, sonnengebräunte Dreitagebart-Surfer und strohblonde Mädchen, Sonnenuntergänge, Jeepfahrten und Reifenpannen, ein Boot mieten, gesundes Essen aus Garküchen, und langsam vergessen, sich zu rasieren – das ist es, wonach ich mich sehne. Aber das wird sich bald natürlich wieder ändern.

Tito und ich kommen dem Karanga Camp derweil immer näher. Dort werden diejenigen, die eine 7-Tages-Tour gebucht haben, eine weitere Nacht zur Akklimatisierung einlegen, was in jedem Reiseführer dringlichst empfohlen wird. Lirum larum, denke ich mir allerdings – Tito und ich steigen wie vereinbart weiter auf zum Basislager, dem Barafu Camp auf 4650 Metern. An dieser Stelle sei höhentechnisch noch einmal an die Dufourspitze erinnert. Mit der Zeit vergesse ich, wie viele Tage ich schon am Berg bin. Es ist schlichtweg uninteressant geworden, ob nun Mittwoch oder Sonntag ist, denn Zeitungen, Fernsehen und Internet gibt es sowieso nicht und marschiert wird Wochenende wie werktags. Lediglich die Afrikaner lauschen abends mit großem Enthusiasmus der regionalen Sportberichterstattung aus einem kleinen Transistorradio. Was aber nun zu Hause durch meine Twitter-Timeline rauscht, während ich an diesem Berg unterwegs bin, interessiert mich nicht im Geringsten. Und auch das bedient wieder das Klischee des Part-Time-Ausstiegs, dem Loslassen auf Zeit, aber es ist eben ein schönes Klischee.

Die Sonne vor dem Barafu Camp ist brütend heiß, der Wind jedoch ziemlich kalt. Die Bergsteiger auf dem Pfad vor mir bewegen sich wie in Zeitlupe. Langsam, langsam, haben die Afrikaner gesagt, und hier oben geht es nicht mehr anders. In einigen Metern Entfernung kniet ein Mann am Wegesrand und kotzt einen milchigen Schwall in den braunen Staub. Heute Nacht geht es auf den Gipfel, denke ich.


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Es brennen nur zwei oder drei Kerzen, deren Wachs ungehindert auf den massiven, von Kerben übersäten Schreibtisch läuft, vermutlich weil einmal mehr der Strom ausgefallen ist oder aber sich in dem Raum auch sonst keine Lampe befindet. Der örtliche Chef der Busorganisation Mohamed Coachline sitzt im flackernden Lichtschein auf seinem Stuhl, hört sich unsere Geschichte an und wiegt seinen Kopf dabei prüfend von einer Seite zur anderen. Gelegentlich lässt er Einwände und Erklärungen der etwa zehn um uns herum stehenden Männer zu. Er ist ganz offensichtlich der gescheiteste Mann am Platz.

Man habe uns eben diese Tickets verkauft, insistieren wir, und sie hätten uns eigentlich mit dem Bus über die Grenze bringen sollen, bis nach Mzuzu, was aufgrund der Tatsache, dass der Übergang nachts geschlossen ist und besagter Bus grundsätzlich nicht über die Landesgrenze hinaus fährt, einigen Zweifel an der Informationspolitik des Anbieters aufkommen ließ. Er könne unseren Ärger ja verstehen, sagt Pasco, so der Name des Verantwortlichen, das Ganze sei unglücklich gelaufen, aber jetzt um diese Uhrzeit werde es unwahrscheinlich schwierig, in Dar es Salaam, wo uns die Fahrkarten ausgestellt worden sind, noch irgendjemanden zu erreichen, um den misslichen Sachverhalt aufzuklären. Das müssen wir doch bitte verstehen. Die anderen Männer, unter ihnen der Busfahrer und der conductor, melden sich regelmäßig zu Wort, und wahrscheinlich fallen sie uns mit ihren Einwürfen in den Rücken. Die Gespräche werden halb auf Englisch, halb auf Suaheli geführt, ich verstehe dementsprechend nur die Hälfte.

Nach etwa zwanzig Minuten des Abwägens scheint die Gesellschaft von der Nachdrücklichkeit unserer Beschwerde überzeugt zu sein. Pasco händigt uns sichtlich verlegen 30 000 Schilling aus, was in etwa der Hälfte unserer offenen Forderung entspricht. Alles Weitere müsse man am Morgen klären, sagt er. Ich sortiere in meinem Kopf die Fakten: Wir haben nicht nur Tickets für eine Strecke gekauft, die so gar nicht offeriert wird, wir haben dafür auch einen willkürlich überteuerten Preis gezahlt. Und wir befinden uns deshalb jetzt, gut drei Stunden nach Sonnenuntergang, im äußersten Süden Tansanias, in dem kleinen Ort Kyela, also quasi im Nirgendwo, und der Verdacht scheint sich unwiderlegbar erhärtet zu haben, dass man uns schon vor dem ersten Tag unserer Reise ganz bewusst übers Ohr gehauen hat. Und das ist ja erst einmal das Normalste der Welt.

Dabei hat alles ganz unaufgeregt angefangen. Aufgebrochen sind wir rund fünfzehn Busstunden entfernt, im bereits erwähnten Dar es Salaam, wo die Preise für westliche Touristen wie allerorts in Tansania sehr willkürlich und kurzerhand mit deutlichen Aufschlägen nach oben festgelegt werden. Noch bevor das erste Dämmerlicht die Fassaden der Häuser erkennen ließ, erreichen wir per Taxi das bus terminal von Ubungo im Westen der Stadt. Auf dem Platz herrscht bereits in aller Frühe ein geschäftiges Gewimmel an Menschen. Die mehr oder weniger akzeptabel aussehenden Busse stehen aufgereiht nebeneinander, Hinweisschilder hinter der Frontscheibe geben Auskunft über ihre Ziele: Mombasa, Moshi, Mbeya.

In Tansania und wohl in ganz Südostafrika ist es aber ohnehin schier unmöglich, als Weißer nicht in Erfahrung zu bringen, welcher Bus einen zur gewünschten Destination bringt. Wo auch immer der westliche Reisende hinkommt, umringt ihn sogleich eine Schar von Menschen, die sich nach dem anvisierten Ziel erkundigt und ihn daraufhin, große Tatkraft vortäuschend, zum passenden Gefährt geleitet. Dahinter verbergen sich im Prinzip zwei Geschäftsmodelle: Entweder soll für das kurzerhand zur geldwerten Dienstleistung überinterpretierte Geleit ein kleiner Betrag fällig werden, oder aber der zuständige Begleiter des Busses, der zufällig ein Freund oder Bekannter ist, erhebt für die Fahrt ein erhöhtes Entgelt, um dem Geleitgebenden eine Art Vermittlungsgebühr für die neue Kundschaft auszuzahlen. Wie man es dreht und wendet, man geht aus diesen Deals nicht als Gewinner hervor.

In Ubungo hat die Betrügerei bekanntlich schon lange vorher stattgefunden. Wir steigen nichtsahnend in den Überlandbus und sind erst einmal zufrieden, das Fortkommen in den nächsten Stunden dem Busfahrer überlassen zu können. Bevor wir mit dem ersten Aufhellen des Tages aufbrechen, folgt – das muss an dieser Stelle erzählt werden – noch ein weiterer Klassiker, der sich in den kommenden Tagen mit allenfalls geringfügigen Abweichungen wiederholen soll: Nachdem wir Platz genommen haben, tritt sogleich der conductor an uns heran und fragte, ob wir denn schon für den Transport unserer Gepäckstücke bezahlt haben. In diesem Moment ist es wesentlich zielführender, gleich mit »No – it’s free, we know that« zu antworten, als sich auf ermüdende Preisverhandlungen einzulassen. Der junge Mann fragt »Are you sure?«, wir antworten »Yes!«, und er schaut uns noch einen Moment an, zuckt resigniert mit den Achseln und geht.

Nach diesem Lehrstück ostafrikanischer Verhandlungstaktik brechen wir recht bald auf und lassen Dar es Salaam schnell hinter uns. Die Sonne hat den Morgen bereits spürbar aufgeheizt, der Bus fährt in Richtung Westen, weg von der Küste ins Landesinnere. Eher häufig als selten halten wir an kleinen Ortschaften, und jedes Mal umringt eine Schar von Händlern den Bus, noch bevor die Schrittgeschwindigkeit erreicht ist, was uns die Möglichkeit gibt, das ausgesparte Frühstück nachzuholen, ohne unsere Plätze zu verlassen.


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Morogoro.


Anlass, sich in Ruhe die Beine zu vertreten, bietet die Stadt Morogoro. Eine weibliche Amtsperson in Uniform hat vehemente Bedenken an der Funktionalität unseres Busses, und so werden gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwo her einen neuen Reifen zu beschaffen. Wir lehnen uns im Schatten an eine rotbraune Mauer, im dunstigen Horizont in der Ferne zeichnen sich grünbewaldete Berge ab. Nach etwa einer halben Stunde scheint der Bus wieder fahrtüchtig zu sein, der unfreiwillige Halt zieht sich also nicht unnötig in die Länge. Unsere Kleidung ist durch das Anlehnen ganz erdig geworden.

Als ich das nächste Mal geweckt werde, sehe ich zwei Elefanten mit weißen Stoßzähnen am Straßenrand stehen. Die Überlandbusse und Laster rauschen hier ganz ungehindert durch den Mikumi Nationalpark, die Tiere scheint dieser Umstand indes nicht zu stören. Ich sehe Antilopen, Warzenschweine, Büffel und auch eine Giraffe, alles durch die lautstark in der Fassung vibrierende Scheibe neben meinem Kopf, die das Einschlafen nur bei der in Tansania zum Glück häufig einsetzenden tropischen Erschöpfung halbwegs möglich macht. Wenige Stunden später hat sich die Landschaft schon wieder verändert, wir fahren durch zunehmend bergiges Gelände, das viel dichter bewaldet ist als die vergleichsweise trockene Steppe, die wir bisher passiert haben. Die Straße schraubt sich das eine Mal nach oben, und schon wendet sie sich wieder hinab. Müdigkeit dämmert hinter den Augen, aber der Blick vermag nicht, sich von der satten Vegetation zu lösen. An diesem Tag sauge ich mehr Grün in mich auf als in den vier vorangegangenen Herbst- und Wintermonaten zusammen.

Immer wieder gibt der Straßenverlauf jetzt weite Ausblicke über das Land frei, die Sonne fällt in einem zunehmend spitzeren Winkel über die Ebene. Über den Himmel ziehen Wolken. Mbeya liegt vor uns, die letzte große Stadt vor der Grenze, die wir heute nicht mehr überqueren sollen. Als es bereits dunkel ist, wird das Land wieder bergig, aber das ist zu dieser Tageszeit schon nicht mehr zu sehen. Plötzlich liegt Nebel auf der Straße, es wird kälter im Bus. Auf den letzten hundert Kilometern, bevor es nicht mehr weiter geht, steigt noch eine motorisch stark degenerierte Frau zu, die sich durch ihr Übergewicht keineswegs am lautstarken Herumkrakeelen hindern lässt. Sie ist offensichtlich betrunken, setzt immer wieder zu neuen Reden an und bedroht die hinter uns sitzenden Fahrgäste, die angesichts der Uhrzeit vorsichtige Einwände gegen die Artikulationslautstärke vorbringen, mal ernst und mal spaßend mit einer Machete. Die Reise ist für heute zu Ende.

Pasco von Mohamed Coachline in Kyela löscht die Kerzen. Wir werden erst am nächsten Morgen über die Grenze nach Malawi kommen, das wissen wir nun. Ein Mann fährt uns in ein kleines Hotel, dessen Namen ich vergessen habe. In dem Doppelzimmer zu umgerechnet 2,50 Euro pro Nacht und pro Person bröckelt der Putz von denen Wänden, es gibt eine Leuchtstoffröhre, fließendes Wasser, einen Ventilator und saubere Bettlaken. Kurzum: Es ist perfekt.


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