Tag

österreich

Mayrhofen — Der Schwarzenstein ist in den Zillertaler Alpen derjenige Berg, an dem für vergleichsweise geringe Schwierigkeiten ein maximal hochalpines Ambiente zu bekommen ist. Die Besteigung ist also ein lohnende Angelegenheit, wenn man sich ohnehin gerade auf dem Berliner Höhenweg befindet und einen Tag für eine Gipfeltour einräumen möchte.

Eher gemächlich zieht sich der Pfad von der Berliner Hütte hinauf zur Mörchnerscharte und biegt irgendwann ab in Richtung Gletscher. Der wenig steile Aufstieg auf den Gratrücken ist angeseilt und bei gutem Wetter auch für einen Zehnjährigen möglich. Dafür reicht die Aussicht vom Gipfel vom markanten Tuxer Hauptkamm (Schrammacher, Olperer, Gefrorene-Wand-Spitzen) im Nordwesten bis zum dominanten Firngipfel des Großvenedigers in den Hohen Tauern im Osten.

Der Abstieg erfolgt am besten noch am Vormittag, bevor die Schneebrücken über den zahmen Gletscherspalten matschig werden.


Olperer, Gefrorene-Wand-Spitze, Hoher RifflerOlperer, Gefrorene-Wand-Spitzen und Hoher Riffler (von links nach rechts).
GroßvenedigerGroßvenediger.
Schrammacher, OlpererSchrammacher (links) und Olperer (rechts).



Schwarzenstein auf einer größeren Karte anzeigen

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Über den Wolken, die kurz nach der Dämmerung in den schwarzen Alpentälern hängen, werden die schneebedeckten Gipfel der Ortlergruppe von den ersten Sonnenstrahlen in oranges Licht getaucht. Weit darüber wacht noch der Mond, an tiefes Dunkelblau geheftet. Im Nordosten glüht der Himmel hinter den Silhouetten der Bergkämme hervor, als schmelze dort jemand Erz. Kein allzu trübsinniger Anblick für einen Morgen, an dem man noch vor dem Frühstück rasch auf den Similaun steigen möchte. Wir brechen um kurz vor 6 Uhr am Niederjoch auf, schon nach einigen Minuten erreicht man den Gletscher.


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Königspitze (links), Monte Zebrù (Mitte) und Ortler (rechts) von der Similaunhütte.
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Fineilspitze vom Niederjochferner.


Über eine einzige Gletscherrampe geht es nach oben zum Gipfel, das Eis zieht sich hinauf bis zur Spitze des Berges. Im unteren Teil des Ferners folgt der Weg erst dem Felshang, bis der Gletscher über einen leichten Bruch abfällt und die Spuren nach rechts oben kreuzen, damit man nicht allzu steil aufsteigen muss. Die Spalten liegen noch frei, der Schnee ist am frühen Morgen aber ohnehin hartgefroren. Wir steigen über die Westflanke auf, irgendwann fällt die Sonne über das funkelnde Eis und bestätigt die Hoffnung auf einen vorzüglichen Tag. Bis zum Gipfelaufbau verlaufen die Spuren ziemlich eben, sie sind nicht tief, die bezackten Stiefel finden einen guten Halt. Die Sonne versucht den Dunst aus den Tälern zu verdrängen, aber es will ihr nicht recht gelingen. Der Similaun hüllt seinen Gipfel immer noch in Wolken.


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Similaun vom Niederjochferner.


Das Eis wird steiler, als wir uns dem Gipfel nähern, keine zwei Stunden liegen hinter uns. Zickzack-Spuren ziehen sich den Hang hinauf, über uns treiben Wolkenfetzen vorbei. Noch ein Vorstoß nach rechts, und wir blicken über die Bruchkante nach Italien. Die Sicht auf die Berge ist verschleiert durch den Nebel. Zurück nach links auf den windigen Firngrat, der zum Gipfelkreuz führt. Die Wolken reißen auf, man schaut auf den 200 Meter tiefer fließenden Gletscher herunter, der wie das Wasser eines Ozeans auf dem Berg liegt, nur um den Blick wieder über die weißen Wolkenkissen hinweg in Richtung Horizont zu richten, der irgendwo mit dem Himmel verschwimmt, während zähes Nebelgrau noch höherer Wolken die gesamte Szenerie einrahmt. Der moderate Aufstieg raubt nicht allzu sehr den Atem, der Blick vom Similaun-Gipfelgrat – man möge mir diese kitschige Analogie verzeihen – um einiges mehr. Zeit für eine Rast, auch wenn sie kurz vor dem Gipfel kommt. Oben angekommen müssen wir uns etwas gedulden, bis der Dunst endgültig aufreißt und der einzige Viertausender der Ostalpen in den Himmel ragt.


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Grafferner vom Gipfelgrat des Similauns.
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Hintere Schwärze vom Similaun.
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Marzellspitzen (vorne) und Hintere Schwärze (hinten) vom Similaun.
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Piz Palü (links) und Piz Bernina (rechts) vom Similaun.
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Monte Vioz und Pàlon de la Mare (links) mit Monte Cevedale (Mitte) vom Similaun.


Similaun (3599 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: über Martin-Busch-Hütte (2501 m), ca. 4 Stunden
Übernachtung: Similaunhütte (3019 m), +39 473 669711, 40 Zimmerlager, 30 Lager, ab 10 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Gletscherspalten, ca. 2 Stunden


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Es ist noch finster draußen, die Luft mild. Wir stehen auf der Terrasse des Hochjoch-Hospizes, bald wird der Tag heraufziehen. Talabwärts legen sich Lichtstreifen über den schwarzblauen Himmel hinter den Bergketten. Mit dem ersten Dämmerlicht nehmen wir den steinigen Pfad herunter zum Hintereisbach. Auf der anderen Seite erste schweißtreibende Serpentinen hinauf, um das Hochjochfernertal zu erreichen. Dort begleitet der Weg den Fluss, immer am Hang entlang, und dann fällt die Sonne über den Kamm. Auf der Schöne-Aussicht-Hütte, am hinteren Ende des Hochtals, ist es jetzt 8 Uhr. Wir bestellen Espresso und eine heiße Zitrone, wir rasten nur kurz. Der Weg auf die Weißkugel folgt ab hier erst dem Pfad hinab nach Kurzras in Italien, er biegt aber bald nach rechts ab und windet sich den Bergkamm hinauf. Man verliert nur wenig Höhenmeter. Der Boden ist trocken und staubig. Bald lassen wir den letzten Skilift hinter uns, der hier oben im Sommer deplatziert aussieht, fast fremdartig, wie die Gerätschaft einer untergegangenen Zivilisation. Dann endlich das Teufelsjoch, der Blickt fällt auf das Ziel des heutigen Tages.


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Weißkugel vom Teufelsjoch.
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Hintereisferner vom Teufelsjoch.


Wir marschieren und klettern den Gratrücken entlang, manchmal weicht der unmarkierte Steig von der Schneide ab und umrundet ein Steilstück. Rechts fällt der Kamm zum Hintereisferner ab, der sich vom Gipfel der Weißkugel über sieben Kilometer das Tal herunterzieht. Das Blockwerk ist an diesem Augusttag völlig schneefrei, ansonsten dürfte sich die Wegfindung schwierig gestalten. Irgendwann hat das Auf und Ab ein Ende, der Weg erreicht den Gletscher. Fußspuren ziehen hinauf zum Hintereisjoch, einer Einschartung des Südgrats, von dort geht es auf den Gipfel. Der Schnee ist schon etwas sulzig, kurz vor dem Joch sinken die Stiefel tief ein.

Wir erreichen die Scharte und stehen vor einer zehn Meter hohen Firnwand. Sie sieht so aus wie eine Welle, die kurz vor dem Brechen zu Eis erstarrt ist. Der Weg führt schräg links den Aufschwung hinauf, so umgeht er das Steilstück. Unter dem Eis fließt Wasser. Man hofft, dass die nicht allzu dicke Schneeplatte nicht doch irgendwann einmal einbricht. Der Weg zum Gipfel geht über einen breiten Firngrat. Die letzten Meter zum Kreuz erfordern konzentrierte Kletterei über ausgesetztes Blockwerk, das ein Abrutschen angesichts der etwa zweihundert Meter steil abfallenden Westflanke nur sehr bedingt verzeiht. Wir stehen auf dem Gipfel, es ist mittlerweile kurz vor Mittag.


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Weißkugel, Gipfelgrat.
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Hintereisferner (vorne) und Schnalskamm (hinten) von der Weißkugel.
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Wildspitze von der Weißkugel.


Über den Bergen formen sich immer mehr Quellwolken. Wir sind nicht sicher, ob noch ein Gewitter heraufzieht. In jedem Fall schnell absteigen, denken wir uns, denn wir wollen nicht den Normalweg nehmen, sondern den über den Hintereisferner. Die Schneebrücken dürften trotz voran geschrittener Tageszeit noch fest sein, außerdem ersparen wir uns zwei Stunden Wegzeit, die gewaltige Eiszunge wälzt sich durch das Tal direkt zum Hochjoch-Hospiz hinab. Der obere Teil des Gletschers ist zugeschneit, wir folgen älteren Spuren. Eine der Schneebrücken ist einen halben Meter breit offen, beim Überschreiten lassen sich die Ausmaße der tiefen, schwarzen Spalte erahnen. Der Großteil des Ferners ist allerdings aper und erzeugt keine Nervosität.

Wir laufen beinahe drei Stunden über die wuchtige Eisplatte, die überall von kleinen Bächen durchsetzt ist. Finden sie keinen Weg mehr talabwärts, bohren sie sich in den Gletscher hinein. Wir blicken in teichgroße Löcher mit glatten blauschimmernden Wänden, in die das Wasser viele Meter hinabstürzt. Den Grund kann man meist nicht sehen. Wir gehen nicht mehr angeseilt, über die meisten offenen Spalten können wir springen. Der Gletscher neigt sich seinem Ende zu. Unten angekommen kämpfen wir uns mit müden Beinen einen Schutthang hinauf, um den Weg zu finden, der zurück zur Hütte führt. Wir erreichen sie nach etwa elf Stunden, lange Pausen haben wir auf unserer Tour auf die Weißkugel nicht gemacht.


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Weißkugel vom Hintereisferner.


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Dass sich das Wetter im Gebirge rasch ändert, beweist der Morgen. Gestern noch hing Nebel im Tal und auf den Gipfeln, heute wirft die Sonne ihre Strahlen über die Hänge und sättigt das Grün der Almwiesen und das Rotbraun der Felsen. Der Weg zur Similaunhütte ist eine schonende Angelegenheit, entspannt folgt der Pfad dem Fluss das hinterste Niedertal hinauf. Das Gras zieht sich hier zurück, Schutt und Geröll dominieren die Landschaft. Vom Kamm fließen kleine Bäche hinab. Rechts ragt harmlos die Kreuzspitze in den Himmel, die heute schon wieder vollkommen schneefrei ist. Links schiebt sich langsam der Similaun ins Blickfeld, der ausgeprägte Eiszungen seine Hänge herunter schickt. Dort, wo das Gelände besonders steil ist, reißt der Gletscher auf und gibt das harte Gneisgestein frei. Der Weg zieht den Kamm entlang, es folgen einige Senken, und irgendwann sieht man die Similaunhütte in der Einschartung des Alpenhauptkamms, der Österreich von Italien trennt. Es geht noch einmal steil nach oben, wir kommen ins Schwitzen.


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Similaun vom Weg zur Similaunhütte.
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Ortlergruppe von der Similaunhütte.
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Kreuzspitze von der Similaunhütte.


Auf der Hütte erleichtern wir unsere Rucksäcke um Kleidung, Waschbeutel, Essensvorräte und Steiggerätschaften. Die Fineilspitze kann man trotz ihrer vergleichsweise vorzeigbaren Höhe von über 3500 Metern von der Ostseite her eisfrei besteigen. Der Himmel lässt weithin keine Gewitterwolken oder Anzeichen eines Wetterwechsels erkennen, wir gehen mit leichtem Gepäck weiter. Anfangs verläuft der Weg steil über markiertes Blockgestein, dann flacht das Gelände wieder ab. Bevor der Pfad einen Schlenker zum Denkmal des «Ötzis» macht, der Gletschermumie, die sie hier vor zwanzig Jahren im Eis gefunden haben, sind einige Schneefelder zu queren. Sie sind von der heißen Mittagssonne unangenehm aufgeweicht. Dann folgt das Hauslabjoch, von hier blickt man auf die ansehnlichen Gletscher auf der Westseite der Fineilspitze. Sie rufen den hochalpinen Charakter des Berges in Erinnerung. Ein Stück weit müssen wir nun wieder über Schnee laufen, aber das bereitet auch ohne Steigeisen keine Probleme.


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Fineilspitze vom Hauslabjoch.


Der letzte Anstieg führt über Blockgestein. Man muss die Hände benutzen, rechts fällt der Grat fast senkrecht ab zum Gletscher. Die Kletterpassagen sind wenig schwierig. Die Steine sind warm von der Sonne, wenn man mit den Fingern nach ihnen greift. Bisher wirkte der Berg wie ein einziger zerklüfteter Aufschwung auf einen unspektakulären Kamm, erst vom Gipfel wird seine Prominenz deutlich. Am Fuß der Westflanke unter uns ergießt sich der Hochjochferner über die Ebene, auf der gegenüberliegenden Talseite funkeln die Firnspitzen des Weißkamms im Sonnenlicht. An einem wolkenlosen Tag ist es hier sehr luftig, hoch über den Eisströmen, auf Augenhöhe mit den vergletscherten Massiven rundherum.


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Weißkugel und Langtauferer Spitze (Mitte) mit Weißseespitze (rechts) von der Fineilspitze.
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Hinterer Brochkogel (links) und Wildspitze (Mitte) von der Fineilspitze.
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Hintere Schwärze (links) und Similaun (rechts) von der Fineilspitze.
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Weißseespitze von der Fineilspitze.


Fineilspitze (3514 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: über Martin-Busch-Hütte (2501 m), ca. 4 Stunden
Übernachtung: Similaunhütte (3019 m), +39 473 669711, 40 Zimmerlager, 30 Lager, ab 10 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD- / II, ca. 2 Stunden


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Erster Tag im Gebirge, Aufbruch um 6 Uhr von der Martin-Busch-Hütte. Das ist nicht zu früh für den erst gestern aus dem Flachland aufgestiegenen Großstädter, aber auch nicht zu spät für eine Hochtour auf die Hintere Schwärze. Die jenseits des Bergrückens langsam aufsteigende Sonne hat das Pechschwarz der Nacht verdrängt, die Füße können die Konturen des Weges lesen. Wir müssen herunter zum Fluss, über eine Brücke, dahinter folgt der Pfad den Kehren des Hangs. Ein neuer Weg wurde hier angelegt, der alte ist wegen Steinschlaggefahr gesperrt worden. Die Route verändert sich, wie das Hochgebirge insgesamt. Erst geht es deshalb viele steile Serpentinen hinauf und dann wieder, bis man den Gletscher erreicht, viele Höhenmeter über lose Steine hinab. Wir brauchen dafür wenigstens eine Stunde. Unten noch mehr Geröll, zwei Moränen folgen der Fließrichtung des Eisstroms, sie haben viel Schutt mitgenommen. Der Himmel ist wolkenlos, das Blau wird intensiver mit jeder Morgenstunde.


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Unterer Marzellferner vor dem Similaun (Mitte).


Der untere Ausläufer des Marzellferners fließt eben zu Tal. Der Gletscher hier unten ist aper, das Eis liegt frei. Es knirscht und krächzt, wenn die Zacken der Steigeisen sich hineinbohren. Wir schauen nach vorne, von links oben fällt die Gletscherzunge über steileres Gelände herab. Das Eis faltet sich in diesen Brüchen auf wie spröde Haut. Wir schlagen drei oder vier Kehren, um den großen Spalten auszuweichen. Die ersten Sonnenstrahlen, die über den vereisten Hang fallen, erleuchten unsere Gesichter. Und schließlich, mit jedem Höhenmeter etwas mehr, schiebt sich der Gipfelaufbau ins Blickfeld. Seine Form ähnelt einer Haifischflosse, der Grat fällt scharf über die noch schattige Nordwand ab. Erst jetzt, nach weit mehr als zwei Stunden Gehzeit, zeigt sich die Hintere Schwärze. Aus dem Niedertal auf der Nordseite des Schnalskamms ist ihr Gipfel nicht zu sehen.


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Hintere Schwärze vom Marzellferner.
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Oberer Marzellferner.
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Hintere Schwärze (links) und Östliche Marzellspitze (Mitte) vom Marzellferner.


Oberhalb des Bruchs liegt ein weitläufiges Gletscherbecken, man blickt auf eine unberührte Eislandschaft, die von keinem Felsbrocken unterbrochen wird. Nur einige Fußspuren ziehen sich durch den Schnee. Die fast bis zum Gipfel hinauf vergletscherte Nordflanke der Hinteren Schwärze bricht in einiger Entfernung von uns in einem Eisbruch ab. Wir lassen sie links liegen, nachdem wir das nun fast wieder ebene Weiß durchquert haben, und erreichen die große Firnrampe, die uns hinauf zum Gipfel bringen soll. Das Gelände wird nun wieder steiler und der Schnee tiefer, es gelangt weniger Sauerstoff in die Lunge hier oben, das merkt man jetzt.


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Similaun (links) und Weißkugel (rechts) vom Gipfelgrat der Hinteren Schwärze.


Der Firn wird noch steiler, wir erreichen einen Aufschwung, von dem Spuren in direkter Linie den Schneehang hinaufführen. Keine hundert Meter mehr bis zum Grat. Das Laufen kostet einigermaßen Kraft. Zehn Schritte gehen, durchatmen. Das Eis unter den Schuhen ist von der Kälte der Nacht noch ziemlich hart. Das Gehen ist angenehm, der frühe Aufbruch hat sich gelohnt. Schließlich der Gipfelgrat, zum Kreuz sind es nur noch ein paar Meter über Blockgestein. Man blickt hinüber nach Italien, man schaut über die Wolken hinweg. Wenigstens 300 Höhenmeter tiefer fließen gewaltige Gletscher zu Tal. Das eiserne Kreuz überragt alle anderen Gipfel in der Nähe. Wir stehen auf dem höchsten Berg des Kamms, man konnte ihn von unten nicht einmal sehen. Die Hintere Schwärze ist einer der schönsten Berge der Ötztaler Alpen, weil er seine Größe und seine Form gut versteckt.


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Weißkugel von der Hinteren Schwärze.
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Texelgruppe von der Hinteren Schwärze.
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Similaun (links) und Weißkugel (Mitte) von der Hinteren Schwärze.
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Karlesspitze von der Hinteren Schwärze.
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Wildspitze von der Hinteren Schwärze.


Hintere Schwärze (3624 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: ca. 2 Stunden
Übernachtung: Martin-Busch-Hütte (2501 m), +43 5254 813050, 40 Zimmerlager, 72 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD / I, Gletscherspalten, ca. 3-4 Stunden

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Martin-Busch-Hütte, 8 Uhr morgens. Das ganze Tal liegt im Nebel, es regnet in Strömen. Der Blick aus dem Fenster fällt auf undurchdringliches, nuancenloses Grau. Wenn man draußen auf dem Kiesweg steht, hört man nur das Prasseln der Tropfen auf den Steinen, es ist das einzige Geräusch an diesem Morgen. Wir tragen Kleidung, die keinen Regen durchlässt, nur die Hände kommen mit dem Wasser in Berührung. Der Pfad zieht sich in engen Serpentinen über schlüpfrige Steine und braunen Schlamm hinauf zur Kreuzspitze, die irgendwo oben in den Wolken steckt. Feuchtigkeit und Stille. Die Bergweiden verschwinden nach einigen Metern im Dunst.


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Marzellferner.


Immer höher wendet sich der Weg, langsam wird die Luft frischer, das Geröll wilder, die Matten ziehen sich zurück. Irgendwo auf 2900 Metern sollen kleine Bergseen liegen, wir sehen sie nicht. Unter die Tropfen, die aus dem Grau herausfallen, mischen sich mehr und mehr Schneeflocken, die auf den Steinen zu verschwinden scheinen. Dann, nachdem es durch immer raueres Gelände noch einmal höher gegangen ist, bleiben sie irgendwann liegen. Wir erreichen nach einem steilen Anstieg den Gipfelgrat. Alles ist weiß, hellgrau und dunkelgrau; Schnee, Nebel und Fels. Wir können nicht weit sehen. Der Grat ist rutschig, aber nicht allzu ausgesetzt. Keine halbe Stunde vergeht mehr, und wir erreichen den Gipfel, den Endpunkt im grauen, verlassenen Einerlei, das uns umgibt.


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Kreuzspitze, Gipfelgrat.


Kreuzspitze (3457 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: ca. 2 Stunden
Übernachtung: Martin-Busch-Hütte (2501 m), +43 5254 813050, 40 Zimmerlager, 72 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, ca. 2-3 Stunden


[googlemaps https://maps.google.com/maps/ms?msa=0&msid=217857841857011717699.0004c7630f76d7d8e428c&ie=UTF8&t=h&ll=46.828489,10.887794&spn=0.064596,0.123425&z=13&output=embed&w=720&h=550]

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Vent — Frühstück auf der Terrasse der Breslauer Hütte, es ist komplett finster. Etwa 200 Menschen schlafen noch oder stehen gerade auf oder packen jetzt ihren Rucksack. Sie wollen heute alle auf die Wildspitze. Es ist Wochenende, es ist gutes Wetter.

Wir sind die ersten, die aufbrechen. Um uns herum ist es immer noch so dunkel, dass die Steine auf dem Weg kaum zu erkennen sind. Langsam zieht die Dämmerung herauf.

Wir steigen durch das Tal bis zum steinernen Aufschwung des Mitterkarjochs, folgen roten Punkten durch felsiges Gelände. Steigeisen anziehen, das Schneefeld unterhalb der Felswand ist hartgefroren und steil. Steigeisen ausziehen, der Klettersteig erfordert guten Tritt. Etwa 50 Meter kraxeln wir an Drahtseilen nach oben, die frühe Morgensonne in unserem Rücken überzieht die Berge mit einem blassen Schleier.


Ramolkamm von der WildspitzeRamolkamm vom Mitterkarjoch (Großansicht).


Wir erreichen das Joch, die Sonne bricht hervor. Vor uns eine große, weite Eislandschaft, um uns herum klare Morgenluft. Das gute Gefühl, die Ersten am Berg zu sein. Der Weg über den Gletscher zum Gipfel ist nicht steil.

Um auf den Nordgrat zu kommen, müssen wir aber einen stark geneigten Aufschwung überwinden. Die Frontzacken der Steigeisen schlagen ins Eis. Dann geht es, wechselnd über Firn und Fels, weiter bis zum Kreuz, das nun, um 8 Uhr morgens, weithin sichtbar in der Sonne glänzt. Die Berge in der Ferne schimmern weiß-golden.


Ramolkamm von der WildspitzeRamolkamm von der Wildspitze (Großansicht).
Wildspitze GipfelgratWildspitze, Gipfelgrat.
Hintere Schwärze und SimilaunHintere Schwärze (links) und Similaun (rechts) von der Wildspitze.
Weißkugel von der WildspitzeWeißkugel von der Wildspitze.
Ramolkamm und SchnalskammRamolkamm und Schnalskamm von der Wildspitze (Großansicht).


Frühstück auf dem Gipfel: weiße Schokolade und hochprozentiger Rum. Bevor es voll wird auf dem höchsten Fleck Tirols, brechen wir auf.

Ein Abstieg zurück über das Mitterkarjoch, Nadelöhr auf der Hauptroute, scheint schwierig. Staugefahr droht, immer noch steigen größere Gruppen auf. Wir verlassen den Gipfelgrat in Richtung Osten.

Spuren im Schnee führen über den nordseitigen Gletscher bis zu einem Durchstich im Westgrat, an dem das Eis steil über einen Bruch zum oberen Rofenkarferner abfällt. Wir steigen vorsichtig hinab. Weiter unten ziehen sich Spalten durch das Eis, aber sie liegen frei und offen in der Sonne. Der Gletscher macht hier keine großen Mühen mehr, irgendwann kommt er in einem letzten Zerwürfnis zum Stehen. Wir sind unten.


Rofenkarferner und WildspitzeÖtztaler Urkund (links) und Wildspitze (Mitte) vom Rofenkarferner.

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Das Auge sucht das Blickfeld mechanisch nach dem einzigen Farbtupfer ab, den es in dieser Höhe gibt. Wo ist der nächste rote Punkt, die nächste Wegmarkierung? Grobes Blockgestein verliert sich im Nebel, die Sicht beträgt vielleicht zehn Meter, der Grat steigt weiter an. Manchmal greifen die Hände nach dem Fels, um das Gleichgewicht des Körpers halten zu können. Sehr viel höher kann es nicht mehr gehen, aber es taucht immer nur ein neuer Felsbrocken auf. Und noch einer. Karge Monotonie. Dann endlich setzt sich das hölzerne Gipfelkreuz gegen das undurchdringliche Grau der Umgebung ab.

Es ist eigentlich keine gute Idee, noch am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr, vollkommen allein auf einem mehr als 3400 Metern hohen Alpengipfel zu stehen, im Nebel über den Gletschern.


Wilder Freiger, Gipfelgrat


Drei Stunden zuvor hat noch die Sonne geschienen, 1200 Meter weiter unten im Tal. Auf der Terrasse der Sulzenauhütte greifen Wanderer in der Mittagshitze zum ersten Radler des Tages, sie essen Kaiserschmarrn, trinken Kaffee, manche sind aus dem Tal aufgestiegen, manche machen hier halt auf dem Stubaier Höhenweg, die Hütte ist voll.

Wir sind am Vormittag von der Nürnberger Hütte über die Mairspitze gekommen, es ist jetzt an der Zeit, die Bergstiefel auszuziehen, die Füße ins Gras zu halten und einen Apfelstrudel zu bestellen – oder noch auf den Wilden Freiger zu steigen, auf einen der großen, vergletscherten Dreitausender in den Stubaier Alpen.

Es ist mittlerweile kurz nach Mittag, etwa 14 Uhr, bis zum Sonnenuntergang bleiben also noch ungefähr fünf Stunden für Auf- und Abstieg. Die Karte zeigt die Aufstiegsroute: ein Wanderweg, dann Gletscher, am Ende ein Felsgrat. Wie sind die Schneeverhältnisse? Optimal, auf den Höhen ist in den vergangenen Tagen kein neuer Schnee gefallen.

Es gibt eine goldene Regel im Gebirge: Gehe niemals allein und unangeseilt auf einen Gletscher. Wenn du in eine Spalte stürzt, brichst du dir womöglich alle Knochen und falls nicht, wird eventuell niemand dein verzweifeltes Rufen aus den Tiefen der kalten Eishöhle hören. Etwas anders stellt sich die Situation dar, wenn der Gletscher aper ist und die Spalten nicht von Schnee überdeckt sind, sondern offenliegen. Dann ist einem rational handelnden Menschen durchaus zuzutrauen, dass er die Risse im Eis wahlweise umgeht oder überspringt. Einen Versuch ist es wert.

Der Weg verläuft zuerst vorbei an der Blauen Lacke, einem kleinen Gebirgssee, an dessen Ufer Wanderer bestimmt drei Dutzend Steinmandl aufgestellt haben. Die Sonne ist hier noch kräftig an diesem Sommertag. Nach einer ausscherenden Linkskurve steigt der Pfad etwas steiler an bis zur Fernerstube, das ist der Gletscher, der westlich des Wilden Freigers vom Berg herabfließt. Auf der Karte führt der Weg ab hier blau gepunktet über das Eis, aber natürlich gibt es hier gar keinen richtigen Weg mehr, man muss jetzt selbstständig eine Route finden. Der Gletscher ist tatsächlich aper, die Spalten liegen frei.

Bald macht die Eiszunge einen Schwenk nach Osten, durch die Richtungsänderung ist das Eis an dieser Stelle besonders aufgerissen. Es ist ein Zick-Zack-Kurs über den Gletscher. Im oberen Bereich der Fernerstube liegt noch etwas Schnee, aber nur ganz wenig, und das Gelände ist flach. Irgendwann ist der Felsgrat erreicht, der Himmel hat sich zugezogen.


Wilder Freiger
Wilder Freiger, Gletscher
Wilder Freiger


Noch eine gute halbe Stunde leichte Blockkletterei trennt den Bergsteiger an dieser Stelle vom Gipfel. Der Grat ist in Nebel gehüllt, niemand ist hier oben unterwegs um diese Tageszeit. Es ist nicht ganz leicht, immer sofort den nächsten roten Punkt im Gelände auszumachen, aber es gibt im Prinzip nur einen Weg: weiter nach oben, bis das Kreuz auftaucht.

Drei Stunden hat der Aufstieg am Ende gedauert. Es ist schon spät am Nachmittag, aber die Dunkelheit wird noch wenigstens zwei Stunden auf sich warten lassen. Das Zeitfenster reicht aus.

Auf dem Weg bergab gabelt sich der Grat in zwei Richtungen auf, man verliert im Nebel leicht die Orientierung, steigt womöglich auf der falschen Seite des Bergs ab und landet dann irgendwann irrtümlich auf der Müllerhütte. Vor dem falschen Abbiegen bewahrt ein Kompass.

Plötzlich trägt der Wind ferne Ruflaute vom Gletscherbecken an das Ohr, die gar nicht da sind, es wird langsam etwas befremdlich hier oben: schnell hinunter zur Fernerstube.

Auf dem Gletschereis ist es möglich, mit den Steigeisen ein bisschen zu traben, das Eis ist hart, die Zacken finden sofort Halt, deshalb sind die Schritte präzise. Keine halbe Stunde dauert die Passage über den Gletscher. Nach knapp fünf Stunden ist der Alleingang auf den Wilden Freiger vorbei, auf der Sulzenauhütte warten Radler und Strudel, dieses Mal wirklich. Heute geht es nirgendwo mehr hin.

Wilder Freiger (3418 m)
Anreise: bis Grawaalm (1530 m)
Hüttenzustieg: über Sulzenaualm (1847 m), ca. 2 Stunden
Übernachtung: Sulzenauhütte (2191 m), +43 676 3877073, 40 Zimmerlager, 100 Lager, ab 8 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD, Gletscherspalten, ca. 3-4 Stunden


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Der Berg ist nicht immer der Berg – das ist so eine Binsenweisheit, die man schnell aufstellen könnte über das Hochgebirge. Der Berg wandelt sich nämlich mit den Jahreszeiten, mit dem Wetter, mit dem Schnee, der friert und wieder taut und wieder friert, und mit dem Wind, der an seinen Graten und Flanken nagt. Der Berg sieht immer anders aus. Wenn der Bergsteiger nun anrückt, um den Berg zu bestiegen, findet er fast nie die gleichen Bedingungen vor. Was im vergangenen Sommer noch leicht erschien, weil es an diesem einen Tag damals vielleicht 15 Grad hatte, ist heute, bei – sagen wir – minus 3 Grad, schon ziemlich heikel. Deshalb sagt die objektive Schwierigkeit einer Route immer nur die Hälfte über die Besteigung aus, die andere Hälfte muss man sich sozusagen vor Ort, in der Praxis, direkt am Berg erschließen. Man muss sich erst mal anschauen, ob eine Besteigung überhaupt zu machen ist.

Das Schönbichler Horn in den Zillertaler Alpen ist ein prominenter Berg. Nicht, weil es besonders hoch wäre (3133 Meter) oder seine Erscheinung auffallend markant: Das Schönbichler Horn liegt auf dem Berliner Höhenweg, und wer sich dazu entschlossen hat, in etwa einer Woche den gesamten Rundweg von Hütte zu Hütte zu begehen, der muss früher oder später über diesen Berg steigen, wenn er keinen Umweg über das Tal nehmen möchte. Nur ist das Schönbichler Horn eben auch ein Berg, dessen Gestalt sich mit der Witterung grundlegend ändert. An manchen Sommertagen ist die Überschreitung des Gipfels eine sorglose Wanderung, an anderen ein heikles Unterfangen. Eine Rückschau auf drei Begehungen.

2003

Spätsommerwetter in den Ostalpen: Die Sonne brennt heiß, die Luft ist warm, die Gletscher sind aper, und Neuschnee ist seit mindestens zwei Wochen nicht mehr gefallen. Die Höhenzüge sind schneefrei. Der Weg auf das Schönbichler Horn ist vom Furtschaglhaus oberhalb des Schlegeis-Speichers in zwei Stunden zu machen. Die Drahtseile auf der anderen Seite, die hinunter zur Berliner Hütte führen, lassen sich gut greifen. Die Steine zum Treten und Festhalten sind trocken und warm. Das macht großen Spaß, diese leichte Kletterei hier oben, in Sichtweite des vergletscherten Zillertaler Hauptkamm. Mit Konzentration und gutem Tritt ist der Weg an diesem Tag ohne Probleme zu machen.

2007

Der Blick von der Terrasse des Furtschaglhauses zum Gipfel verheißt um 7 Uhr morgens wenig Gutes: Neuschnee ist bis auf 2500 Meter hinuntergefallen, der Bergkamm liegt im Nebel, die Sicht ist schlecht. Trotzdem: Aufstieg. Unterhalb der Scharte hat eine ansehnliche Schneedecke die losen Steine überzogen. Ein bisschen am Hilfsseil entlang hangeln, kurz auf den Gipfel steigen, und dann: Abstieg über die verschneite Gipfelflanke. Die Steine sind rutschig. Man sieht kaum etwas. Das Drahtseil ist schlecht zu greifen. Und der Weg, der aus der Flanke auf den Grat führt, ist nicht recht zu erkennen. An diesem Tag stürzt ein Bergsteiger beinahe direkt vor uns auf dem Weg nach unten rund 70 Meter ab, vermutlich ist er einfach weggerutscht, war eine Sekunde unaufmerksam, hat wegen seines schweren Rucksacks das Gleichgewicht verloren. Die Rettungssanitäter kommen mit dem Hubschrauber und fliegen den Verunglückten in eine Klinik. Später in der Hütte: bedrückte Stimmung trotz aufmunternder Worte. Schicksalsberg Schönbichler Horn, an diesem Tag liegt er wie eine Mahnung in den Wolken.


Schönbichler Horn
Schönbichler Horn
Bild 263
Schönbichler Horn.


2010

Die Sonne verdrängt am Morgen die Schatten aus dem Tal, auf den Höhen liegt trittfester Schnee, der Himmel ist blassblau über den Gipfeln. Weil um die Spitze des Schönbichler Horns herum nicht ein Wolkenfetzen hängt, wirkt der Schnee wenig bedrohlich, obwohl das natürlich ein Trugschluss ist. Wir klettern mit dem nötigen Respekt, aber durchaus heiter durch das Steilstück bergab, man sieht von oben schon die Berliner Hütte und mit ihr die Aussicht auf eine ordentliche Mahlzeit. Alles kein Problem, der Auf- und Abstieg an diesem Morgen. Dann bis zum nächsten Mal.


Hochsteller, Olperer, Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Hochsteller (links) und Olperer (rechts).
Hoher Weißzint, Hochfeiler, Hochferner, Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Hoher Weißzint, Hochfeiler und Hochferner.
Großer Geiger (vorne) und Tuxer Hauptkamm (hinten) vom Schönbichler Horn, Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Großer Geiger (vorne) und Tuxer Hauptkamm (hinten) vom Schönbichler Horn.
Hoher Riffler vom Schönbichler Horn Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Hoher Riffler vom Schönbichler Horn.
Größer Mörchner (links) und Großer Löffler (rechts) vom Schönbichler Horn Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Größer Mörchner (links) und Großer Löffler (rechts) vom Schönbichler Horn.
Großer Mörchner (Mitte vorne), Großer Löffler (Mitte hinten), Schwarzenstein und Hornspitzen (rechts) vom Schönbichler Horn Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Großer Mörchner (Mitte vorne), Großer Löffler (Mitte hinten), Schwarzenstein und Hornspitzen (rechts).
Großer Möseler Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Großer Möseler.
Olperer (links) und Gefrorene-Wand-Spitzen (rechts) von der Berliner Hütte Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Olperer (links) und Gefrorene-Wand-Spitzen (rechts) von der Berliner Hütte.
Turnerkamp von der Berliner Hütte Zillertal, Zillertaler Alpen, Berliner Höhenweg, Berge, Gebirge, Gletscher, Panorama, Wandern, Bergsteigen, Hochtour
Turnerkamp von der Berliner Hütte.


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Wenn die Augen nicht mehr zwischen Schnee und Wolken unterscheiden können, hat man in den Bergen ein Problem. Auf dem Großvenediger erlebten wir einen Whiteout – und kamen trotzdem auf den Gipfel.

Als wir Kinder waren, sahen wir den Großvenediger vom Zillertaler Hauptkamm aus in der Ferne aufragen: der vierthöchste Berg Österreichs, 3662 Meter hoch. Geschätzte zehn Jahre später sollte es auf den Gipfel gehen. Mein Bruder und ich stiegen also in einen Flieger nach München, nahmen einen Zug nach Österreich und fuhren mit einem Bus bis zum Südausgang des Felbertaunerntunnels. Dort nahm uns ein Jeep mit zum Venedigerhaus. Wir kamen von bescheidenen 120 Metern Seehöhe und erreichten erst am späten Abend, in der Dämmerung gegen 21 Uhr, unser erstes Ziel: die Neue Prager Hütte auf 2796 Metern. Knapp 2800 Meter sind zwar nicht der Überwurf, der Körper beginnt aber trotzdem damit, sich an den veränderten Sauerstoffgehalt in der Höhe anzupassen. So müde wir auch abends in unser Lager fielen – unser Ruhepuls lag mit Sicherheit bei 90. Der Körper fing an zu arbeiten.

Ab 2500 Metern kann es schon zur akuten Bergkrankheit kommen. Sie ist im Gegensatz zu ihren gefährlichen Verwandten HACE und HAPE nicht lebensbedrohlich, äußert sich aber in fiesen Kopfschmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit. Üblicherweise werden in Höhen um die 3000 Meter aber nur Turnschuh-Wanderer bergkrank, die sich direkt mit der Seilbahn in die Höhe fahren lassen. Für uns war das also kein Problem. Wie uns der Wirt auf der Neuen Prager Hütte mit genügsamer Selbstverständlichkeit mitteilte, gab es auf der Prager Hütte seit dem Winter kein fließendes Wasser. Wir mussten uns mit Schnee die Zähne putzen, die Leitungen waren noch zugefroren.



Für den nächsten Tag war der Gipfeltag angesetzt. Der Aufstieg stand nicht nur bildlich gesprochen unter einem schlechten Licht: Das Wetter war gelinde gesagt beschissen, der Berg war in dichten Nebel gehüllt, und wir mussten auf die Spuren einer 5er-Seilschaft vertrauen, die vor uns aufstieg. Die Sichtweite auf dem Gletscher lag bei etwa 20 Metern. Ohne eine Spur hätten wir uns niemals an den Berg herangetraut.





Durchaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Auge irgendwann nicht mehr zwischen Nebel und Schnee unterscheiden kann und man gelegentlich zu Halluzinationen neigt. So schwor mein Bruder darauf, dass ein von mir weggeworfenes Stück Trockenobst stetig den Hang herunterrutschen würde, obwohl es sich bei längerem Betrachten kein Stück von der Stelle bewegte. Ein whiteout kann zu vollkommenem Orientierungsverlust führen, weil der Himmel sich nicht mehr gegen die übrige Landschaft abhebt. Das Auge ist überfordert. Man fängt an, Dinge zu sehen, die gar nicht da sind, man wird ein bisschen wahnsinnig.

Abgesehen von den miserablen Sichtverhältnissen war der Anstieg körperlich extrem zehrend. Da wir uns vor der Tour nicht sicher waren, ob wir von Hütte zu Hütte wandern oder eher auf Gipfelsturm gehen würden, hatten wir viel zu viel Gepäck dabei: ein leidiger Umstand. So haben wir in den sagenhaften fünf Stunden des Aufstiegs jeweils 20 Kilo Gepäck den Berg hinaufgetragen – und wieder herunter. Darüber hinaus lag noch extrem viel Altschnee vom Winter. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Gletscherspalten gefährlich überschneit sind, sondern macht auch das Gehen deutlich beschwerlicher, weil der Fuß bei jedem Schritt 30 Zentimeter einsinkt. Jener Mensch, der da zuvorderst der 5er-Seilschaft die Spuren getreten hat, muss nicht nur einen gottgebenen Orientierungssinn gehabt haben, sondern auch die Kraft eines Bären. So kam es dann vor, dass mein Bruder und ich – am Tag zuvor noch vom Flachland aufgestiegen – regelmäßig alle zehn Meter anhalten mussten, um durchzuatmen. Mit keinem geringen Gefühl der Genugtuung tauchten irgendwann doch noch der Gipfelgrat und das Kreuz auf.



Nach mühsamen achteinhalb Stunden erreichten wir wieder die Neue Prager Hütte. Der Wirt versorgte die gesamte Mannschaft mit einem großen Topf Nudeln mit Bolognese-Soße. Mein Puls war vor dem Einschlafen noch mal etwas höher als in der Nacht zuvor. Der Aufstieg von 120 auf 3670 Meter binnen 20 Stunden hinterließ seine Spuren. Dass es in den nächsten Tagen sogar noch ein wenig höher gehen sollte, war zu dem Zeitpunkt noch lange nicht ausgemacht..



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