Tag

pisco

Scharf gezeichnete Grate und Couloirs, Gletscherbrüche: Die mächtigen Gipfel der Cordillera Blanca bilden das weiße Dach Perus. Ein Aufstieg auf den Nevado Pisco in Schwarz-Weiß-Fotografien.

Huaraz — Wer es liebt, in den Bergen zu sein, kann nicht nach Peru reisen, ohne sich in die schneebedeckten Anden aufzumachen.

Cordillera Blanca, weißes Gebirge: ein Name wie eine Verheißung.

Was man dort findet: ewiges Eis, von Gletschern behangene Felswände, unnahbare Giganten. Firntürme, deren Gipfel aussehen wie Sahnehäubchen, die ein unsichtbarer Konditormeister in Richtung Himmel gezupft hat.

Im Nationalpark Huascarán stehen viele der schönsten Berge der Welt: der Artesonraju (6025 m), Vorbild für das Logo der Filmproduktionsfirma Paramount Pictures, der trapezförmige Alpamayo (5947 m), und der Doppelgipfel des mächtigen Huascarán (6768 m) selbst.

Der Nevado Pisco wiederum ist derjenige Gipfel, der für den konditionell erprobten und gut akklimatisierten Bergsteiger mit einem kundigen Führer vergleichsweise leicht zu ersteigen ist und dennoch das Gefühl von hochalpiner Ausgesetztheit erzeugt, der die Gegenwärtigkeit urgewaltiger Natur greifbar macht, der mit seinen 5752 Metern zwar nicht zu den höchsten Gipfeln der Region gehört, aber das Matterhorn immer noch um mehr als tausend Meter überragt.

Eine Besteigung in Bildern, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Schatten und Eis.

LAGUNA 69

Die Laguna 69 ist ein beliebtes Ausflugsziel für Tagestouristen im Llanganuco-Tal. Der Begriff Lagune suggeriert einen Überfluss an Vegetation, aber der Gebirgssee liegt auf 4600 Metern, es ist kalt und karg an diesem Ort.

Der Bergsteiger, der den Ausflug zum See für die Akklimatisierung nutzt, kommt den brüchigen Eismassen des weißen Gebirges hier schon sehr nahe. Die vereiste Südwand des Chacraraju fällt fast senkrecht mehr als tausend Meter in langgezogenen Falten und Verwerfungen hinab bis zu den Schuttmoränen oberhalb der Lagune. Die Gratwechten des Bergkamms sehen aus wie Baiser, die Hängegletscher wie eine zerfallene Quarkspeise, der Eissaum wie zerbröselter Kuchen.


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BASISLAGER

Das Basislager ist am Nevado Pisco – anders als an anderen Expeditionsbergen – gleichzeitig das letzte Lager vor dem Gipfel, es ist also ein Ort des Zweifels: Hält sich das Wetter? Gibt es Schnee? Zieht ein Sturm herauf?

Wer die fast lotrechte Südflanke des Pisco sehen will, muss vom Basislager noch einmal ein paar Höhenmeter bis auf den Kamm einer Geröllmoräne steigen. Der Bergsteiger sieht die überhängende Eispanzerung des Gipfelgrats, die langen Schatten auf der weißen Wand, und weiter unten: haushohe Bruchkanten im Eis, immer dort, wo die Architektur des Berghangs eine Felsstufe vorgesehen hat.

Man kann sich nur schwer vorstellen, wie es sein muss, wenn sich ein Serac aus der Gletschermasse löst und in tausend granitharte Eisbrocken zerfällt, ein Geräusch wie der Donner am Himmel.


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


GIPFEL

Aufstieg in der Nacht, am frühen Morgen streifen die ersten Sonnenstrahlen das weiße Gebirge. Das Spiel von Licht und Schatten beginnt aufs Neue, aber hier oben, auf dem Gipfel des Nevado Pisco, ist es noch eindrucksvoller, die Linien im Eis sind noch schärfer gezeichnet in dieser Sonne, die noch nicht vermag, die nachtkalten Hände richtig aufzuwärmen.

Der Blick wandert zu den Bergriesen der Cordillera Blanca: Artesonraju, Alpamayo, Chopicalqui, Huascarán, Huandoy, Chacraraju – was für ein Ausblick! Was für eine surreale Formation aus Eis und Schnee!

Die eigene Gegenwart auf dem Gipfel zu spüren inmitten dieser monochromen Gratlinien, Eisbrüche und Couloirs, erzeugt im Herz des Bergsteigers ein kaum vergleichbares Gefühl von Lebendigkeit, von unmittelbarer Welterfahrung, von irdischer, aber in gleichen Teilen überirdischer, nicht mehr rationaler Präsenz des Menschen auf der Erde: Das Stoffliche kann nicht alles sein, denkt man.

Wie kann der Mensch einfach nur Staub werden im Angesicht dieser Bergwelt?


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


ABSTIEG

Der Tag wird sehr schnell heiß unter der Höhensonne, schon bald kann der Bergsteiger seinen dicken Pullover ausziehen. Der Schweiß löst die Sonnencrème von der Haut.

Die Schatten der Gletscherspalten gewinnen im Licht des Tages erst richtig an Kontur, schwarze Risse im Eis, bis zu 60 Meter tief, kalt und dunkel: die Menschenfresser des Hochgebirges.

Doch der Bergführer manövriert kundig durch den Gletscherbruch, der Schnee wird sulzig, das Gehen etwas beschwerlicher. Der Tag ist noch nicht allzu alt, als der Boden unter den Füßen wieder aus Felsen besteht. Das Licht ist jetzt schon sehr gleißend und leuchtet die Eiswände gänzlich aus.

Nach zehn Stunden ist der Bergsteiger wieder im Basislager.


Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca


Nevado Pisco (5752 m)

Reisezeit: ..Die größten Erfolgsaussichten für den Gipfel bestehen in den trockenen Sommermonaten zwischen Juni und September. Es gibt aber auch viele Seilschaften, die den Pisco bereits im Mai oder erst Ende Oktober besteigen.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Von dort in 8 Stunden mit dem Bus nach Huaraz. Mit einem Geländewagen geht es in den Nationalpark Huascarán.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Anforderungen: ..Der Nevado Pisco ist ein ernstzunehmener, hochalpiner Gipfel mit weitläufiger Vergletscherung. Neben guter Kondition und ausreichender Akklimatisierung ist solide Bergerfahrung nötig. Das sichere Gehen mit Steigeisen auch in steilerem Gelände sollte ebenso beherrscht werden wie richtiges Seilhandling und alpine Sicherungstechnik. Ein steilen Hang muss der Bergsteiger mithilfe der Frontalzackentechnik überwinden, im Abstieg wird dort abgeseilt. Schwierigkeit: PD. Für die Besteigung wird Expeditionsausrüstung benötigt.

Veranstalter: ..Verschiedene Agenturen in Huaraz bieten geführte, mehrtägige Touren auf den Nevado Pisco an. Nicht alle Anbieter sind seriös: Viele Bergführer beherrschen keine ausreichende Sicherungstechnik, die Verpflegung ist dürftig, und die fehlende Akklimatisierung der Kunden wird oft ignoriert. Eine professionelle Tour mit einem zertifizierten UIAGM-Bergführer kostet ab 500 US-Dollar.

Übernachtung: ..In Huaraz gibt es viele Herbergen und Hostels, die Stadt ist Zentrum des Trekkingtourismus in der Region. Im Nationalpark Huascarán wird in Zelten übernachtet. Im Basislager des Pisco gibt es auch eine einfache Hütte, das Refugio Perú.

Geld:..In Huaraz gibt es Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Februar 2013).



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Die Besteigung des Chopicalqui scheitert bereits auf dem Weg zum Hochlager. Eine sagenhaft breite Gletscherspalte versperrt den Weg. Die Enttäuschung ist groß. »That’s the mountains«, sagt Bergführer Carlos.

Huaraz — Der Mensch will immer höher hinaus, das ist vielleicht Teil seiner Natur, möglicherweise auch nur meiner Natur, in jedem Fall wollte ich nach dem stattlichen Gletscherberg Pisco und dem eher als Geröllhaufen zu klassifiziernden Chachani auf einen richtig alpinen Eisriesen der Cordillera Blanca aufsteigen: den Chopicalqui, 6354 Meter, weitläufige Vergletscherungen, steile Firngrate.

Vor allem die luftige Schlusspassage ließ mich zuhause, in Deutschland, immer wieder zwischen Begeisterung und Ehrfurcht schwanken. Doch der Gipfel soll mir am Ende verwehrt bleiben, wir können keinen Weg durch den Gletscherbruch finden.

Immerhin: Am Chopicalqui gibt es dramatische Formationen aus Fels und Eis zu bestaunen. Das ist ein kleiner Trost. Aber wirklich nur ein kleiner.


Chopicalqui


MORÄNENLAGER

Wir sind vom Basislager aufgestiegen und bauen auf etwa 4600 Metern unsere Zelte auf. Bergführer Carlos tanzt sportlich über die Steine, unser schweigsamer Koch Marcus macht Essen – alles wie immer.

Leider bereitet das Wetter große Sorgen: Nachmittags geht ein ordentlicher Hagel über dem Lager nieder, der Gipfel des Chopicalqui und seine vergletscherten Hänge verschwinden regelmäßig im Nebel. Überhaupt: Wie das Eis wirr und gezackt am Berg zu kleben scheint. Zur Stunde erscheint es einigermaßen unrealistisch, überhaupt je die höheren Sphären des Berges erreichen zu können.

Der Laie verspürt Unsicherheit, er will am liebsten ganz klar wissen, ob ein Aufstieg zum Hochlager morgen möglich sein wird. Man muss an die Profibergsteiger denken, die oft mehrere Wochen im Basislager vor irgendeinem Wandfuß im Karakorum ausharren, bevor es überhaupt ein Wetterfenster für den Aufstieg gibt. Diese Zeit haben wir: nicht.

Der Hagel hat – psychologisch wichtig – aufgehört. Immer wieder gehen Teile des Gletschers vor uns als Eislawinen ab, das Echo wird von der Felswand hinter dem Zelt zurückgeworfen. Gletscher bewegen sich, das merkt man hier.

Der vorausahnende Carlos: »We have to wait for tommorrow.« Völlig klar.


Chopicalqui
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IM GLETSCHERBRUCH

Der nächste Morgen ist dann doch »heiter bis wolkig«, so würde man das im Radio sagen. Wir machen uns auf den Weg ins Hochlager auf über 5000 Metern.

Leider gibt es keine Spur durch den Gletscherbruch, weil wir relativ spät in der Saison unterwegs ist: Es ist Anfang Oktober. Die letzten Bergsteiger, zwei Spanier, seien vor zwei Wochen am Berg gewesen, berichtet Carlos – sie seien aber nicht bis auf den Gipfel gegangen. Das heißt an diesem Tag: selbst einen Weg finden.

Der immer kundige Carlos geht souverän voraus, ich sichere ihn mit einem Seil. Wir laufen über Türme und Blöcke aus Eis, die in nicht absehbarer Anordnung durcheinandergewürfelt zu sein scheinen wie Häuser nach einem Erdbeben. Bis zu 80 Meter tiefe Spalten ziehen sich durch das Eis, oft liegen sie unter Schnee verborgen. Man sieht dann nur eine leichte Delle im Boden.

Das Eis reflektiert die Sonne so stark, dass meine Isomatte außen am Rucksack schmilzt.

Irgendwann bleibt Carlos stehen und sagt: »We cannot go this way.« Carlos steht auf einer Schneebrücke, das hat er gemerkt, weil sein Eispickel durch den Boden bis in einen Hohlraum gehackt hat. Die Spalte sei beim letzten Mal noch nicht so breit gewesen, hier könne man nicht weitergehen.

Der Kunde schaut ungläubig und denkt: Gut, der Carlos kennt den Berg, er wird sicher einen alternativen Weg finden. Wir folgen einer anderen Spalte, doch irgendwann klafft wieder nur ein riesiger Abgrund auf. Viele Optionen gibt es nicht, und wir haben natürlich keine Aluminiumleiter dabei.

Nach einer halben Stunde ist klar: Wir finden keinen Weg durch den Gletscherbruch.

Langsam sackt die Enttäuschung ins Bewusstsein. An dieser Stelle ist offensichtlich Schluss. Letzter Widerwille, Frage an Carlos: Gibt es überhaupt einen Weg auf den Gipfel? Antwort Carlos: Nein, vorerst gibt es auf dieser Route keinen sicheren Weg auf den Gipfel. Er werde das der Agentur in Huaraz melden.


Chopicalqui
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ABSTIEG

Totale Resignation im Moränenlager. Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein. Die Expedition ist ja kaum richtig losgegangen.

Ist es frustrierender, 50 Meter unterhalb des Gipfels in einem Schneesturm umkehren zu müssen oder bereits auf dem Weg zum Hochlager wegen einer einzelnen Gletscherspalte? Schwer zu sagen.

Der erfahrene Bergführer Carlos sieht natürlich die Enttäuschung seines Klienten und versucht ihn etwas aufzuheitern. Er selbst habe auch schon oft umkehren müssen, zum Beispiel bei einer Aconcagua-Speedbesteigung vor drei Jahren. Da habe er natürlich die 800 US-Dollar Eintritt für den Nationalpark schon gezahlt gehabt und dann: schlechtes Wetter, Abbruch 400 Meter unterhalb des Gipfels.

Dann lächelt Carlos und sagt den ultimativ weisen Satz: »That’s the mountains.«


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Nevado Pisco
Chopicalqui
Huascarán


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Vier Wochen Peru: Titicacasee, Machu Picchu, die weißen Berge der Anden! Doch vor allem: Freiheit, Euphorie, die Erwartung, dass alles anders wird. Die Ernüchterung, dass es nicht so kommt. Eine Erzählung vom Reisen.

Lima — Abflug nach Peru, 23 Stunden über den Globus, es geht zum ersten Mal nach Südamerika. Das wird eine große Reise.

Zwischenlandung in Atlanta. Der Beamte von der Einwanderungsbehörde hebt die Hand und legt mir nahe zu schweigen, als ich erzählen will, was ich in Peru mache: »Holidays, Sir«. Es interessiert ihn nicht.

Im Flughafen kaufe ich das Time Magazine und The Atlantic. Der Blick des Journalisten auf ein journalistisches Produkt: Aufmachung, Teaser, der Aufbau der Storys. Ich trinke einen Kaffee und fühle mich sehr sophisticated. Ich denke daran, dass Reisen überhaupt nicht mehr mondän ist.

Boarding für den Flug nach Lima. Die Frage, was man sich davon verspricht.

Reisen ist diese feine Gratwanderung: zwischen Einsamkeit und Alleinsein, zwischen banaler und anregender Gesellschaft, Überdruss und Genügsamkeit, stressigem Aktionismus und Tatendrang.

Die Freundlichkeit der Stewardessen: ein Zwangsoptimismus, den man irgendwie schätzt. Diese euphorische Erwartungshaltung auf einem Interkontinentalflug, obwohl eigentlich alles stressig ist. »Welcome on bord, Sir.« Ja! Genau! Recht herzlichen Dank.

Über den Wolken wird das Verhältnis zu den Bezugspunkten des Lebens neu verhandelt: zu Orten und Plätzen, Bars und Cafés, Strecken und Wegen durch die Stadt, aber auch inneren Abläufen, Mustern im Kopf, der Einteilung des Tages in bestimmte Sinnabschnitte. Zeit zum Ausspannen, Arbeiten, Essen, Telefonieren, daraus setzt sich der Tag ja meist schon zusammen.

Die Sehnsucht des Reisenden: sich der Periodik des Alltags entziehen.

Als der Flieger abhebt, letzte Gedanken an zuhause: Macht mal, schuftet mal, ihr Bürostuhlsklaven, ihr Kleingeister. Ihr seid zufrieden mit euren zwei Wochen Sommerurlaub in der Pfalz oder auf Gran Canaria.

Ich trinke einen Rotwein. Das Gefühl, leicht betrunken in die Ferne zu fliegen, weil das irgendwie ein großer Moment ist.

Die Überheblichkeit des Reisenden: Man stellt es – jetzt endlich, nach langer Mühe, der Routinearbeit den Rücken kehrend – alles besser an.

Der Aeropuerto Internacional Jorge Chávez in Lima ist eher klein, sehr überschaubar, irgendwie friedlich. Mit dem Taxi durch die nächtlichen Vororte. Spärliches Licht, Gesichter im Schatten. Mein dummes Vorurteil: alles gang land hier.

– Lima Miraflores –

Wohlstand kommt ohne Ästhetik aus, das sieht man hier ganz deutlich. Stacheldraht auf den Mauern der Häuser, teure Sushi-Restaurants, die ausländischen Botschaften stehen wie Kasernen auf kleinstem Raum. Der Himmel hängt grau über Lima, das ist normal um diese Jahreszeit, im September. Nur ein paar Surfer mit Neoprenanzügen stürzen sich in den Ozean, die Küste fällt steil zum Wasser hin ab.


Lima


Umherschlendern und wissen, dass man Zeit hat, dass man sich an nichts orientieren muss, dass man frei ist in seinen Entscheidungen.
Die Haut der Bewohner von Miraflores ist sehr hell, hier leben viele Nachfahren der spanischen Besatzer, reiche Leute, die criollos oder – etwas abfälliger – chollos. Es sieht alles so europäisch aus.

Ich habe viereinhalb Wochen in Peru, mehr als einen ganzen Monat, der keine geregelten Abläufe kennt. Vier Wochen, die sich anfühlen wie ein ganzes Jahr.

Meine zwei Reisebegleiter sind aus Düsseldorf und Miami angereist. Wir essen Sandwiches am Parque Central.

Ich habe endlich Zeit, nach zwei Jahren geregeltem Arbeitsleben.

– Arequipa –

Der Bus hat 18 Stunden gebraucht, wir haben geschlafen und Filme auf einem kleinen Fernseher geguckt. In 3 Meters above the sky kämpft ein harter Typ um eine Frau aus gutem Haus, sie verlieben sich, aber er kann seinem Wesen letztlich nicht entkommen, er prügelt sich, er versaut es, das Ganze nimmt kein gutes Ende.

Wir waren dann wieder eingeschlafen und als wir aufwachten, war draußen plötzlich Wüste, die costa lag da, trocken und karg.


Arequipa
Arequipa
Arequipa


Wir waren losgefahren ohne eine große Idee von etwas, was diese Reise nun bedeuten könnte, von etwas, das stattfinden müsste: Frauen aufreißen, Wagemutiges tun, möglichst den Touristen-Touristen hinter sich lassen, ins individualisierte Extrem gehen.
Just having a good time.

Der Tag hat schon zwei oder drei Stunde Farbe, als wir uns der weißen Stadt Perus nähern. Schneebedeckte Vulkane am Horizont. Der Himmel ist diesig, Schneekuppen ragen aus den Wolken. Wir suchen ein kleines Hostel und schlendern durch die Gassen. Sehr weiße Haut unter sehr weißer Sonne.

Triviales Gefühl, aber: Arequipa fühlt sich gut an.

Die Lust auf einen Kaffee am Nachmittag. Der weite Raum über den schneebedeckten Vulkanen der Stadt. Blauer Himmel.

In der Santa Catalina bieten die Geschäfte feine Alpaka-Wolle an. Handschuhe, Schals, Pullover. McDonalds und Starbucks in der Haupteinkaufsstraße. Alles sehr vertraut und doch ganz weit weg. Man sitzt jetzt mitten in Peru und war vor zwei Tagen noch in Deutschland.

Warmes Abendlicht am Plaza Principal de la Virgen de la Asunción, die mächtige Kathedrale aus Sillargestein überragt den Platz, Kinder scheuchen Tauben auf, das Sonnenlicht bricht sich im Wasser des Springbrunnens, überall sind Menschen. Gelbstichige Stadt, alles retro und doch Gegenwart.

Die angenehme Anonymität des Reisenden.

Irgendwann leuchtet die Sonne nur noch die schneebedeckten Gipfel an. Wir essen Hühnchen mit Reis und Kartoffeln, klassischerweise.

Der Wunsch: auf einer Bank sitzen und glücklich sein.


Arequipa
Arequipa
Arequipa
Arequipa


– Abends in Cabanaconde 

Das Kärgliche, Ärmliche fordert den ignoranten Touristen heraus, der überall einfach nur rumsitzen und sich toll fühlen möchte.

Einsamkeit, Beklemmung. Was willst du hier, Fremder?

Frauen in bunten Gewändern, tiefe Falten, große Hütte. Scham, dass man die isolierte und ländliche Armut pittoresk findet. Der privilegierte weiße Mann fotografiert die armen Bauern.

Wir wandern einen Tag hinab in die Schlucht des Colca-Canyons und wieder herauf, denn wir wollen schnell weiter, zum großen Titicacasee im Süden des Landes.

Was lässt sich in welcher Zeit sehen?

Die Oase am Fuß der Schlucht ist verlassen und leblos. Die Sonne brennt glutheiß, man kann kaum richtig sehen, so grell blenden die Berghänge.

Reisen als Konsumoptimierung: Orte ablaufen, Fotos schießen, abhaken. Das, wofür man die Pauschaltouristen spöttisch bemitleidet und verachtet.

Rückweg nach oben in der Mittagshitze, wir wollen morgen weiter.

Das Unvermögen, sich davon freizumachen.


Colca-Canyon
Colca-Canyon
Colca-Canyon

– Auf der Fahrt nach Puno –

Wir fahren mit dem Bus hinauf auf die Hochebene der Altiplano, vorbei am Misti und Chachani, immer höher schraubt sich die Straße. Man erwartet jetzt eigentlich einen Pass, einen Scheitelpunkt, hinter dem es gleich wieder bergab geht. Doch dann tut sich das Hochland auf, mehr als 3500 Meter hoch, bis weit an den Horizont. Nichts außer weitem Gras durchzogen von Tümpeln. Wasservögel und Alpakas.

Der Misti aus der Entfernung: eine Schneekuppe am Himmel, mehr nicht, weil das dörre Land darunter sich kaum gegen den Himmel abzeichnet.

Hineinfahren in die Nacht, Menschenleere. Dieses seltsame Gefühl, tief im Hochgebirge unterwegs zu sein und dennoch gleich das Meer zu erreichen.

Gefällt man sich eigentlich in dem, was man macht?

Wir wissen nicht, ob sich die Landschaft gleich verändert. Wie sich das Tal immer weiter auftut, als habe es jemand mit einem Messer aufgeschnitten, wo man eigentlich glaubte, gleich ginge es überhaupt nicht mehr weiter. Wie man im Bus dasitzt und durch das peruanische Hochland fährt.

Ist das wichtig, dass man sich dabei gefällt? Oder gerade nicht?

Diese Frage ließe sich ja jedem ultraproletenhaften Partyurlauber stellen, der am Samstagabend in El Arenal in so eine verheißungsvolle Nacht zieht, frisch rasiert, gestylet, braun gebrannt, in dieser selbstgewissen Vorfreude auf die Ereignisse der Nacht. Der gefällt sich sicher auch, in dem ganzen Ding, das er da durchzieht.

Draußen ist es komplett dunkel, wir sehen nichts mehr.

Reisen als ein sehr selbstbestätigender Akt, also als ein komplett sozialer Akt, der diesen Spiegel braucht.

Been there, done that.


Altiplano
Altiplano
Altiplano


– Abends in Puno –

Die Lichter der Stadt, weiß und orange.

Unheimlich ist das Wissen, dass hinter dem See, noch viel tiefer auf diesem Kontinent, nur noch Urwald kommt, tausende Kilometer weit. Die Abwesenheit von Zivilisation, die Abwesenheit des Menschen. Wir müssen ein Zimmer für die Nacht finden.

Wie stark der Ablauf des Tages Maß und Orientierung auf Reisen gibt. Busfahrtzeiten, eine offene Grenze, die Dunkelheit.

Ein Coca-Tee an der Rezeption, die Besitzerin des Hostels ist eine gute Gastgeberin, das Zimmer ist einfach und ruhig.

Man sitzt ja nicht den ganzen Tag bei irgendwelchen Urvölkern, wandert auf einsamen Bergpfaden, liegt pirschend im Busch. Man fährt Bus, man geht »kurz ins Internet« und liest die Nachmittagszusammenfassungen der einschlägigen Nachrichten-Websites, man sucht etwas Vernünftiges zu essen und will gelegentlich einfach einen guten Kaffee trinken (ganz oft schwierig).

Draußen auf den Straßen läuft eine Parade durch die Stadt, wir wissen nicht, welches Fest gefeiert wird, aber die Bürgersteige sind voll, Männer trinken Alkohol, spielen Instrumente. Die Verkleideten tanzen über die Fahrbahn. Lautes, lebensfrohes Puno.

Immer wieder die Frage, warum man reist, warum an einen bestimmten Ort? Etwas Schönes sehen, etwas Erbauendes?

Wir suchen ein passables Restaurant. Das ceviche wird mit einer roten Schote serviert, ich beiße herzhaft hinein, weil ich denke, dass es sich um Paprika handelt. Schmerz und Tränen. Die lachenden Kellner. Die Verlassenheit von Puno, die wir wahrnehmen. Das laute Leben, das draußen vor uns an der Tür vorbeizieht. Der Widerspruch in diesem Moment.

Ich bestelle Milch, um die Schärfe zu beruhigen, damit ich weiter essen kann. Zum Abschluss gibt es einen papaya con leche und einen Kaffee (mäßig gut, viel Milch).

Mein Verloren-Sein in der Ferne.

– Auf der Fahrt nach Copacabana –

Im Bus zur Grenze: Hippies mit Schal und dieser Nagetierfrisur, die Seiten kurz, im Nacken ganz lang. Die Einladung zu einem Rave auf der Isla del Sol. Leute mit komischen Flecken im Gesicht, lächelnd und drauf.

Mein Zorn auf die Backpacker. Wie sie dasitzen in ihren lumpigen Klamotten und Armut zelebrieren. Ihre Langweile im Gesicht, ihre gespielte Abgeklärtheit. Wie sie sich an nichts mehr begeistern können und trotzdem alles awesome finden.

An der Grenze zu Bolivien müssen wir aussteigen und die Pässe stempeln lassen. Souvenirs im Nirgendwo. Die Soldaten sehen müde aus.

Diese Anmaßung der Traveller-Kaste, die behauptet, das Land und die Leute kennenlernen zu wollen, die sogenannte Kultur, und dann diese dämliche Frage, in welcher Zeit das denn überhaupt zu machen wäre: zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre? Dabei ist es ja – wie immer wieder deutlich wird – schon schwer genug, nur einen einzelnen Menschen gut einschätzen zu können, den man sogar schon länger und ganz gut kennt, der unter den gleichen soziokulturellen Bedingungen aufgewachsen ist wie man selbst. Die Traveller wollen gleich wissen, wie »die Menschen in Peru so sind.«

Mein Eingeständnis, dass ich nur für mich reise, dass das eine ganz egoistische Komponente hat.


Copacabana
Copacabana


– Am Chachani 

In 5000 Metern Höhe geht die Sonne unter über der Altiplano-Hochebene. Die Gratlinien sind fein angeschnitten von den letzten Sonnenstrahlen des Tages, dazwischen scheint die Farbe in der Luft etwas Stoffliches zu haben. So als könne man zugreifen und etwas herauslösen wie Knetmasse.

Absolute Stille. Meine Rührung über das, was ich gerade sehe.

Die Fotos sind geschossen, die Erinnerungen gibt es schon, aber ich stehe immer noch an diesem Ort und kann nicht glauben, was ich sehe. Jetzt nur noch zuschauen. In zehn Minuten ist es hier oben komplett dunkel. Drüben am Hang spült Bergführer Jésus die Töpfe vom Abendessen, die Zelte liegen schon im Schatten.

Ich weine.


Chachani
Chachani
Chachani


– Cusco 

Wieder liegt eine lange Nachtfahrt hinter uns. Wir laufen herum und wissen nichts mit dem Tag anzufangen, außer herumzulaufen. Wir sind nur noch zu zweit. Cusco ist sonnig und klar an diesem Tag.

Was ich glaube: Das Zuhause reist mit, es verändert die Reise, die Sicht auf die Reise, die Herangehensweise.

Wir sind in der Hauptstadt des alten Inka-Reiches, Cusco ist das kulturelle Zentrum Südamerikas. Artesanías an jeder Ecke, die Stoffe kommen oft aus der Fabrik, aber viele Omis stricken die Socken noch am Straßenrand. Am Plaza del Armas vor den wuchtigen Iglesia de Compañía gibt es einen großen Straßenumzug. Die Kinder aus den Kindergärten der Stadt haben sich verkleidet. Kostüme und Comedy, Folklore und Batman.


Cusco
Cusco
Cusco
Cusco
Cusco

Müsste man nicht eigentlich komplett alleine reisen?

Die Mütter laufen neben den Kindern, sie bringen ihre Töchter und Söhne wieder in Reih und Glied, wenn diese einfach stehen bleiben und sich umschauen. Wir sitzen auf der Treppe nahe den Arkadengängen und essen – gegen jedes ungeschriebene Backpacker-Gesetz – einen Cheeseburger von McDonalds. Es wird Abend in Cusco, am nächsten Tag wollen wir Machu Picchu sehen.

Ist Reisen nun Weltentzug oder nicht? Wie altmodisch dieser Gedanke ist, letztlich dumm. Meine Sehnsucht nach einer größeren Welt.

Vielleicht muss man die Grenzen von Heimat und Ferne aufheben, das Internet immer dabei haben, Mails checken, an Artikeln feilen, Online-Banking machen, all diese Dinge. Oder genau das Gegenteil tun.

Mach die Welt zu deinem zuhause. Wie ich es nicht mehr hören kann.

Am Morgen der schlimme Kater. Wir sind in so einem Sauftouristen-Hostel abgestiegen, bestimmt 400 Schlafplätze, Happy Hour jeden Abend. Die Drinks sind groß und stark gemischt. An der Bar nur crazy dudes, die den ganzen Tag gute Laune haben, dabei hat man ja fast nie den ganzen Tag gute Laune.

Was ich nicht sagen kann: dass sich der Mensch allein durch das Reisen in seinen Gewohnheiten verändert, ob ihm das Reisen eine Veränderung aufzwingt.

Wir raffen uns auf zu einem Frühstück, der Bus fährt bald los. Großes Machu Picchu. Wir sehen hier wirklich großartige Orte in Peru, die absoluten Highlights. Ich denke an die Momente dazwischen.

Meine Gewissheiten und wie sie schwinden.


Cusco
Cusco
Cusco


– Iquitos –

Peru sieht hier ganz anders aus als im Rest des Landes, irgendwie karibischer, denke ich mir, obwohl ich noch nie in der Karibik war.

Wie lässig es ist, durch Iquitos zu fahren in einem offenen Dreirad, das eigentlich nichts kostet. Einfach herumfahren. Wir brechen auf in den Dschungel, zwei Tage sind wir fort im Amazonas-Regenwald.

Der Wunsch, dass die Planung entgleitet. Die Angst, dass es wirklich so kommt.

Wir besuchen noch eine butterfly farm, eine junge Amerikanerin macht einen Rundgang mit uns. Sie ist Volunteer und drei Monate in Iquitos, in dieser Farm am Rande der Stadt.

Am Hafen essen wir fangfrischen Fisch, der wieder fast nichts kostet. Wie freundlich die Menschen sind, und sei es nur, weil sie etwas verkaufen wollen. Wie egal mir das ist.

Immer wieder einen Kaffee trinken (warum eigentlich?) – Herumsitzen unter der tropischen Sonne. Die Frage, was nun anzufangen wäre mit dieser Reise, was sie bedeuten kann, was sie ausgelöst hat, warum das nun gut war, hierhin oder dorthin zu fahren.

Wie ich nicht rauskomme aus meinem dummen Kopf.


Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos


– Auf dem Weg nach Huaraz –

Fahrt durch den Elendsgürtel nach Norden. Knapp ein Drittel aller Peruaner wohnen in Lima. An jeder Ecke: Händler, Schmuggler, Checker, die informellen Arbeiter der informellen Siedlungen, primitiv zusammengebastelt aus Schilfrohr, Wellblech und Abfall. Die barriadas erobern die trockenen Hänge der Küstenwüste.

Ich will etwas Sinnvolles zu Papier bringen, aber es gelingt nicht.

Der Humboldtstrom treibt den Nebel an Land, den grauen garúa, der alles etwas depressiv aussehen lässt. Endlose trübe Küste entlang der Panamericana.

Busfahrten sind ganz wichtig, weil einem dann erst diese Gedanken kommen, weil man dann erst Zeit hat, alles zu reflektieren und zu sinnvoll scheinenden Schlüssen zu verbinden, obwohl man ja weiß, dass das alles wieder nur temporäre Einsichten sind, aber anders geht es gar nicht. Man kann nicht immer versuchen, zeitlose Wahrheiten aufzuschreiben, bei denen jeder in zwanzig Jahren zustimmend nickt, damit braucht man gar nicht anfangen, das gelingt vielleicht einmal in drei Texten. Also: die Erwartungen zurückschrauben und das Temporäre zulassen.

Wieder: Hineinfahren in die Nacht, dieses Mal bin ich allein, endlich allein. Mein Reisegefährte ist von Lima zurückgeflogen. Das Land faltet sich auf, als der Bus die Küste verlässt. Meine Sehnsucht nach dem Gebirge.

Der Bus gestern Abend hatte keinen Platz mehr für mich, ich musste eine Nacht warten, dadurch kann ich den Bergführer in Huaraz erst morgen treffen. Die Sonne geht langsam unter. Die kurvige Straße, meine Gedanken, die sich winden und wenden.

Meine Unzufriedenheit mit mir selbst.

– Im Nationalpark Huascarán –

Ich liege im Zelt auf 3900 Metern, draußen die vergletscherten Sechstausender der Cordillera Blanca. Queñua-Bäume wachsen entlang des kleinen Flusses an unserem Lagerplatz im Llanganuco-Tal.

Meine Überlegung: wie viel Zeit es braucht, sich von den Strukturen und Zwängen der Heimat zu lösen, und ob dazu nicht Abgeschiedenheit, Einsamkeit und ein klarer Bruch nötig sind.

Draußen macht Marcus, unser Koch, das Abendessen fertig. Stille im Tal. Mein Wunsch, eine Zeitung zu lesen.

Die Vermutung: Es ist eine unglaublich wichtige Erfahrung, einmal mit sich selbst allein in der Fremde zu sein, damit man seinen Platz in der Welt findet, ein Verhältnis, ein Arrangement treffen kann mit all dem Unbekannten, das einem im Leben begegnet, ganz grundsätzlich.

Am nächsten Morgen: Aufbruch zum Basislager des Nevado Pisco. Große Euphorie.


Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán


– Huaraz 

Nach einer Woche in der Wildnis: erst mal wieder duschen und dann ein nettes Restaurant suchen. Wie gut es tat, wirklich raus zu sein. Plötzlich scheinen Dinge wieder möglich zu sein.

Meine Freude über das, was war.

2012. What a year. Januar: Totalabstinenz, Klarkommen, Ruhigstellen, kein Alkohol und keine Musik, bitte überhaupt keine Emotionen, lieber Nichtempfinden als mieses Empfinden. Februar: wieder Rantasten, mit Tendenz zur Rückfälligkeit, aber alles schon okay, der Weg stimmt.

Ich rufe meine Eltern an, die sich schon Sorgen gemacht haben, und laufe abends einfach die Straßen bergan, ich weiß nicht, wohin ich gehe.

März: Reise, Bruch, Reflexion, zum letzten Mal. April: so ein offener, weiter, breiter Sommer kündigt sich an, der viel verheißt, erahnen lässt. Mai: Umzug, eine Änderung der allgemeinen Umstände. Und auch: raus aus dem eigenen Hirn, irgendwie der Selbstverfolgung entkommen.

Oberhalb von Huaraz haben sich rund 400 Menschen versammelt. Bierkästen, ganze Schweine auf dem Grill, Volksfeststimmung. Was ich erst langsam begreife: Es soll hier einen Stierkampf geben. Die Leute suchen sich die besten Plätze am Hang. Trunkenheit und Handgemenge. Die Leute lachen mich an und sagen »gringo«.

Juni: Der Reisemoment, ein Monat entwurzelt, aber überall glücklich, viel Arbeit auch, ungewohnte Arbeit. Eine Zeit, die man erst im Rückblick als Wendepunkt erkennt. Brüssel, diese Sommernacht, Tanzen bei Madame Mustache, Morgensommerlicht, Herzklopfen, natürlich auch wieder eine Verklärung, aber doch: die Möglichkeit der Liebe. Da steht man wieder auf der Bühne des Lebens und sitzt nicht mehr in der Grübelkammer.

So irre, so vieles, dieses Jahr, das noch nicht einmal zu Ende ist. Blick auf die Berge hinter Huaraz nach einer Woche im Gebirge, nur mit dem Bergführer und mir selbst: fast schon zu gut dieser Sommer.

Bevor der Stierkampf richtig losgeht und die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, laufe ich wieder runter in die Stadt.

Mein Optimismus in dieser Stunde.


Huaraz
Huaraz
Huaraz


– Zurück in Lima –

In der Hitze des Mittags laufe ich nach Barranco. Ich bin allein und trinke Wein in einem kleinen Restaurant. Wie ich einfach ziellos umherlaufe und mich frage, was das soll.

Mein Versuch, durch das Verschwinden in der Ferne in der Heimat alle Teile noch mal neu zu ordnen, sie anders zusammenzusetzen, ein neuer Mensch zu werden.

Das Verschwinden gelingt besonders gut im Stadtverkehr. Junge Paare, die knutschen: Das ist immer ein schönes und gleichzeitig melancholisches Bild, weil es einen an Zeiten erinnert, wo nicht so viel ausgehandelt werden musste, weil es mehr gab, dass die Richtung, den Rahmen vorgab.

Der Gedanke: Die globale Urbanität als Sieg des Humanismus? Oder des Konsumismus? Der Sieg des Westens? Vielleicht fühlt man sich deshalb so wohl dabei, weil man nichts anderes mehr kennt. Aber vielleicht wollen sich junge Menschen einfach schicke Anziehsachen kaufen, mit ihren Freunden in der Mall abhängen und die neusten Lieder auf ihrem Smartphone haben. Und vielleicht ist das überhaupt nicht verkehrt.

Meine Erkenntnis: Die Reise an sich, also die Bewegung von einem Ort zu einem anderen, die man eher als Fortbewegung bezeichnen muss, ist erst einmal überhaupt nichts wert.

Wie kann das Reisen eine gänzliche andere Erfahrung sein als das Leben zuhause, wenn man sich den gleichen Mechanismen unterwirft?

Meine Verwirrung in dieser Frage.

Der letzte Abend am Plaza Mayor. Ich setze mich auf die Stufen der Kathedrale von Lima. Ich wälze die grundsätzlichen Fragen des Lebens. Vier Wochen sind vorbei, aber es kommt mir vor, als sei ich erst gestern angereist. Meine Rastlosigkeit.

Das Taxi Richtung Flughafen ist pünktlich.

Die Illusion, dass zu Hause alles anders wird.


Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco


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